Dr. Claudia Maicher
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Woran denken Sie, wenn Sie auf jüdische Kultur in Sachsen angesprochen werden? Ich denke, das ist sehr unterschiedlich. Ich denke, unser Wissen darüber, wie vielfältig und lebendig jüdische Kultur in Sachsen ist, hat in diesem Jahr einen großen Sprung gemacht. Das Themenjahr „TACHELES 2026. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“ zeigt eindrucksvoll jüdische Gegenwart und Geschichte. Mehr als 900 Veranstaltungen in über 80 kleinen und großen Städten haben stattgefunden: Konzerte, Ausstellungen, Gespräche, Performances, Stadtrundgänge, Lesungen, Filmvorführungen und vieles mehr. Mehr als 250 Kultureinrichtungen, Theater, Museen, Galerien, Clubs, soziokulturelle Zentren, Religionsgemeinschaften, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen haben sich beteiligt. Das zeigt, welche Breite und Strahlkraft das Themenjahr entwickelt hat. Besonders bemerkenswert finde ich, wie oft dabei eine Brücke geschlagen wurde zwischen der Erinnerung an das, was an jüdischem Leben, an Orten und Kulturerzeugnissen verloren ging, und dem, was jüdisches Leben heute ausmacht. Das Themenjahr zeigt, wie wir die Mahnung, die Erinnerung an Vernichtung und Zerstörung vor der eigenen Haustür wachhalten können. Das bleibt unverzichtbar, gerade angesichts eines Antisemitismus, dem wir entschieden entgegentreten müssen. Tacheles macht zeitgenössische jüdische Kultur und junge jüdische Akteurinnen und Akteure sichtbar. Darin liegt für mich ein besonderer Wert. Jüdische Kultur wird nicht allein über die Vergangenheit und die Wiederentdeckung von Spuren erzählt. Viele Menschen können sie unmittelbar erleben und die Vielfalt ihrer religiösen, künstlerischen, Dazu gehören aber auch Reformen, die sowohl die Interessen der heutigen Rentnerinnen und Rentner als auch der jungen Generation berücksichtigen. Die demografischen Herausforderungen auszublenden und die finanzielle Belastbarkeitsgrenze zu ignorieren, wird niemandem helfen – weder Jungen, noch Älteren. Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Meine Damen und Herren, ich rufe auf den in Sachsen dauerhaft stärken Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gesellschaftlichen und widersprüchlichen Facetten kennenlernen. In dieser Gesamtheit zeigt Tacheles: Jüdisches Leben gehört zu unserer Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es ist selbstverständlicher Teil eines offenen, demokratischen und vielfältigen Freistaates Sachsen. Die heutige Feierstunde zu 100 Jahren Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden im Landtag hat dafür ein wichtiges Zeichen gesetzt: Jüdisches Leben ist Teil Sachsens. Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, hat die Wirkung des Themenjahres in der ersten Jahreshälfte treffend beschrieben. Die jüdischen Gemeinden hätten gespürt, dass sie sich nicht in isolierter kultureller und religiöser Einsamkeit befänden, sondern ein unverzichtbarer Teil der sächsischen Kultur seien. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Daraus erwächst für uns die Verantwortung, diesen wichtigen Teil unserer Kultur über das Themenjahr hinaus zu stärken. (Beifall BÜNDNISGRÜNE) Mit unserem Antrag machen wir BÜNDNISGRÜNE einen Vorschlag, wie das gelingen kann. Wir werden in diesem Herbst intensiv über den nächsten Doppelhaushalt beraten. Klar ist: Ein besonderes Themenjahr lässt sich nicht in gleicher Intensität einfach fortschreiben. Aber wir sollten dafür sorgen, dass das Engagement, die neuen Verbindungen und das gewachsene Interesse an so vielen Orten nicht mit dem Jahresende verschwinden. (Beifall BÜNDNISGRÜNE) Daher wollen wir die Staatsregierung beauftragen, gemeinsam mit jüdischen Organisationen und den kulturellen Netzwerken ein langfristig wirksames Konzept zu entwickeln, für das wir die Erfahrungen dieses Jahres nutzen sollten. Welche Formate haben sich bewährt? Was brauchen Initiativen, damit Angebote auch zukünftig in der ganzen Fläche stattfinden können? Welche Strukturen helfen verlässlich? Hierbei geht es um finanzielle Förderung, aber ebenso um Beratung, Koordination und Vernetzung. Denn wir wissen: Das, was in diesem Jahr an strukturellem Fortschritt, Expertise und Vertrauen entstanden ist, erhält sich nicht von allein, schon gar nicht in Zeiten, in denen viele Kulturakteure erheblichen finanziellen Druck spüren. Ich halte zwei Punkte für besonders wichtig. Erstens kann ich mir gut vorstellen, dass eine kleine, erfahrene und effiziente Anlaufstelle für die Koordination und Vermittlung bestehen bleibt. Gerade kleinere Initiativen und neue Projekte profitieren von einem landesweit erreichbaren Ansprechpartner. Es liegt nahe, dafür an die im Themenjahr aufgebauten Kompetenzen und vor allem an das gewonnene Vertrauen anzuknüpfen. Ich möchte an dieser Stelle ganz herzlich dem Projektteam im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz für seine wichtige Arbeit danken. Ohne dieses Engagement wäre Tacheles nicht zu dem geworden, was wir alle miteinander erlebt haben. (Beifall BÜNDNISGRÜNE, CDU und Staatsregierung) Der langfristige Erfolg hängt entscheidend davon ab, dass wir die neu aufgebaute Expertise einer kulturspezifischen Förderung und die Vernetzung innerhalb der Kunst- und Kulturlandschaft weiter nutzen. Deshalb werbe ich ganz klar dafür, diesen Förderschwerpunkt innerhalb der Kulturförderung des Freistaates fortzuentwickeln. Das gilt auch für das Förderprogramm Jüdisches Leben in Kunst und Kultur der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, und das ist mein zweiter Punkt, der mir sehr am Herzen liegt. Im Regierungsentwurf für den Doppelhaushalt 2027/2028 ist es unter den Rasenmäher gekommen. Das geht, finde ich, so nicht und darüber wäre im Haushaltsverfahren in den nächsten Wochen noch zu reden. Im Antrag steht ein weiterer Punkt: Auch bei der Landesausstellung 2029 soll die jüdische Geschichte und Kultur in Sachsen selbstverständlich mitgedacht werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich sehr, dass es gemeinsam mit den Fraktionen von CDU, SPD und Linken gelungen ist, eine Mehrheit für dieses Anliegen zu finden. Die großen Schnittmengen unserer Fraktionen bei diesem Thema sind mit diesem Änderungsantrag, der Ihnen auch vorliegt, bekräftigt. Der Änderungsantrag gibt etwas mehr Zeit für die Erarbeitung eines Konzeptes und das ist auch sinnvoll. Denn eine sorgfältige Beteiligung der Akteure braucht genügend Zeit. Darüber hinaus werden die Leitplanken für das Konzept etwas offener formuliert, die konkreten Schritte werden dann bei der Konzepterstellung mit den Beteiligten diskutiert. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen herzlich für dieses gemeinsame Bekenntnis, das in dem Änderungsantrag zum Ausdruck kommt und dazu führt, dass daraus etwas Dauerhaftes erwächst, sodass jüdisches Leben und jüdische Kultur in Sachsen sichtbar, vielfältig und selbstverständlich bleiben können. Herzlichen Dank. (Beifall BÜNDNISGRÜNE und Staatsregierung)
