Franziska Schubert
Auf diesen Durchbrüchen baut die Idee eines europäischen EinsteinTeleskops auf. Als Instrument einer neuen Generation, dass Gravitationswellen dauerhaft und deutlich empfindlicher messen kann als bisherige Anlagen. Es wird uns neue Einblicke in die Entstehung des Universums, in schwarze Löcher und Neutronensterne sowie damit in die Fragen geben, die die Menschheit seit Jahrtausenden bewegen: Woher kommen wir? Wie ist das Universum entstanden? Welche Kräfte formen Raum und Zeit? Das ist Grundlagenforschung auf höchstem Niveau und zutiefst faszinierend. Doch dieses Projekt ist mehr als nur Forschung. Es verbindet Spitzenwissenschaft mit regionaler Entwicklung. Es bringt Menschen und Institutionen über Länder und Disziplingrenzen hinweg zusammen. Es eröffnet einer Region, die den Strukturwandel nicht fürchten muss, sondern aktiv gestaltet, eine zusätzliche starke Perspektive. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich komme aus der Lausitz. Ich kenne die Geschichte der Menschen dort. Viele haben erlebt, wie Arbeitsplätze verschwanden, wie Industrien weggebrochen sind und Betriebe geschlossen wurden. Viele haben erlebt, wie junge Menschen gegangen sind, weil sie für sich keine Zukunft sahen. Ich kenne aber auch die andere Seite dieser Region und das Herz, das in ihr schlägt, die Kraft, mit der Menschen anpacken, die Ideen, die sie entwickeln, und die Hartnäckigkeit, mit der sie Verantwortung für ihre Heimat übernehmen. Genau aus dieser Haltung heraus bewirbt sich die Lausitz um eines der bedeutendsten Großforschungsprojekte der Welt. Das ist kein Zufall. Das ist alles andere als selbstverständlich. Ich finde das großartig. Die Lausitz greift nach den Sternen im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Das ist weit mehr als nur ein schönes Bild. (Beifall BÜNDNISGRÜNE und SPD) Es ist ein selbstbewusster Anspruch einer Region und eines Freistaates im Aufbruch. Wer sich um eines der ambitioniertesten Forschungsprojekte Europas bewirbt, der sagt Folgendes: Wir trauen uns das zu. Wir haben das Knowhow. Wir haben die Flächen, die Menschen und den Willen, Teil internationaler Spitzenforschung zu sein. Konkret würde eine solche Ansiedlung bedeuten, dass Kinder und Enkel hierbleiben können, ihre Zukunft in der Region gestalten, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt in der Lausitz forschen, dort leben und junge Menschen in MINT-Fächern eine Perspektive sehen – nicht nur in München oder Berlin, sondern auch in Görlitz, in Bautzen oder in Hoyerswerda. Das ist Strukturwandel mit Substanz. (Beifall BÜNDNISGRÜNE) Die Lausitz bringt dafür heraus- und hervorragende Voraussetzungen mit. Der seismisch ruhige Lausitzer Granit ist ideal für den Betrieb hochsensibler Detektoren. Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik gibt es in Görlitz bereits ein international vernetztes Spitzenforschungszentrum. Hinzu kommen die TU Dresden, die Hochschule Zittau/Görlitz und die TU Bergakademie Freiberg, die mit ihrer besonderen Expertise in den Geoingenieur- und Naturwissenschaften das Projekt fachlich begleiten können. Langfristig kann und wird so ein regionales Forschungsökosystem von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung entlang der technologischen Wertschöpfungskette entstehen. Das stärkt die Lausitz, das stärkt Sachsen als Wissenschafts- und Technologiestandort im Herzen Europas und unsere Position im internationalen Wettbewerb. Besonders hervorheben möchte ich die europäische Dimension dieses Projektes. Das Einstein-Teleskop ist von Anfang an als ein europäisches Gemeinschaftsvorhaben gedacht. Genau darin liegt seine Stärke. Es eröffnet nämlich neue Räume für grenzüberschreitende Kooperation und wissenschaftliche Vernetzung. Die Lausitz ist mit ihrer Lage im Dreiländereck zu Polen und Tschechien dafür hervorragend geeignet. Vor diesem Hintergrund ist auch die Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen Sachsen und der Region Sardinien ein wichtiger Schritt. Jetzt gilt es, diese Kooperation weiter zu vertiefen und die europäische Dimension noch sichtbarer zu machen – nicht gegeneinander, sondern gemeinsam. So funktioniert europäische Spitzenforschung. Für uns BÜNDNISGRÜNE bleibt dabei ein Punkt zentral: Die langfristige wissenschaftliche Nutzung der Lausitz steht im klaren Widerspruch zu einer möglichen Nutzung als Atomendlager. Wer ernsthaft in Forschung investieren, junge Menschen gewinnen und halten möchte, der muss Prioritäten setzen. Das Einstein-Teleskop steht für eine nachhaltige wissensbasierte Entwicklung in die Zukunft. Ein Atomendlager tut das nicht. (Beifall BÜNDNISGRÜNE) Lassen Sie mich zum Schluss Folgendes sagen: Politik für die Lausitz im Strukturwandel muss von Respekt getragen sein – Respekt vor den Menschen, die dort leben, Respekt vor ihrer Arbeit, ihrer Lebensleistung, ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft. Das Einstein-Teleskop ist eine Chance, diesen Respekt konkret zu machen: durch Investitionen, Arbeitsplätze und Perspektiven. Es geht hierbei um ein Vorhaben von außergewöhnlicher wissenschaftlicher Tragweite. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir stehen in der Lausitz an einer Weggabelung. Die Frage ist einfach: Wofür soll diese Region in zehn oder 20 Jahren stehen? Als BÜNDNISGRÜNE sagen wir dazu: für einen Ort, an dem Spitzenforschung, Internationalität und regionale Entwicklung Hand in Hand gehen, für gute Arbeit, für Wertschöpfung vor Ort und eine Region mit Zukunft. Deshalb setzen wir uns mit Nachdruck für die Ansiedlung des Einstein-Teleskops in der Lausitz ein. Ich lade Sie alle ein, sich heute mit uns dahinter zu versammeln und damit ein klares Zeichen in die gesamte Bundesrepublik und nach Europa zu senden. Vielen Dank. Erste Vizepräsidentin Ines Saborowski: Vielen Dank. Für die einreichende Fraktion sprach Frau Kollegin Schubert. Es folgt für die CDU-Fraktion Herr Abg. Fritzsche, bitte.
