Franziska Schubert
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Für mich ist das Thema 75 Jahre Charta der Heimatvertriebenen ebenfalls kein abstraktes Thema; denn es ist auch Teil meiner eigenen Familiengeschichte. Meine Großeltern mütterlicherseits wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Sudeten vertrieben. Meine Großmutter hatte 1945 einen einjährigen Sohn, als sie ohne ihren Mann heimatvertrieben wurde, und mein Großvater war bis 1948 in französischer Kriegsgefangenschaft. Er hatte gar keine Heimat mehr, in die er zurückkehren konnte. Diese Erfahrung hat die Biografien sowohl meiner Großeltern als auch meiner Eltern und sicherlich auch meiner Generation geprägt, sie wirkt bis heute nach. Ich erinnere mich sehr genau, wie es damals war, als die Grenzen endlich offen waren, als wir diese Orte zusammen besuchten. Die Bauernhöfe, das Wegekreuz, den Friedhof, das heutige Jablonné v Podještědí – damals Deutsch Gabel – und wie mich meine Großmutter auf die Treffen der Sudetendeutschen mitnahm. Wir haben es heute bereits bei Herrn Dr. Eppinger und Herrn Richter gehört: Auch bei einigen hier im Haus ist es Teil der Familiengeschichte. Sich damit auseinanderzusetzen, ist keine Nostalgie, sondern das ist meiner Meinung nach zentral, wenn wir die Identitätsfragen der Gegenwart besprechen wollen, die insbesondere in Ostdeutschland tatsächlich eine Relevanz haben. Ich selbst bin als Politikerin immer wieder bei den Treffen der Böhmischen Niederländer, die aus dem Schluckenauer Zipfel vertrieben worden sind, gewesen. Sie treffen sich nach wie vor in Seifhennersdorf, obwohl sie schon sehr alt sind. Dort habe ich erfahren, wie Erinnerung weitergetragen werden kann und wie sich das Erlebte mit der Gegenwart verbinden muss. Wenn wir auf die Entstehung der Charta der Heimatvertriebenen schauen, dann müssen wir – wir haben es heute bereits gehört – beides würdigen. Zum einen war es 1950 eine Entscheidung, auf „Rache und Vergeltung“ zu verzichten und stattdessen Integration und ein geeintes Europa einzufordern. Das war eine echte Leistung. Zum anderen finden wir aber dieses „Recht auf Heimat“ als gottgegebenes Grundrecht. Historisch mag das verständlich sein, aus dem Schmerz der Vertreibung geboren, aber heute ist das eine Formulierung, die wir kritisch reflektieren müssen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Charta den Fokus vor allem auf das Leid der deutschen Heimatvertriebenen legte. Die Verantwortung Deutschlands für die nationalsozialistischen Verbrechen kommt darin nicht vor. Das gehört aber zur gesamten Wahrheit dazu und muss immer wieder mit benannt werden. Ich bin überzeugt: Erinnerung ist kein Selbstzweck, sie ist Grundlage für unsere Demokratie. Wenn wir geschichtsvergessen werden, dann öffnen wir Tür und Tor für Umdeutung, für Relativierung und für Populismus – das alles ist gefährlich. Wir würdigen den Beitrag der Charta, ja, aber Erinnerungskultur muss immer weiterentwickelt werden. Sie muss Haltung, Verantwortung und Vielfalt verbinden. Was heißt das für die Gegenwart? Erstens. Erinnerung darf nicht exklusiv sein. Wir müssen die Perspektiven unserer Nachbarländer und auch die Geschichten anderer Gruppen, die unter Krieg, Diktatur und Vertreibung gelitten haben, einbeziehen. Zweitens. Es braucht politische Unterstützung für Gedenkstättenarbeit, für historische Bildung, für interkulturelle Initiativen. Gerade heute, wo wir wieder mehr Feindlichkeit und Demokratieverachtung erleben, ist das unerlässlich. Drittens. Wir brauchen die jungen Menschen. Wir müssen sie einbinden: mit Zeitzeugenprojekten, mit Schüleraustauschen, mit grenzübergreifenden Begegnungen; denn Erinnerung lebt ja nur dann weiter, wenn die nächsten Generationen sie mitgestalten und mittragen. Viertens. Die Erzählungen von Vertreibung und Flucht, das Aufgenommenwerden oder die Zurückweisung und Ausgrenzung, der Kampf um ein neues Leben, der Schmerz des Verlustes von Heimat – all das stattet uns eigentlich mit dem aus, was wir auch im Umgang mit Schutzsuchenden immer zeigen sollten: Mitgefühl. Auch das ist eine Ehrbezeugung und Verneigung vor dem Schicksal der Heimatvertriebenen unserer Familien. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Gelingendes Erinnern geht über Symbolik hinaus. Es schafft Verständigung im Hier und Jetzt und verbindet Menschen über Grenzen hinweg. 75 Jahre Charta der Heimatvertriebenen ist für uns ein Auftrag für eine demokratische, solidarische und versöhnliche Erinnerungskultur in Sachsen, damit wir das Erbe der Vergangenheit nicht nur bewahren, sondern es in die Zukunft tragen und in der Gegenwart mit Würde ausstatten, im Umgang mit jenen, die heute zu uns kommen. Vielen Dank. (Beifall BÜNDNISGRÜNE, CDU, SPD und Staatsregierung) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Wir hörten Frau Abg. Schubert für die Fraktion BÜNDNISGRÜNE. Als Nächstes spricht Herr Abg. Gebhardt für die Fraktion Die Linke.
