Oliver Fritzsche
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordneten! Wir sprechen heute über die Zukunft des Wissenschaftslandes Sachsen, über eine Zeit voller Herausforderungen, aber auch voller Chancen. Für uns als CDU-Fraktion ist klar, dass unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen ein Schlüssel für eine gute Zukunft unseres Landes sind. Herr Urban, hierzu möchte ich sehr deutlich Folgendes sagen: Unsere Hochschulen und unsere Wissenschaftslandschaft haben nicht nur eine wirtschaftliche Dimension, sondern auch eine gesellschaftliche, kulturelle und soziale Dimension. Wir alle wollen in einer freien, weltoffenen und demokratischen Gesellschaft friedlich zusammenleben. Deshalb dürfen Sie das nicht so verkürzt darstellen. (Beifall CDU und Die Linke) Sehr geehrter Herr Staatsminister Gemkow, vielen Dank für die Fachregierungserklärung und von dieser Stelle vielen Dank an alle, die sich in Vergangenheit und Gegenwart um die sächsische Wissenschaftslandschaft verdient gemacht haben. (Beifall CDU und Staatsregierung) Ich möchte noch einmal Folgendes feststellen: Sachsen verfügt über eine exzellente und dicht verwobene Hochschul- und Forschungslandschaft. Das ist ein klarer Standortvorteil in herausfordernden Zeiten. Der Freistaat beherbergt vier Universitäten, fünf Hochschulen für angewandte Wissenschaften, fünf Kunsthochschulen und die Duale Hochschule Sachsen mit sieben Standorten, dabei fünf außerhalb der großen Städte. Das heißt, auch in diesem Bereich betreiben wir aktive Strukturpolitik. Darüber hinaus ergänzen zahlreiche staatlich anerkannte und private Hochschulen die sächsische Hochschullandschaft. Diese dichte Struktur bildet die Grundlage unserer Landschaft hier in Sachsen. Die Frage ist nun: Wie stärken wir dieses System, damit es in turbulenten und schwierigen Zeiten trägt? Sachsen verfügt zusätzlich über rund 50 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, beispielsweise Fraunhofer und die Leibniz-Gemeinschaft, Max Planck- und die Helmholtz-Einrichtungen sowie unsere landeseigenen Forschungsinstitute – eine thematisch breite Landschaft von der Mikro- und Nanoelektronik über Materialwissenschaften bis zur Biomedizin. Diese Institute sind wesentliche Partner für Transfer und Innovation in unserem Freistaat. Mit diesem Netzwerk, einer verlässlichen Grundfinanzierung und den gezielten Fördermaßnahmen haben wir die Zutaten für eine forschungsstarke Zukunft. Ziel und Ergebnis sind klar: Transfer, Ausgründung und internationale Vernetzung. Diese Dichte an Einrichtungen macht uns europaweit und international sichtbar. Die beiden Großforschungszentren, die sich nun im Aufbau befinden – Minister Gemkow hat darauf hingewiesen –, werden diese Sichtbarkeit noch weiter verstärken. Wir stehen zu unserer Verantwortung und stellen im Wissenschaftsetat jährlich rund 2 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Zuschussvereinbarung des Freistaates, welche mit unseren staatlichen Hochschulen geschlossen wurde, sieht eine dauerhafte Finanzierung der sächsischen Hochschulen auf einem hohen Niveau vor. Diese Mittel sind die Grundlage, aber sie wirken nur, wenn Forschung und Hochschule eng mit Wirtschaft und Gesellschaft verbunden sind. Auch die Bindung der Absolventinnen und Absolventen ist ein zentrales Ziel im Wissenschaftsland Sachsen. Unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen bieten hervorragende Bedingungen für Studium und Lehre. Das zeigen auch die Ergebnisse der aktuellen Sächsischen Absolventenstudie. Seit dem Jahr 2008 werden die Absolventinnen und Absolventen unserer Hochschulen regelmäßig nach der Zufriedenheit mit dem Studium sowie ihren Perspektiven für den Berufseinstieg befragt. Kein anderes Bundesland verfügt über vergleichbar umfassende Daten zum Berufseinstieg und Berufsverlauf seiner Studentinnen und Studenten. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der sogenannte Klebeeffekt, das heißt, die sehr hohe Bindung der Absolventinnen und Absolventen an den Freistaat Sachsen. Deutlich wird dabei, dass diejenigen, die hier studieren, zu großen Teilen im Freistaat bleiben. Dies gilt insbesondere für die Examensstudiengänge, beispielsweise Medizin, aber auch Rechtswissenschaften und vor allem das Lehramt. Laut der neuesten Studie treten über 60 % der Absolventinnen und Absolventen ihre erste Beschäftigung in Sachsen an. Über die Jahre hinweg hat sich diese Zahl kontinuierlich erhöht. Bei den hier Aufgewachsenen – den sogenannten Landeskindern – sind es sogar über 80 %. Auch hier stieg die Zahl im Vergleich zu den vorherigen Studien an. Der Klebeeffekt des Studiums insgesamt darf nicht unterschätzt werden; denn 44 % derer, die für das Studium nach Sachsen gekommen sind, beginnen hier ihre Erwerbsbiografie. Fragt man nun die Absolventen, ob sie ihr Studium erneut in Sachsen beginnen oder es hier zu Ende führen würden, antworten immerhin 94 % mit Ja. Das ist doch ein deutliches Signal für die hohe Qualität der Ausbildung im Freistaat. Zudem zeigen die Beschäftigungsquoten gute Perspektiven in Sachsen nach dem Studium. Unser Ziel ist es, in Zukunft Fachkräfte zu binden, um die sächsische Wirtschaft zu unterstützen. Auch im Bereich der Forschung wird großartige Arbeit geleistet. Selbstverständlich benötigen wir auch hier noch mehr Austausch mit den Unternehmen, zwischen Unternehmen und Hochschulen und einen starken Transfer innovativer Ergebnisse. Erfolgreiche Ausgründungen können gelingen – auch das klang in der Rede von Herrn Urban an –, und deshalb sollte man es deutlicher nach vorn stellen. Es gibt zahlreiche Beispiele: die Novaled GmbH in Dresden, die Wandelbots, die DuCem Unternehmensgesellschaft in Freiberg, die SaxonQ GmbH an der Uni Leipzig oder ESTER Biotech an der Uni Leipzig. Diese beschäftigen sich mit unterschiedlichen Fragestellungen. Auch hier gibt es die Spannbreite von der Materialwissenschaft bis zur Biomedizin. All diese Beispiele zeigen: Aus exzellenter Forschung entstehen Arbeitsplätze, Wertschöpfung und internationale Sichtbarkeit. Klar ist aber auch: Im Transfer in die Wirtschaft müssen wir in Zukunft noch besser werden, Ausgründungen müssen und sollen nach unseren Möglichkeiten besser unterstützt werden. Neben einer kompetenten Beratung ist dabei die finanzielle Unterstützung sehr hilfreich. Auch hierfür ist ein langer Atem wichtig. Lassen Sie mich damit noch zu einem besonders wichtigen Punkt kommen: der Internationalisierung als ein wesentlicher Bestandteil unserer Fachkräftestrategie. Der Fachkräftemangel trifft unsere Wirtschaft insbesondere im MINT-Bereich. Auf die demografischen Herausforderungen, die sowohl an den Hochschulen als auch in der Gesellschaft insgesamt auf uns zukommen, hat Sebastian Gemkow bereits hingewiesen. Internationale Studentinnen und Studenten bieten hier eine große Chance. Die Zukunft Sachsens als Wissenschaftsland hängt maßgeblich davon ab, ob wir ausreichend qualifizierte Fachkräfte finden und diese auch bei uns binden, im besten Falle hier ausbilden und ihnen ein Leben im Freistaat Sachsen ermöglichen. Die sächsischen Zahlen sind nicht schlecht. Aber natürlich können wir hierbei noch besser werden. Auch dies zeigt die Sächsische Absolventenstudie, die bereits mehrfach zitiert wurde. Diese zeigt, dass wir in diesem Bereich gut aufgestellt sind, aber auch, dass die Verbleibsquoten noch nicht so hoch sind wie bei deutschen Studentinnen und Studenten. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, welche ich an dieser Stelle nur kurz anreißen möchte. Es gibt immer noch zahlreiche Sprachbarrieren im Alltag, aber auch im Studium und nicht zuletzt beim Eintritt in den Arbeitsmarkt. Während des Studiums haben gerade internationale Studierende mit fehlenden Nebenjoboptionen zu kämpfen. Sie haben eine Reihe von Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt. Aber – und das muss man eben auch sagen – sie machen von Zeit zu Zeit auch Erfahrungen mit Diskriminierung und der persönlichen Sicherheit. Diese Dinge müssen stärker diskutiert werden. Es kann nicht sein, dass gerade jüdische Studentinnen und Studenten Sorge um Leib und Leben haben müssen, weil propalästinensische Gruppen den Campus dominieren. (Beifall CDU und SPD) Ebenso kann es nicht sein, dass Studentinnen und Studenten aus Afrika sich um ihre Sicherheit sorgen, weil rechtsextreme Gruppen, Freie Sachsen und andere den angeblich willkommenen kenianischen Austauschstudenten nicht vom somalischen Asylbewerber unterscheiden. Diese Unterscheidung wäre fatal, aber wir müssen mit einer klaren Botschaft, dass wir diesen Rassismus hier nicht dulden, nach außen treten und der Welt ein klares Signal des Willkommens setzen. Ansonsten geraten wir allein schon aus demografischen Gründen in allergrößte Schwierigkeiten. (Beifall CDU und SPD) Insgesamt müssen wir die Ursachen noch besser analysieren, was es denn ausmacht und wie es in Zukunft besser gelingen kann, ausländische Studentinnen und Studenten nicht nur ins Land zu holen, sondern auch nach dem Abschluss ihres Studiums an den heimischen Arbeitsmarkt zu binden. Genau hier setzen viele Universitätsstädte schon an, zum Beispiel mit Welcome-Centern in Leipzig und Dresden; aber auch an den kleineren Hochschulstandorten gibt es entsprechende Initiativen. Auch diese Initiativen müssen in Zukunft mit den Arbeitgebern vor Ort besser vernetzt werden. Abschließend ist festzuhalten: Sachsen verfügt über Talente, die notwendigen Strukturen sowie eine gesicherte Finanzierung. Jetzt kommt es darauf an, Forschung auch in Wertschöpfung zu verwandeln und internationale Absolventinnen und Absolventen als Fachkräfte zu binden. So bleibt Sachsen ein Wissenschaftsland von europäischem und internationalem Rang für die Menschen von hier und für die, die zu uns kommen. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall CDU)
