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Jessica Steiner

CDU 21.05.2025 Sitzungen 8/13

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Bei Ihrer gestrigen Presseerklärung behaupteten Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der GRÜNEN, die Diskussion um bessere Schulfähigkeit führe dazu, dass weniger auf individuelle Bedürfnisse eingegangen werden könne. Anlass war augenscheinlich unser Vorschlag, die Sprachkompetenzen von Kindern im Alter von vier Jahren zu testen, um schneller und gezielter fördern zu können, bevor die Einschulung erfolgt. Für mich ist die Trennung dieser beiden Ansätze, die Sie vornehmen, nicht nachvollziehbar. In der Pflege und der Medizin wird jede Person nach standardisierten Verfahren eingeschätzt, und zwar nicht um sie zu kategorisieren, sondern um die individuell bestmögliche Behandlung zu ermöglichen. Es wird dort nicht nach Schema F gepflegt oder therapiert, sondern auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen und erprobten Verfahren, die an die persönlichen Bedürfnisse angepasst werden. Standardisierte Verfahren sind ein Werkzeug für mehr individuelle Unterstützung und nicht deren Gegenteil. Ebenso wenig geht es bei den Sprachniveautests in der frühkindlichen Bildung um ein Etikett, das Kindern aufgedrückt werden soll. Es geht darum, dass pädagogische Fachkräfte möglichst früh einen umfassenden Blick über die Bedürfnisse eines jeden Kindes in ihrer Gruppe erhalten. Wo liegen die Stärken? Wo ist Förderbedarf? Wie können wir so unterstützen, damit jedes Kind seinen Weg gehen kann, mit passgenauer persönlicher Begleitung? Nur wer genau hinschaut, kann gezielt helfen. Nur wer evidenzbasiert arbeitet, kann auch Brüche bei Betreuungswechseln verhindern. Sie, liebe GRÜNE, scheinen der Meinung zu sein, dass die Schulfähigkeit und die individuellen Bedürfnisse bzw. unterschiedlichen Voraussetzungen gegensätzliche Dinge sind. Doch was steht denn der Schulfähigkeit meistens im Weg, wenn nicht die unerfüllten Bedürfnisse oder die unterschiedlichen Voraussetzungen? Die gemeinsame Sprache ist unserer Meinung nach eine der wichtigsten Voraussetzungen. Wer seine Umwelt nicht versteht oder sich nicht gut verständlich machen kann, der kann Hilfebedarfe nicht anzeigen und ist in seiner Selbstbildungskompetenz eingeschränkt. Dem wollen wir begegnen, bevor negative Schulerlebnisse eintreten und das Selbstbewusstsein der Kinder und ihre Entwicklung gefährden. Eine frühe Förderung ist der beste Schutz vor einem späteren Scheitern. Wer ausschließlich auf die Selbstbildung pocht, der verliert aus dem Blick, dass Kinder mit sehr unterschiedlichen Startvoraussetzungen in die Schulen kommen. Zu viel Medienkonsum, eine fehlende Sprachpraxis oder belastete Lebenslagen: All das kann ein Kind beeinträchtigen. Deshalb braucht es beides: das pädagogische Gespür für das einzelne Kind und objektivierte standardisierte Verfahren, die das pädagogische Augenmaß ergänzen und eine Kontinuität der Förderung ermöglichen, wenn Pädagogen oder Einrichtungen wechseln. Vor allem dort, wo die Startchancen ungleich sind, braucht die Selbstbildungskompetenz diese Hilfsmittel sowie eine unterstützende Anleitung, damit sie überhaupt erst zum Tragen kommen kann. Wer will, dass die Herkunft nicht Schicksal ist, muss frühzeitig erkennen und adressieren, was Kinder brauchen, und zwar nicht durch die bloße Erfahrung, sondern auf der Grundlage einer individuellen, fachlich gestützten Bewertung. Frühe Einschätzung ist keine Selektion, sondern der Schlüssel zur Gerechtigkeit. Ich weiß, dass manche befürchten, solche Verfahren würden sich nur auf die Defizite konzentrieren. Aber auch hier hilft ein Blick über den Tellerrand. Eine Pflegeplanung startet immer mit dem Sammeln von Informationen und dem Identifizieren von Ressourcen und Problemen. Als CDU trauen wir unseren Pädagoginnen und Pädagogen zu, die Stärken der Kinder bei der Anwendung von standardisierten Screeningtools nicht aus dem Blick zu verlieren. Es geht nicht darum, Defizite festzuschreiben. Es geht darum, Entwicklungspotenziale aufzudecken und mit dem Fördern zeitiger und zielgenauer zu beginnen, insbesondere bei der sprachlichen Entwicklung. Deshalb ist es gut, dass wir morgen den fraktionsübergreifenden Antrag einiger Kollegen zur Stärkung der Schulvorbereitung beraten, der neben vielen wichtigen Vorschlägen auch den vermeintlichen Dissens in dieser Sache entschärft, indem missverständliche Begriffe aus der Debatte genommen werden, ohne sich von den guten Ansätzen des Bildungsplanes und den Erkenntnissen der Erziehungswissenschaften zu entfernen. Wörter dürfen entschärft werden. Die Wirksamkeit der Instrumente hingegen darf nicht abnehmen. Während der Erfolg vieler Länder der Erde vor allem auf ihren natürlichen Rohstoffen beruht, entspringt der Wohlstand des Landes der Dichter und Denker, der Erfinder und Ingenieure, der Erfolg von „Made in Germany“ seit Langem den Köpfen unserer Bevölkerung. Das verpflichtet uns zu einer Bildungspolitik, die sich an Fakten und Best Practices orientiert. Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig. Laut IGLUStudie 2021 erreichen 25 % der Viertklässler nicht einmal mehr den internationalen Mindeststandard im Lesen. Auch der IQB-Bildungstrend zeigt: Die Leistungen in Deutsch und Mathematik sind in fast allen Bundesländern zurückgegangen. Wir haben leider ein Bildungsproblem und keine Zeit zu verlieren. Ich möchte gar nicht auf volkswirtschaftliche Folgen eingehen. Die sind uns allen bekannt. Aber jeder einzelne Fall, bei dem es uns nicht gelingt, ein Kind frühzeitig zu fördern, ist eine persönliche Tragödie. Denn Bildung entscheidet häufig darüber, ob ein Mensch sein Leben später nach den individuellen Bedürfnissen und Wünschen führen kann oder durch ökonomische Zwänge eingeschränkt wird. Wer in der Schulzeit weniger Kompetenzen erwirbt, hat weniger Möglichkeiten, seine individuellen Stärken in eine persönliche Erfolgsgeschichte zu verwandeln. Letzte Woche durfte ich gemeinsam mit einem Mitglied der GRÜNEN-Fraktion eine Schule im kanadischen Toronto besuchen. Deren Schüler stammen aus etwa 60 Herkunftsländern und sprechen 36 Muttersprachen. Trotzdem gelingt es dieser Schule, aus einer früheren Brennpunktlage heraus überdurchschnittlich häufig Bildungserfolg zu organisieren. In Kanada hat jedes Kind Anspruch auf einen individuellen Bildungsplan, erstellt auf Basis von standardisierten Assessments und kontinuierlicher persönlicher Einschätzung durch Pädagogen im multiprofessionellen Team. Auch bei uns ersetzt das eine das andere nicht. Es geht um die Kombination, die Verbindung von Daten und Dialog, von Verfahren und menschlichem Blick. Die PISA-Ergebnisse Kanadas gehören zur Weltspitze, und zwar bei hoher sozialer Durchlässigkeit. Kanada zeigt uns: Individualität, Vielfalt und standardisierte Verfahren schließen sich nicht aus. Sie ergänzen sich und führen gemeinsam zu einem starken Bildungssystem. Ich glaube, wir sind vereint im Ziel, einem Bildungssystem, das Kindern den Weg in ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben ebnet und ihnen ermöglicht, ihre Stärken in Gesellschaft und Wirtschaft einzubringen. Aber wir werden in der Bildungspolitik und in der Gesellschaft nur dann erfolgreich sein, wenn wir Vielfalt nicht nur fordern, sondern auch die pädagogischen Werkzeuge erweitern. Ihre Haltung zu Sprachtests im Elementarbereich, liebe Kolleginnen und Kollegen von den GRÜNEN, teilen wir nicht. Wir wollen keinen Gegensatz. Wir wollen unter anderem Sprachniveauermittlungen im Alter von vier Jahren als Voraussetzung für eine Verbesserung der individuellen Förderung. Deshalb lehnen wir diesen Antrag ab. Vielen Dank. (Beifall CDU und Staatsregierung) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Wir hörten Frau Steiner von der CDU-Fraktion. Als Nächste spricht Frau Penz von der AfD.

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