Iris Firmenich
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Verehrter Herr Kuhnert! In der Tat, die Situation an Sachsens Schulen macht uns Sorgen. Der Unterrichtsausfall ist viel zu hoch, und wir müssen die Unterrichtsversorgung deutlich verbessern. Da sind wir uns einig. Die Lehrerbildung dazu in den Blick zu nehmen, ist richtig und auch wichtig. Wo stehen wir aber zurzeit in Sachsen? Sie sagen, wir hätten keinen Erfolg, junge Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen. Wie sieht es aus? Das stimmt so nicht. Jährlich stehen 2 700 Studienanfängerplätze an unseren Unis zur Verfügung, aber wir können diese Plätze nur mit circa 2 500 besetzen. Offensichtlich ist das Potenzial ausgeschöpft. Wenn von circa 10 000 Abiturienten in Sachsen pro Jahr etwa 2 500 ein Lehramtsstudium aufnehmen, dann ist das jeder vierte. Klar, darunter sind auch zahlreiche Bewerber aus anderen Ländern, aber unterm Strich gibt es eben nur eine begrenzte Zahl an potenziellen Studienanfängern. Wichtig ist – und da sind wir uns einig –, dass es gelingt, diese zukünftigen Lehrer zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Deshalb sind Studienerfolgsprojekte weiterhin notwendig und werden auch angeboten. Mehr Praxis an den Anfang des Studiums zu legen – das ist in Arbeit. Im Rahmen spezieller Projekte ermöglichen die Unis in Leipzig und Dresden ihren Lehramtsstudierenden Praxiserfahrungen an Schulen, auch im ländlichen Raum. Sie sprachen davon. Bei der Bewertung der Studienerfolgsquoten – Sie sagen Abbruchquoten – muss man aber berücksichtigen, dass bei dieser Statistik Studiengangwechsler mitgezählt werden, auch diejenigen, die sich erst einmal im Lehramt Oberschule einschreiben und dann später ins Lehramt Gymnasium wechseln. Sie werden am Ende aber trotzdem Lehrer. Die Bewerberzahlen für Grundschul- und gymnasiales Lehramt sind hoch, nicht aber so bei Förderschulen, Oberschulen und für das Berufsschullehramt. Warum ist das so? Abiturienten kennen in der Regel nur die Grundschule und das Gymnasium aus eigenem Erleben, und das beeinflusst natürlich ihre Berufswahl. Ich glaube, es ist wichtig, deshalb frühzeitig und gezielt für ein Lehramtsstudium für Oberschule, Förderschule und berufliche Schulen zu werben, auch an beruflichen Gymnasien und an Oberschulen selbst. Das FSJ Pädagogik bietet jungen Menschen die Möglichkeit, einmal in solche Schulen hineinzuschnuppern, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen; denn Lehrer in Sachsen zu werden kennt viele Wege. An den Unis in Leipzig und Chemnitz sind die Modellstudiengänge Primarstufe Plus und die Schulstufenausbildung angelaufen. Modelle der Kooperation zwischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften und den lehrerbildenden Unis sind ebenfalls in Gang gekommen, so zwischen der HAW Zittau/Görlitz und der Uni in Leipzig für das Lehramt an Förderschulen und zwischen der HAW in Mittweida und in Zwickau und der TU Dresden für das Lehramt an berufsbildenden Schulen. Noch haben wir dort wenige Teilnehmer, aber ich hoffe, dass die Einlaufkurve ansteigt. Die Bergakademie Freiberg beginnt mit einem Modellprojekt für Abgänger von Oberschulen, um ihnen eine Ausbildung als Lehrer für MINT-Fächer an Oberschulen zu ermöglichen – auch ein neuer Weg. Darüber hinaus hat sich inzwischen der Weg als Seiteneinsteiger ins Lehramt in Sachsen fest etabliert. Die Zugangsvoraussetzungen wurden in diesem Frühjahr nochmals angepasst und die Einstiegsmöglichkeiten weiter geöffnet. Natürlich gehören flexible und bedarfsgerechte Angebote zur Weiterqualifizierung der Seiteneinsteiger zwingend dazu. Das ist anspruchsvoll, und es kostet auch Ressourcen, zum Beispiel Lehrkräfte, die deshalb nicht vor einer Klasse stehen, sondern in der Ausbildung von Studierenden oder auch Seiteneinsteigern eingesetzt sind. Die duale Hochschule in die Lehramtsausbildung einzubeziehen, darüber haben wir nachgedacht, jedoch aufgrund der speziellen Rahmenbedingungen und der Studienorganisation davon abgesehen. Weiterhin haben wir den Einstieg in den Lehrerberuf für sogenannte Ein-Fach- oder Doppelfachlehrkräfte in den Fächern Musik und Kunst ermöglicht und dadurch auch dazu beigetragen, dass die Bewerberzahlen in diesen Fächern an den Musikhochschulen wieder ansteigen, und ich finde, das ist ein gutes Signal. (Beifall Gerald Eisenblätter, BSW) Sehr geehrte Damen und Herren von der AfD, vieles von dem, was Sie von der Staatsregierung geprüft haben wollen, passiert schon und zeigt Erfolge: die Grundschullehrerausbildung an der TU Chemnitz zum Beispiel mit einer hohen Verbleibsquote der Absolventen in der Region. Auch die Etablierung der zweiten Phase der Lehramtsausbildung in Annaberg-Buchholz hat ihr Ziel, nämlich die Bindung der Absolventen in der Region, erreicht. Gleiches wird in Löbau passieren, davon bin ich überzeugt. Es gibt sie also längst, die von Ihnen geforderten alternativen und neuen Wege in die Lehrerausbildung bzw. in den Beruf direkt hinein. Das alles leisten wir mit vorhandenen Strukturen, mit unseren Hochschulen, mit den Seminaren und mit all den motivierten Schulen, die den Lehrkräften in spe das praktische Rüstzeug vermitteln, das sie brauchen, um vor der Klasse bestehen zu können. Ihnen gebührt für ihr Engagement Anerkennung und ein großer Dank. Dafür braucht es keine pädagogische Hochschule. Es ist effektiver, innerhalb bestehender Strukturen zielgerichtet nachzusteuern und für eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Aus- und Weiterbildung zu sorgen. Auch die Zusammenführung der Ausbildung für Lehrkräfte an Schulen und pädagogische Fachkräfte für Kitas ist nicht zielführend. Die Anforderungen an die einzelnen Professionen passen nicht zusammen. Angebote für die akademische Ausbildung für den frühkindlichen Bereich gibt es in Sachsen zur Genüge, beispielsweise hier in Dresden an der Evangelischen Hochschule. Gemeinsame Weiterbildungen zwischen Lehrkräften und pädagogischem Fachpersonal aus Kitas und Horten sind in jeden Fall sinnvoll, und sie finden statt, nämlich vor Ort und organisiert von den Trägern der Einrichtung, von den Jugendämtern der kreisfreien Städte und Landkreise oder anderen Anbietern. Auch dazu brauchen wir keine neuen Strukturen. Nichtsdestotrotz sehen auch wir noch genügend Herausforderungen für ein bestmögliches und zukunftsorientiertes Bildungsangebot vom frühen Kindesalter an bis zum lebenslangen Lernen. Wir müssen dabei mit den vorhandenen Ressourcen auskommen und sie effektiv einsetzen. Wir müssen aber auch auf die Demografie achten und die Bedarfe der Zukunft vorausschauend planen und rechtzeitig die Weichen stellen. Andererseits wissen wir nicht, welche unvorhersehbaren Ereignisse auf uns zukommen, die eventuell alle Planungen gegenstandslos machen, wie es durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine geschah, als viele Menschen zu uns kamen, viele Kinder mitkamen, die in der Kita oder in der Schule untergebracht bzw. geschult werden müssen. Ihr Antrag leistet dazu jedoch keinen nützlichen Beitrag. Er ist zu oberflächlich und zu pauschal. Wir werden die Lehrerbildung demnächst auf die Tagesordnung setzen, tiefgründiger und mit mehr Substanz analysieren, und Sie können sich dann gerne konstruktiv in den Diskurs einbringen. Sie haben ohnehin gesagt, es ist ein Anfang heute. Wir lehnen Ihren Antrag heute jedoch ab. Vielen Dank. (Beifall CDU, SPD, BÜNDNISGRÜNE und Staatsregierung) Vierter Vizepräsident Albrecht Pallas: Das war in der ersten Ausspracherunde Frau Kollegin Firmenich von der CDU-Fraktion. Es folgt die Fraktion Bündnis Sahra Wagenknecht mit Herrn Kollegen Wurzler. Bitte schön, Sie haben das Wort.
