Lars Wurzler
Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ohne lange Vorrede kommen wir zu den – sagen wir es so – problematischen Punkten. Wie heißt es in der Bibel? „Wer Wind sät, wird“ – je nach Übersetzung – „Sturm ernten.“ Genauso ist es gekommen. Ganz oben auf der Liste der Neuregelungen der Altersermäßigungen – für die, die damit nichts anfangen können, einfach formuliert – steht: Je älter man ist, desto weniger Unterrichtsstunden muss man halten. Sollte hier jemand denken, das beträfe nur einige wenige, so ist das weit gefehlt, liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete. Es sind viele. Ich mache es konkret. An dieser Stelle ein Dank an die Kollegin Penz, die mit Ihrer Anfrage in Drucksache 8/203 dafür gesorgt hat, dass alle nachvollziehen können, über wie viele Lehrkräfte wir ungefähr sprechen. Es sind knapp 6 000 Lehrkräfte, die unter Ihrer Idee, Herr Minister, leiden sollen. Es sind 6 000 von etwas mehr als 30 000, somit fast 20 % aller Lehrkräfte im Freistaat. Wenn es das ist, was Kultus unter Wertschätzung versteht, dann dafür meinen Respekt. Ein Wort an alle hier im Haus, die besonders laut und voreilig mit dem Argument sind: Welcher Arbeitgeber in der freien Wirtschaft würde seinen Angestellten weniger Stunden aufgrund ihres Alters gestatten? Wer eine ernsthafte Vorstellung davon entwickeln will, was es heißt, Lehrkraft zu sein – egal an welcher Schulart –, den fordere ich auf, nur einen kompletten Tag mit Vor- und Nachbereitung der Unterrichtsstunden, Kollegengesprächen usw., am besten freitags oder montags, von der ersten bis zur sechsten Stunde zu erleben, und zwar nicht als Beobachter von außen, sondern als Akteur. Das erlebte Stresslevel nimmt man dann mal fünf, für die Tage der Woche. (Beifall BSW) Dann – und nur dann – sprechen wir noch einmal darüber, ob sich das Ganze 40 Jahre durchhalten lässt bzw. nur bis 63, bis man eine einzige Abminderungsstunde bekommt. Da dachte man sich: Warum eigentlich nur die 6 000? Da fällt uns bestimmt etwas für alle Lehrkräfte ein. Was könnte das wohl sein? Ja, richtig, wir könnten versuchen, ein Gesetz einzubringen und damit eine Ermächtigungsgrundlage für Mehrarbeit zu schaffen. Wenn man Druck aus dem Kessel hätte nehmen wollen, dann hätte man verbindlich sagen können, dass die Maßnahme bzw. die Zusatzstunde nur bis 2029 oder ähnlich gilt, quasi als Perspektive. Denn – so das Mantra hier – in fünf Jahren ist alles wieder gut. Dann gibt es weniger Schüler, damit weniger Klassen. Man braucht weniger Lehrer. In ein paar Jahren kann sich sowieso niemand mehr daran erinnern, wie es früher einmal war. Es ist eine fügsame, dankbare Lehrerschaft, die heranwächst. Das ist eine schöne Idee, sie ist leider nur grundhaft falsch. Ein Teil der Lehrkräfte erinnert sich noch nach 30 Jahren an den Murks mit der Zwangsteilzeit oder an die später folgende Zwangsvollzeit und an die dann aus Altersgründen nicht mehr stattfindende Verbeamtung. (Andreas Nowak, CDU: Der Murks hat Entlassungen verhindert!) Wie sagte der Kabarettist Uwe Steimle so schön? „Der Sachse ist nicht nachtragend, aber er vergisst auch nichts.“ Nur einmal am Rande gefragt: Gilt das mit der Vorgriffstunde auch für die Privatschulen und freien Träger oder ist das wieder nur für staatliche Lehrkräfte gedacht? Was daran besonders verwerflich ist, sind nicht die beiden Einzelmaßnahmen für sich genommen – aus unserer Sicht zwar unangemessen und inakzeptabel –, sondern die Kombination „länger dank weniger Abminderung“ und „mehr dank Vorgriffstunde“. Gerade die betroffenen älteren Kollegen werden als Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung für ihre jahrzehntelange Arbeit gleich doppelt bestraft. Wertschätzung ist echt wunderbar. Solche Maßnahmen kommen dabei heraus, wenn Bürokraten mit Rechenschiebern im Elfenbeinturm Ideen entwickeln. (Beifall BSW) Weiter mit anderen Maßnahmen, die mindestens fragwürdig sind, zum Beispiel die Regelungen für Lehrbeauftragte besonders in Kombination mit der Neufassung für Fachberater. Stichwort erneut: Doppelbestrafung. Auch das wird ganz sicher dazu führen, dass es immer weniger Lehrkräfte gibt, die sich das antun wollen. Hier wieder: bar jeder Sachkenntnis, Hauptsache der Rasenmäher war da. Das neue Mantra lautet nämlich: Quantität statt Qualität. Man fragt sich: Was ist denn unsere Bildung eigentlich wert? Wir erinnern uns an gestern. Was hätte es für sinnhaftere Ansätze geben können. Hier einmal eine lose Folge, damit die Dimensionen klar werden: Reduktion der Stundentafel, Kürzen der reinen Unterrichtsverpflichtung für ältere Kollegen, flexible Rentenmodelle, unbürokratische Bindungszulage für ältere Kollegen, die Zusagen, in den ersten zwei Schuljahren keine Klassenleiterverpflichtung, ein klares Konzept zur Entbürokratisierung von Kultus und LaSuB. Ja, das LaSuB ist ein Dienstleister und keine Festung mit mal mehr oder mal weniger offen zutage getragener Gutsherrenart, in der die Lehrkraft ein Bittsteller ist, den man gönnerhaft anhört. (Beifall BSW) Eine Untersuchung, wo und warum eigentlich jedes Jahr fast 700 Lehramtsstudierende entweder den Studiengang wechseln oder gar das Bundesland, wäre eine Idee, oder ein Konzept zur Anwerbung aller Personengruppen. Letzte Bemerkung: Man sollte sich, bevor man Dinge verkündet, darüber Gedanken machen, was die Lehrkräfte wirklich bewegt. Vielen Dank. (Beifall BSW) Erste Vizepräsidentin Ines Saborowski: Es sprach am Rednerpult für die BSW-Fraktion Herr Abg. Wurzler. Für die SPD-Fraktion hat jetzt Herr Eisenblätter die Möglichkeit zu sprechen; bitte schön.
