landtag.sachsen.de ↗

Lars Wurzler

BSW 26.03.2025 Sitzungen 8/10

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Werte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Zu Beginn ein weiteres Zitat von Konfuzius: „Bildung schafft Vertrauen. Vertrauen schafft Hoffnung. Hoffnung bringt Frieden hervor.“ Das Thema dieses Mal quasi als zweiten Satz des Präludiums: Vertrauen – Vertrauen in Lehrkräfte, ihre Unterrichtsgestaltung und ihre Hingabe an den Beruf, Vertrauen in Schulleitungen, dass sie sorgsam mit den ihnen anvertrauten Menschen und Budgets umgehen, Vertrauen in das, was Schülerinnen und Schüler können, auch wenn es noch nicht zur vollen Entfaltung gekommen ist, generell in den Lebens- und Lernort Schule, Vertrauen in alle schulischen Akteure. Doch was sagt die Realität? Statt einer Schule einen konkreten Betrag X – je nach Größe des Kollegiums – für Danksagungen zu geben und ihm damit Vertrauen zu schenken, muss bis auf den Cent genau in verschiedenen Ausfertigungen alles Mögliche abgerechnet werden. Noch mehr zum Thema Vertrauen: das Thema Schulleitungen. Von einer Schulleitung von heute an größeren Schulen, zum Beispiel Gymnasien mit fast tausend Schülern und circa hundert Lehrkräften, und den wenig beachteten BSZ mit bis zu 2 000 Schülern und einer entsprechenden Anzahl an Lehrkräften, wird mit Übernahme der Funktion auch erwartet, dass sie so kaufmännisch versiert sind, dass sie gern auch mal sechs- oder siebenstellige Budgets zu verwalten haben. Die Beispiele aus der Wirtschaft kennen wir doch alle: Firmen mit tausend Mitarbeitern, in denen der Chef keinen Unterbau braucht. Oder nehmen wir das Beispiel Armee: Tausend Soldaten entsprechen ungefähr einem Regiment. Damit kommt der Kommandeur doch wohl alleine klar – ohne Führungsstab! In immer komplexeren Situationen brauchen auch Schulleiter mehr professionelle Unterstützung als noch vor 30 Jahren. (Beifall BSW) Ein weiteres gelungenes Beispiel für Vertrauen: Es gibt einen Grund, warum ein Großteil der engagierten Lehrkräfte das Material lieber aus der eigenen Tasche bezahlt, anstatt in nervenaufreibender und zeitfressender Aktion Antrag um Antrag um Antrag zu schreiben, um ihn dann überarbeiten zu müssen, weil in Anlage C Ziffer 7 vergessen wurde, ein Häkchen zu setzen. Dann eben alles auf Anfang. Überhaupt Vertrauen: Ich wandle ein wenig den Spruch ab, den ich zum ersten Mal vom Kollegen Dulig anlässlich einer Podiumsdiskussion aktiv gehört habe: Wir leben in einem Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert mit Methoden und einer Lehrerschaft aus dem 20. Jahrhundert und mit einer Schülerschaft aus dem 21. Jahrhundert. Ich möchte überspitzt erweitern: die Technik aus dem 22. Jahrhundert hat. Für Interessierte: Das Originalzitat stammt von Andreas Schleicher. Ich habe Vertrauen darauf, dass unsere sächsischen Lehrkräfte und Schüler gemeinsam diese immense Transformationsleistung in veränderten Zeiten schaffen, (Beifall BSW) zusammen als hierarchische Gemeinschaft, um das Beste für unser aller Zukunft zu erreichen, stark und gefestigt durch gute staatliche Bildung. (Beifall BSW) Nachdem wir das zwar oberflächlich, aber grundhaft thematisiert haben, öffnen wir das Spielfeld noch um eine weitere Mitspielerin: die Schulsozialarbeit. Beim Thema Schulsozialarbeit schallt es gern aus verschiedenen Reihen: Wir hatten früher auch keine, das hat uns auch nicht geschadet. Dumm ist nur, dass sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Dumm ist nur, dass die Schülerschaft heterogener als vor 30, 40 oder 50 Jahren ist. Dumm ist nur, dass das, was früher der Vertrauenslehrer aufgefangen hat, er dies heute weder zeitlich noch emotional auffangen kann. Und letztlich bleibt die Person auch immer noch ein Lehrer. Dumm ist nur, dass das Vorurteil leider nicht stimmt, dass die Schulsozialarbeiter den ganzen Tag nur in ihrem Büro sitzen und warten würden, bis jemand wegen Liebeskummer an die Tür klopft, und ansonsten Solitär spielen. Dumm ist nur – das gilt in gleichem Maße auch für die Lehrkräfte –, dass die Schulsozialarbeit kein Nine-to-fiveJob ist und dieser Job nicht, sobald die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, automatisch endet. Der Unterschied von Lehrkräften und Schulsozialarbeitern zu ehrbaren Berufen wie Einzelkaufmann, Fleischer oder Maurer ist, dass die Letztgenannten ihre Arbeit normalerweise nicht mit nach Hause nehmen oder man ihnen bei einem Spaziergang entlang einer Hauswand oder beim Essen einer Bockwurst mit Brötchen zuraunt: Dich kenne ich doch! War wohl heute keine super Leistung, oder? Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter sind ob ihrer Tätigkeit auch nach ihrem Dienst da: Handys, die gern nach Dienstschluss klingeln, egal, ob von besorgten Eltern, Schülern oder auch der Schulleitung, um gern mal nachzufragen, ob man morgen spontan die zweite Stunde übernehmen könnte. Ich wage zu behaupten, dass sich die allerwenigsten Menschen herausnehmen würden, eine Kassiererin um 21 Uhr privat anzurufen, um ihr zu erzählen, dass beim heutigen Einkauf eine Tomate schlecht war. (Beifall BSW) Ich komme zum Ende. Hier meine kleine, aber noch längst nicht vollständige Liste mit Dingen, die in das Arbeitsfeld der Schulsozialarbeit fallen: Depressionen, suizidales oder selbstverletzendes Verhalten, Mobbing, Ess- und andere Störungen, Projekte, Ansprechpartner von Eltern, aber auch Lehrern und andere Dinge mehr. Da mir die Zeit wegläuft, schließe ich mit einem konkreten Appell fraktionsübergreifend an alle, die in den kommenden Wochen mit Haushaltsfragen befasst sind: Lassen Sie Kürzungen im Bereich der Schulsozialarbeit nicht zu, im Gegenteil: Wenn es Ihrer Parteilinie nicht völlig widerspricht, treten Sie stattdessen für den Ausbau der Schulsozialarbeit ein. Vielen Dank. (Beifall BSW und Matthias Berger, fraktionslos)

Alle Reden von Lars Wurzler Protokoll ↗