Frank Richter
Herr Ulbrich, ich habe auf ein Missverständnis reagiert, von dem ich den festen Eindruck hatte, dass es sich im Kopf von Herrn Kirste festgesetzt hat, dass er im Hinblick auf die Kunstfreiheit noch nicht bis zu Ende gedacht hat. Alles Weitere – auch mit Blick auf Ihre Frage – kommt im weiteren Text meiner Rede. Meine Damen und Herren! Vielleicht ein paar grundsätzliche Bemerkungen: Das Selbstbild einer Gesellschaft – manche sagen auch „Identität“ dazu – entsteht nicht, das möchte ich an der Stelle ausdrücklich sagen, beim Blick auf die Kurve des Bruttoinlandsproduktes. Das Selbstbild entsteht auch nicht beim Blick auf den Lohnzettel, jedenfalls nicht primär. Das Selbstbild einer Gesellschaft erwächst aus der Art und Weise, wie wir Menschen unser Leben und unser Zusammenleben gestalten. Wie begegnen wir einander? Wie streiten wir? Welche Bilder haben wir vor Augen? Was singen und was spielen wir? An den Theatern wird gespielt, in den Orchestern wird gespielt. Und Spiel – vielleicht haben Sie einmal einem kleinen Kind beim Spiel zugeschaut – ist etwas ganz Wunderbares, zutiefst Menschliches. Einerseits ist und fühlt sich ein Mensch, der spielt, ganz frei und andererseits ganz regelbasiert, diszipliniert. Genau deshalb ist das Spiel und sind die Orte von Kultur, die Resonanzräume, die Theater, die Orchester für die Demokratie so wichtig: weil dort genau das gelernt wird, was wir in einer offenen, demokratischen Gesellschaft brauchen. In Sachsen haben wir einerseits einen Vorteil – es ist gesagt worden –: Wir haben ein Kulturraumgesetz. Das sichert kulturelle Finanzierung. Kultur hat Verfassungsrang; darum beneiden uns viele andere Bundeländer, genau um diese Instrumente. (Andreas Nowak, CDU: Genau!) Andererseits müssen wir festhalten, dass Kultur als frei produzierende auch eine frei konsumierbare Ware ist und Künstler und Kulturschaffende sich deshalb immer wieder bemühen müssen, diese Räume, die wir schützen und weiter finanzieren wollen, zu füllen. Neue Ideen und neues Publikum, neue Formate – das ist die andere Seite der Förderung. Freiheit gewähren und Freiheit gestalten lassen einerseits und andererseits das Begründen von Förderung. Dank des Kulturraumgesetzes, ich sagte es schon, befinden wir uns in einer komfortablen Situation. Andererseits – so hatte ich den Antrag von Frau Dr. Maicher verstanden; und ich bin dankbar dafür – befinden wir uns wieder in einer Situation, in der das Geld nicht reicht. Das hat Ursachen: steigende Energie- und Lohnkosten, Inflation. Wir kennen viele Gründe, die dazu beitragen, dass Theater und Orchester an finanzielle Grenzen stoßen. Dem müssen wir uns stellen. Herr Clemen, ich habe in Ihrem ersten Redebeitrag noch nicht gehört, ob Sie auch in diese aktuelle Notsituation mit hineingehen wollen; ein Votum für das Kulturraumgesetz habe ich sehr wohl vernommen. Das Bekenntnis aus Sicht meiner Fraktion: Die zu befürchtenden Insolvenzen der genannten Häuser und die Schließungen ganzer Sparten müssen abgewendet werden. Es mag im Moment nicht die eine Lösung geben, die alle Gravamina behebt; doch eine Lösung muss gefunden werden, um die sächsische Theater- und Orchesterlandschaft in ihrer Vielfalt zu erhalten. Was würden wir denken und fühlen, wenn beispielsweise die Kulturhauptstadt Europas 2025, Chemnitz, ohne ein städtisches Theater in dieses Jahr hineinginge? Das wäre bestimmt eine noch nie dagewesene europäische Premiere, ein Trauerspiel. Auf dieses möchten wir gern verzichten. (Beifall bei der SPD und den BÜNDNISGRÜNEN) Ein letzter Gedanke: bei aller Wertschätzung für die Theater –
