Doreen Schwietzer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Als gebürtige Wendin/Sorbin freue ich mich besonders, an dieser Stelle zum Sorbenbericht der Staatsregierung sprechen zu können. Persönlich finde ich es sehr schade, dass in den Familien die sorbische Sprache immer mehr ausstirbt. Ich selbst bin bis zum sechsten Lebensjahr zweisprachig aufgewachsen. Die sorbischen Dörfer verschwanden durch die damalige Politik und auch durch die Kohleregion. Bei mir ging die Großmutter und auch die Sprache ging mit ihr. (Zuruf des Abg. Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE) Im Alltag wurde die sorbische Sprache immer weniger. Meist sprachen nur die älteren Generationen wendisch. Es gab keinen Wendischunterricht in den Schulen, zumindest nicht in unserer. Somit war der Bezug nicht mehr gegeben. Heute werden in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, aber immer noch die Traditionen gepflegt – zwar ohne Wendisch – wie der Trachtenumzug, Ostereierrollen usw. usf. Die Traditionen leben also weiter. Nun zu Sachsen. Das sorbische Volk ist nicht irgendein Anhängsel unseres Freistaates. Nein, das sorbische Volk ist ein fester Bestandteil Sachsens und auch Brandenburgs. Ein Dresdner meinte letztens zu mir: Wie reich sorbische Kultur ist, kann man zum Beispiel erleben, wenn in der Dresdner Hofkirche Erstkommunion gefeiert wird. Man sieht auf der einen Seite, wo die sorbischen Kinder und Familien sitzen, ein Meer aus bunten Trachten und Kleidern, und auf der anderen Seite die anderen. Es ist toll, welches Identitätsgefühl unter den Sorben verbreitet ist und wie selbstverständlich viele Bräuche gelebt werden. Von dieser Einstellung kann sich der eine oder andere durchaus einiges abschauen. Ich will davor warnen, die Sorben auf reine Folklore zu reduzieren. Sorben leben, wirken und sterben hierzulande wie alle anderen Einwohner Sachsens auch. Sie gehen in den Kindergarten und in die Schule, sie machen eine Ausbildung, studieren, arbeiten usw. usf. Hierzu lässt sich dem Sorbenbericht viel Positives entnehmen, besonders zu den Schülerzahlen. Es ist ein langsamer, aber stetiger Anstieg zu verzeichnen, und zwar sowohl im Sorbischunterricht 2plus als auch bei denen, die Sorbisch als Begegnungssprache lernen. Zählt man beide Gruppen zusammen, so hatten wir im Jahr 2020/2021 über 2 800 sorbische Schüler. (Rico Gebhardt, DIE LINKE: Und Schülerinnen!) Damit sind wir aber immer noch Lichtjahre von 1962 entfernt. Damals waren es 12 800 Schüler. Im Jahr 1964 gab es einen Abfall auf 3 200 Schüler durch die damalige Politik. Ab 1970 verblieb die Schülerzahl konstant bei circa 3 000 Schülern. Das ist aber das Problem. Das muss an der Wurzel angepackt werden. Es gibt einen stetigen Bedarf an neuen Lehrern und Schulleitern. Ich bin doch eher skeptisch, ob es der Staatsregierung gelingen wird, diesen Bedarf zu decken. Mir wurde erst letztens gesagt, Personal koste aber. Möchte man nun eine Stärkung, ja oder nein? Sind es doch alles nur Phrasen? Geld ist da. Das Gleiche gilt für die Kindertagesstätten. Ohne sorbischsprachige Erzieherin ist auch keine Immersion, kein Eintauchen in die Sprache möglich. Was wir brauchen, sind echte Anreize für Lehrer und Erzieher, die sorbische Sprache zu erlernen; denn warum sollte ein deutscher Lehrer sich die Mühe machen, sich extra im Sorbischen zu qualifizieren, wenn er dort das Gleiche verdient wie an einer konventionellen Schule? Und selbst wenn er die Sprache beherrscht, ist der Vorbereitungsaufwand sehr groß. Schließlich müssen etliche Unterrichtsmaterialien übersetzt werden. Das konnte man der Anhörung entnehmen. Es wäre schön, wenn sich die Staatsregierung die Mühe machen würde, intensiv über diese Frage nachzudenken: Wie können wir echte Anreize für potenzielle sorbischsprachige Lehrer und Erzieher schaffen? Oder man könnte auch darüber nachdenken, Lehrer in der Nähe vom Siedlungsgebiet auszubilden. Dies ist nur in Leipzig möglich. Bei den Schulen mit sorbischer Sprachbildung sind Bautzen und die Umgebung gut aufgestellt. Aber was ist mit Hoyerswerda? Dort gibt es nur eine Grundschule, die HandrijZejler-Grundschule. Was ist aber mit den weiterführenden Schulen? Hier ist nichts in Hoyerswerda. Dies finde ich ebenfalls schade. Meine Tochter geht auf solch eine Grundschule. Sie wollte selbst in den Sorbischunterricht und geht zum sorbischen Tanz. Was ist aber mit der Oberschule und dem Gymnasium? Fehlanzeige. Die weiterführende Schule sucht man sich in der Nähe aus. Oder fährt man Kilometer weit weg zur nächsten Schule? Möchte man nun eine Stärkung, ja oder nein? Sind es doch alles nur Phrasen? Geld ist ja da. Ach, und in Hoyerswerda gab es 2009 die erste sorbische evangelische Konfirmation nach 50 Jahren. Der Bedarf in Hoyerswerda ist also vorhanden. Möchte man nun eine Stärkung? Na ja. Im Sorbenbericht gibt es einige Passagen, die mich wirklich verwundern, so zum Beispiel auf Seite 89. Dort geht es um die Erstellung eines Flyers über die Talsperre Bautzen in sorbischer Sprache. Einer solchen Kleinigkeit – besser gesagt: einer solchen Unwichtigkeit – widmet die Staatsregierung einen eigenen Absatz. Dass es aber in den meisten Linienbussen im sorbischen Siedlungsgebiet noch immer nur deutsche Ansagen gibt, wird verschwiegen. Ich will an dieser Stelle einmal die Aussage eines Sachverständigen in der Anhörung vorlesen: „Setzen Sie sich einmal in die Linie 530. Am Freitagnachmittag ist das besonders eindrucksvoll. Der Einzige, der dort Deutsch spricht, ist der Ansager des Busses und vielleicht der Fahrer.“ (Zuruf des Abg. Rico Gebhardt, DIE LINKE) Dieses Zitat spricht, denke ich, für sich. Das Sorbische könnte noch viel mehr im Alltag verankert werden. Dass irgendwo ein Flyer auf Sorbisch erstellt wurde, holt die sprichwörtliche Kuh auch nicht mehr vom Eis. Es wird uns aber im Bericht der Staatsregierung als besondere Leistung verkauft. Auch sonst wirkt manches im Bericht wie Lobhudelei ohne Substanz. So wird zum Beispiel lang und breit ausgeführt, wie sich der Landeselternrat zusammensetzt und dass dort auch ein Vertreter der sorbischen Schule drinnen sitzt. Dass aber die zugehörige sorbische Stelle seit Jahren unbesetzt ist, findet keine Erwähnung. Ähnlich ist die Situation an der Sorbischen Fachschule in Bautzen. Die Staatsregierung berichtet zwar, was dort geschieht, geht aber nicht darauf ein, dass es bald wahrscheinlich nur noch eine Lehrkraft für die sorbische Ausbildung geben wird. Meine Damen und Herren! Liebe Staatsregierung! Für zukünftige Sorbenberichte würde ich mir mehr Klarheit und Offenheit wünschen. Missverständnisse müssen klar und deutlich benannt werden. Der Kenntnisnahme werden wir natürlich trotzdem unsere Zustimmung erteilen. Vielen Dank. (Beifall bei der AfD) Dritte Vizepräsidentin Luise Neuhaus-Wartenberg: Das war Frau Schwietzer für die AfD-Fraktion. Für die Fraktion DIE LINKE bitte ich Antonia Mertsching nach vorn.
