Volkmar Winkler
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Als ich den Debattentitel zum ersten Mal las, hatte ich den Eindruck, dass wir kaum vernünftig über das Thema sprechen werden. Ich bin für sachliche und konstruktive Debatten, liebe CDU, geschätzter Georg-Ludwig von Breitenbuch. Ich sehe hier keinen Adressaten für die Aussage bzw. Forderung des ersten Teils dieses Titels. (Vereinzelt Beifall bei der SPD, den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN – Beifall des Staatsministers Wolfram Günther) In Sachsen lässt niemand Wald verrotten. Auch kann ich mich dem subjektiven Entweder-oder dieses Titels nicht anschließen, schon gar nicht der zugespitzten Unterstellung. Übrigens: Wenn Holz verrottet, entsteht Humus; das ist meines Erachtens nicht das Schlechteste. (Beifall der Abg. Antonia Mertsching, DIE LINKE) Die Zweiteilung in Schutz und Nutzung des Waldes gilt in der Forstwirtschaft als überholt. Aber in diesen Kategorien wird noch immer viel zu oft gedacht. Ich möchte mich deshalb in meiner Rede mehr auf den Wald als Ganzes konzentrieren und weniger auf das Holz und die Nutzung des selbigen. Unsere Wälder stehen unter einem enormen Nutzungsdruck und ihre Ökonomisierung schritt stetig voran. Die von Hans Carl von Carlowitz eingeführte Definition der Nachhaltigkeit war nichts anderes als ein Postulat für die ökonomische Ausbeutung des Waldes und seine Erhaltung zu genau diesem Zweck. Welche Qualität ein Wald haben muss – abgesehen vom Nutzen des Holzes –, davon war damals nicht die Rede. Die in den letzten Jahren festgestellten Schäden sind auf Befall und Ereignisse der letzten Jahrzehnte, fast Jahrhunderte zurückzuführen. Wir hatten zwei Weltkriege, die immense Schäden im Wald angerichtet haben. Es sind Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen worden, zum Beispiel Monokulturen – Fichten, Kiefern – in zum Teil ungeeigneten Gebieten anzubauen. Dies erweist sich aber seit geraumer Zeit als gravierender Fehler, was vor allem durch den vom Menschen gemachten Klimawandel mit Dürre, Sturm und allen anderen Auswirkungen erkennbar ist. Das macht auch den heimischen Laubbäumen zu schaffen, wie wir in den Waldzustandsberichten der Länder und des Bundes, die das belegen, lesen können. Die Frage darf also nicht zuerst lauten: Wie nutzen wir unser Holz vermeintlich nachhaltig?, sondern: Wie können wir robuste Ökosysteme im Zusammenhang mit dem Wald erhalten und wiederherstellen? Denn dazu gehören auch der Waldboden, der Wasserhaushalt und die Artenvielfalt im Wald. Das ist schon angesprochen worden. Dies wiederum ist in einen Zusammenhang mit der Nutzung, den Bewirtschaftungsmethoden und der Infrastruktur, die in den Wäldern entstanden ist, zu bringen. Wenn wir den zweiten Schritt vor dem ersten machen und nur darüber reden, welche klimastabilen Bäume hier wachsen und unsere Holzerträge sichern, dann haben wir damit nichts gewonnen, dann können wir dem Wald weiter beim Untergehen zuschauen. (Oh-Rufe von der AfD) Wie auch in der Landwirtschaft ist es für den Wald und die Waldbesitzer wichtig, die sogenannten Ökosystemdienstleistungen stärker zu honorieren. Dabei brauchen wir uns nichts vormachen. Der private Waldbesitzer will, nein, er muss Einnahmen und Erträge erzielen. Hierin sind wir uns einig. Ob der Sachsenforst bei der Holzernte in Konkurrenz zu Privaten treten muss oder sich viel stärker auf den Waldumbau und -erhalt konzentrieren sollte, darüber sollte hier bzw. auch später diskutiert werden, ebenso darüber, ob man Flächentausche für besonders schützenswerte Wälder und Waldstücke vornehmen sollte. Oder sollte der Staatswald gar aus der Holznutzung genommen werden? Sehen Sie das bitte als offene Fragen und Diskussionsgrundlage an! Der Wald in seinen Gemeinwohlfunktionen muss viel langfristiger gedacht werden. Die Maxime „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ muss noch viel stärker zum Tragen kommen, und zwar im Sinne einer Lenkungswirkung. Noch viel mehr als mit Carlowitz sollten wir es mit Heinrich Cotta, dem Begründer der modernen Forstwissenschaft, halten. Er riet schon Anfang des 19. Jahrhunderts dazu, das große Ganze im Sinne eines Ökosystems im Blick zu behalten, anstatt den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen und ihn übereifrig zu monetisieren. Er war der Erste – nebenbei bemerkt –, der die Idee für die stetig populärer werdende Agroforstwirtschaft legte, und das bereits vor 200 Jahren! Manche Ideen brauchen viel Zeit, um sich durchzusetzen – Zeit, die wir heute im Angesicht der Klimakrise nicht mehr haben. Wir müssen unser Augenmerk vielmehr darauf richten, wie wir unsere Wälder vital halten, wie viel Nutzung wir ihnen zulassen und wie wir mit einer strategischen Landnutzungsplanung erreichen, dass Wälder wieder eine ganzheitliche Betrachtung bekommen. Herzlichen Dank. (Beifall bei der SPD sowie vereinzelt bei den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN)
