Holger Gasse
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! „Fürs Leben lernen statt für Klausuren!“ – Der reine Debattentitel suggeriert ein wenig, dass es keiner Klausuren bedarf und jeder genau das lernt, was er für sein Leben und seine Zukunft benötigt. Aber so zugespitzt war es nach der Rede der Kollegin Friedel doch nicht gemeint. Eine gute Allgemeinbildung – und ich denke, da sind wir uns alle einig – ist die beste Grundlage für alle zukünftigen Herausforderungen. Nur den Weg und die notwendigen Inhalte müssen wir noch diskutieren. Mein Großvater sagte immer zu mir: Junge, du lernst nicht für die Lehrer, du lernst für dich selbst. Recht hatte er. Insofern lernt auch niemand für Klausuren, sondern er lernt für sich selbst und sein zukünftiges Leben. Der Mensch ist nun einmal so, wie er ist, und dazu gehört, dass man zu gewissen Zeitpunkten noch nicht die Einsicht in die Notwendigkeit hat, dass dieses oder jenes Wissen vielleicht in Zukunft notwendig sein kann. Genau aus diesem Grund muss eine breite Allgemeinbildung mit einem Fokus auch auf basale Kompetenzen für uns wichtig sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Schule wirklich alle Bücher gelesen hätte, wenn es am Ende keine Inhaltskontrolle gegeben hätte. Mich interessierten damals Mathematik, Physik und später auch die neue bunte große Welt der Computer. Jetzt kann man behaupten, dass jeder nur nach seinen individuellen Neigungen lernen soll. Das klingt zwar gut, scheitert aber in unserer schnelllebigen Gesellschaft sehr oft an der Realität. Berufsbilder und Interessen ändern sich, aber fundierte Grundkenntnisse in Mathematik, Deutsch, Physik, Chemie, Fremdsprachen usw. sind ebenso wichtig wie soziale Grundkompetenzen: Fleiß, Ordnung, Empathie und gutes Benehmen. In einem Punkt hat Kollegin Friedel recht: Schule muss sich weiterentwickeln, und das tut sie auch. Nur geht es häufig nicht so schnell, wie wir uns das wünschen. Aber Schule kann leider auch nicht alles leisten, und für manches sind die Eltern und das persönliche Umfeld verantwortlich. Wie sich das Leben ändert, habe ich am eigenen Leib sehr gut erfahren. Ich wollte früher tatsächlich einmal Lehrer werden, aber Hochschullehrer für Mathe, Physik und Informatik. Weil ich in jungen Jahren noch nicht genügend Selbstbewusstsein hatte, um mich irgendwie als Dompteur vor pubertierenden Jugendlichen zu sehen, studierte ich Kybernetik und Automatisierungstechnik, und dann kam die Wende. Ich war mir nicht sicher, ob mein altes Wissen, gelernt auf KC85-Rechnern, noch irgendwie wettbewerbsfähig ist – und das unter Bedingungen der steigenden Arbeitslosigkeit. Begeistert von der neuen Freiheit damals zur Wendezeit gründete ich parallel meine Pizzeria und war über viele Jahre erfolgreich. Ich empfand die Kommunikation mit Gästen, das Gespräch mit ihnen, als eine sehr befriedigende Tätigkeit. Nebenbei stärkte der Erfolg mein Selbstbewusstsein. 2010 habe ich noch Betriebswirtschaft studiert, weil ich dies für mein Unternehmen als sehr sinnvoll empfand. Seit 2014 darf ich mich hier im Sächsischen Landtag mit Bildungspolitik beschäftigen. (Beifall des Abg. Christian Hartmann, CDU – Zurufe von der AfD) Damit schließt sich nun irgendwie doch wieder der Kreis und ich komme zum Ausgangspunkt zurück. Selbst zu meinem Abitur 1987 hätte ich es niemals für möglich gehalten, einmal 30 Jahre in der Gastronomie zu arbeiten, irgendwann einmal Betriebswirtschaft zu studieren und schon gar nicht, jemals hier vor Ihnen zu stehen und als Abgeordneter eine Rede zu halten. Ich wollte jungen Studenten Mathe, Physik und später Informatik beibringen, aber vieles, was ich in Deutsch, Geschichte und anderen Fächern gelernt habe, was mir damals nicht immer Spaß gemacht hat, hilft mir heute sehr oft dabei, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Insofern habe ich manchmal nicht freiwillig für eine Klausur gelernt, aber letztendlich für mein Leben. (Beifall bei der CDU) Das Leben unserer Schülerinnen und Schüler wird heute durch eine zunehmende Komplexität infolge der Digitalisierung und durch steigende Unvorhersehbarkeit geprägt, und ja, darauf muss Schule reagieren. Aber in einer Auffassung bin ich erst gestern wieder in einer Besuchergruppe mit vielen Schülern bestätigt worden. Auf meine Frage, ob sie die eine oder andere Aufgabe auch so fleißig und wissbegierig bearbeitet hätten, wenn es dafür am Ende keine Note gegeben hätte, antworteten sie für mich ziemlich überraschend mit nein. Das war vermutlich sehr ehrlich. Unsere Schüler wollen in ihren Leistungen bewertet werden, und sie brauchen ein Feedback für ihre Motivation. Mit dem „Bildungsland 2030“ soll ein Konzept erarbeitet werden, das alle diese gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse aufgreift. Kollegin Friedel erwähnte es bereits. Aktuell können sich interessierte Schüler, Lehrer, Schulleiter und Eltern von schulpflichtigen Kindern für die öffentlichen Beratungen anmelden,
