Eric Dietrich
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ingo Flemming hatte die etwas dankbarere Aufgabe, das Ticket aus der städtischen Sicht zu bewerten. Ich darf nun die etwas schwierigere Aufgabe übernehmen, das neue Ticket aus Sicht des ländlichen Raums einzuordnen. Dort wird es durchaus an der einen oder anderen Stelle etwas kritischer diskutiert; denn preisreduzierte Tickets allein helfen hauptsächlich den Menschen, die sowieso einen guten Zugang zum ÖPNV haben. Das haben wir heute schon besprochen. Ich persönlich wohne anderthalb Kilometer von der nächsten Bushaltestelle entfernt, und mit zwei kleinen Kindern ist die Entfernung fast unüberwindbar. Selbst wenn das nicht das Problem wäre, fährt im Dorf nur dreimal am Tag der Bus. Das ist also für den Alltag eigentlich nicht zu gebrauchen. Kurz gesagt: Auch der attraktivste Preis hilft niemandem, der vor der Tür kein Angebot hat. Das Ticket könnte auch kostenlos sein, ich würde und könnte es nicht nutzen. Ich habe den Menschen aus dem ländlichen Raum, die mich fragen, immer gesagt: Hier ein Angebot aufzubauen, das mit dem in der Stadt vergleichbar ist, ist unbezahlbar. Das würde sich in den Ticketpreisen widerspiegeln. Das wollt ihr nicht, weil es nicht zu bezahlen ist. Jetzt haben wir die Situation, dass die Ticketpreise fixiert sind. Die können die Bürger an der Stelle nicht mehr mit in die Rechnung einbeziehen. Es ist damit einzig und allein die Aufgabe von Verwaltung, Verkehrsunternehmen und Politik, eine Angebotsverbesserung herbeizuführen. Ein theoretischer Hebel über den Preis, über die Tickets ist, wie gesagt, ausgeschlossen. Mit Blick auf den ländlichen Raum könnte man sagen, wir haben den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, den Preis optimiert, bevor wir wirklich das gute Angebot geschaffen haben. In Sachsen werden wir zukünftig mit Bildungs-, Azubi- und Deutschlandticket um die 100 Millionen Euro pro Jahr investieren, um gute, preisoptimierte Angebote zu schaffen. Die nächsten Schritte müssen sein, vor allem das Angebot im ländlichen Raum zu optimieren und nicht schon wieder über die nächsten Preisoptimierungen zu diskutieren. Wir müssen alle Menschen im ländlichen Raum in die Lage versetzen – und das ist das Ziel –, gut am ÖPNV teilzunehmen. Dazu einige Gedanken, wie wir das schaffen: Viele Dinge wurden heute schon diskutiert. Wir müssen das Angebot in allererster Linie verbessern. Wir haben mit dem Plus- und Taktbus in den letzten Jahren schon viel erreicht, das müssen wir sagen, aber, wenn wir die 100 Millionen Euro, die ich eben erwähnte, zum Vergleich heranziehen, haben wir bei der Angebotsverbesserung noch deutlich Luft nach oben, in die Angebote zu investieren. Das Thema Barrierefreiheit spielt eine wichtige Rolle. Ich habe gerade bei uns in der Region Unverständnis gesehen, dass die Tickets nur online verfügbar sind. Hier müssen wir schauen, dass wir auch Menschen ohne Smartphone auf diese Reise mitnehmen. Wir brauchen vor allem im ländlichen Raum flexible Zubringerverkehre. Wir haben im Leipziger Raum Flexa gesehen, wir haben das Thema Erzmobil in Zwönitz, die überlegen, wie sie die älteren Menschen zum ÖPNV bekommen, damit diese auch ohne Auto am ÖPNV teilnehmen können. Wenn ich auf die arbeitende Bevölkerung schaue, brauchen wir preisgünstige oder kostenlose Park-and-Ride-Systeme; denn es ist niemandem zu erklären, zwar ein 49-Euro-Ticket zu nutzen, dann aber täglich 15 Euro am Parkplatz, an der Bushaltestelle oder am Bahnhof zu bezahlen. Das macht diesen Effekt wieder wett. Was man auch hört: Wir brauchen in unserem Tarifsystem eine einheitliche freistaatübergreifende Lösung – und das würde ich mir wirklich wünschen – für die Fahrradmitnahme. Auch das kann im ländlichen Raum ein Booster sein, wenn man weiß, man kann sein Fahrrad mit zum Bus und noch weiter mitnehmen. Es gibt erste Ansätze; aber es ist nicht schön, wenn jeder seine eigene Lösung erarbeitet. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die positiven Effekte des Deutschlandtickets werden – ich habe es ausgeführt – hauptsächlich in den Ballungsgebieten greifen und damit ehrlicherweise die Unterschiede in den Lebenshaltungskosten von Stadt und Land vergrößern. Als Koalition haben wir uns zu gleichen Lebensbedingungen in Stadt und Land bekannt. Lassen Sie uns also jetzt dafür Sorge tragen, dass alle in Sachsen lebenden Menschen gleichermaßen vom Deutschlandticket profitieren können. Vielen Dank und Glück auf! (Beifall bei der CDU, den BÜNDNISGRÜNEN, der SPD und der Staatsregierung)
