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Sandra Gockel

CDU 16.12.2022 Sitzungen 7/63

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Man kann den Antrag aus vielen Perspektiven betrachten. Egal, wie man ihn dreht und wendet, er bleibt widersprüchlich und würde den Herausforderungen in den Schulen ein unnötiges organisatorisches Problem hinzufügen anstatt bestehende Probleme zu lösen und damit mehr Raum für das Sinnvolle zu schaffen. Dass der Antrag nicht mehr als die Kundgabe einer Idee ist, die aber nicht zu Ende gedacht wurde, zeigt sich im Verzicht auf einen konkreten gesamtkonzeptionellen Vorschlag und dessen inhaltliche Umsetzung, der sich beispielsweise im Haushalt wiederfindet. Schaut man sich die Begründung des Antrages und die unter Bezug genommenen Fachleute an, kann ich zumindest nicht erkennen, dass etwas, was nur aus der Nähe des Antrags kommt, dort nachhaltig vorgeschlagen wird. In der Sache selbst geht es in diesem Antrag um die Schwächung des Gymnasiums. Was wir brauchen, ist die Stärkung der Oberschulen. Das fängt damit an, dass man dort Gestaltung und Kreativität durch die Verantwortungsträger fordert und fördert. Eigentlich ist der Antrag kein bildungspolitischer, sondern ein arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischer Vorschlag. Es geht um einfache Bedarfsdeckung im Hier und Jetzt. Dem Antrag fehlt jede Entwicklungsoffenheit. Ich verstehe die Sorge des Handwerks, aber so kommen wir nicht ans Ziel. Die demografische Entwicklung ist seit 20 Jahren bekannt. Nicht nur der Fachkräftemangel war absehbar, sondern auch die Tendenz, dass junge Menschen mit der Berufsentwicklung mobil werden und sich relativ häufig in einem größeren Umfeld orientieren. Das führt zu regional und fachlich unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Die Antworten darauf können nicht durch die Einführung eines neuen Faches an den Schulen gefunden werden, sondern sind in einem größeren Rahmen zu suchen. Schulen leisten seit Jahren bei der Berufsorientierung einen sehr, sehr guten Beitrag. Potenziale nicht alters-, sondern entwicklungsgerecht positiv zu vermitteln – dafür ist zum Beispiel der Berufswahlpass gedacht –, geht nur gemeinsam mit Eltern, mit dem sozialen Umfeld und jenen, die mit Hilfe der jungen Menschen ihren Arbeitskräftebedarf decken wollen. Wenn so, wie der Antrag es vorsieht, reflexartig nach den Schulen gerufen, insbesondere den Gymnasien gerufen wird, dann wird das nicht zur Lösung des Problems führen, sondern vergrößert die Probleme. (Beifall bei der CDU) Ein Auto, das im Stau steht, fährt nicht schneller, nur weil man ein Duftbäumchen aufhängt. Es geht dem Antragsteller nur darum, das zu kurze Tischtuch ein Stück in die andere Ecke des Tisches zu ziehen. Dass dabei das darauf befindliche Geschirr zu Bruch gehen wird, nimmt man wohl hin oder will es nicht sehen. Im Kern soll mit diesem Antrag das Gymnasium an die Oberschulen angeglichen werden. Was wir aber brauchen, ist, die Oberschule zu stärken und uns den Jugendlichen zu widmen, für die aus welchen Gründen auch immer Schule eine besondere Herausforderung ist. Das gibt es in allen Schularten. Dafür brauchen wir Lehrerinnen und Lehrer, die im Schulalltag durch die zur Verfügung gestellten Strukturen Freiräume für die Berufsorientierung von Schülern haben. Konkret würde das die Reduktion der Stundentafel wider die KMK-Regelung zur Mindeststundenzahl am Gymnasium oder die Einschränkung von schulischer Selbstverwaltung von Schulleitungen bei der Vergabe und inhaltlichen Ausgestaltung der zugewiesenen Förderstunden bedeuten. Eine Stundentafelreduzierung, meine Damen und Herren, gefährdet die allgemeine Hochschulreife und ist unter Maßgabe einer seriösen Gesamtcurriculumsarbeit auch aus schulorganisatorischer Sicht bis zum Schuljahr 2023/2024 überhaupt nicht umsetzbar. Zudem braucht es Verantwortungsübernahme, dass die Möglichkeiten der Flexibilisierung von Bildungswegen, von entwicklungsgerechtem Lernen nicht nur vorgehalten, sondern auch gemeinsam mit den Eltern und Schülern erörtert werden. Ohne dieses Fundament ist jede zusätzliche Berufsorientierung wie auch das Absolvieren von Praktika sinnlos. Damit bin ich beim Kern des Problems. Wir brauchen keine zusätzlichen Strukturen, sondern müssen die bestehenden Strukturen von Werkstatttagen, Bildungsmessen, Unternehmenswochen wie „Schau rein“ und Potenzialanalysen weiter intensiv nutzen. Berufsorientierung ist am Gymnasium schon seit Jahren die Aufgabe jeder Lehrerin und jedes Lehrers. Dazu gehört, dass man am Gymnasium manchmal etwas mehr Mut braucht, um Alternativen aufzuzeigen. Grundsätzlich ist es aber Aufgabe und Ziel des Gymnasiums, die Jugendlichen sehr breit zu bilden, vor allem aber, sie im hohen Maße für selbstständige Entscheidungen und für ein Studium zu befähigen. Dieses Ziel zu relativieren oder sogar aufzugeben hieße Potenziale zu verschenken. Denn bei der jetzigen Bevölkerungsentwicklung geht es auch darum, zu fragen, in welchen Bereichen die notwendige hohe Wertschöpfung erzielt wird. Es geht überhaupt darum, ob wir Menschen Freiheit zugestehen, Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen, Irrtümer und Irrwege eingeschlossen. Das gehört genauso zu Schule und Studium. Man könnte beim Thema Fachkräfte auch über die Entwicklung im universitären Bereich sprechen; denn diese Großeinrichtungen müssen einsehen, dass sie eben ganz wesentliche Berufsbildungseinrichtungen sind. Solange dort in bestimmten Bereichen Berufsorientierung dadurch versucht wird, dass man ein Drittel bzw. die Hälfte des Jahrgangs durch Prüfungen die Ungeeignetheit vor Augen führen will, wird es immer bei den Brüchen in den Bildungsbiografien bleiben. Wendet man sich dem Problem der bedarfsgerechten Besetzung von Lehrstellen im Handwerk und zum Teil in der Industrie zu, müssen wir feststellen, dass es eben nicht genügt, auf Berufsmessen und Praktika die jeweiligen Berufsfelder durch Kammern und Verbände werbend zu präsentieren, wenn die Jugendlichen in ihrem sozialen Umfeld oder durch eigene Erfahrungen erleben, dass die Realität eine andere ist. Wir müssen daher dafür werben, dass unser erfolgreiches System der dualen Ausbildung durch Kurzsichtigkeit nicht von denen beschädigt wird, die davon profitieren. Auf Fachkräftemangel zu reagieren bedeutet, die wirklichen Stellschrauben zu bedienen und nicht neben ein bestehendes Problem ein neues Problem in Form einer Umstrukturierung zu stellen. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht Diener für die weiterführenden Bildungseinrichtungen oder heimliche Berater, sondern Partner für Kinder und Eltern. Der Antrag hilft hier nicht weiter und sollte daher abgelehnt werden. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU, den BÜNDNISGRÜNEN, der SPD und der Staatsregierung) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollegin Gockel sprach für die CDU-Fraktion. Nun sehe ich an Mikrofon 7 Kollegen Dr. Weigand, vermutlich mit einer Kurzintervention. Richtig?

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