Petra Čagalj Sejdi
Vielen Dank, Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte noch einmal kurz auf ein paar Dinge eingehen, die in den vorangegangenen Redebeiträgen genannt wurden. Wir haben zum Beispiel vom Herrn Kollegen Ritter gehört: Gute Bildung ist eine Möglichkeit, aus der Armut herauszukommen. Ja, gute Bildung ist eine Möglichkeit, aber es ist leider nicht die Möglichkeit, die alle Menschen haben. Gute Bildung – dabei möchte ich jetzt gar nicht über unser Schulsystem oder unsere Schulbildung sprechen, aber wenn wir uns – dazu habe ich bereits ausgeführt – die Lebensumstände oder Lebensverhältnisse anschauen, dann ist das schon ein Schlüssel, der bestimmt, ob ein Kind überhaupt die Chance hat, in eine gute Bildung hineinzukommen. Dazu vielleicht ein persönliches Beispiel: Mein Kind hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Ich tue wirklich sehr viel, um meinem Kind alles zu ermöglichen, damit es die Bildung bekommen kann, die es braucht. Aber es gibt Eltern oder Familien, die das nicht können. Sie können das nicht, weil sie krank sind, weil sie sich in diesem System nicht auskennen oder weil sie den ganzen Tag arbeiten müssen. Diese Kinder haben nicht die gleiche Chance auf eine gute Bildung. Gute Bildung ist zwar ein Schlüssel, aber es ist nicht der Schlüssel, der uns allen allgemein hier heraushilft. Es ist nur ein Punkt, und das müssen wir bei all den Dingen in Betracht ziehen – auch wenn wir über Arbeit bzw. darüber sprechen, dass Arbeit sich lohnen soll. Leider haben nicht alle Menschen die gleiche Chance, einer Arbeit nachzugehen, die sich lohnt. Dabei denke ich zum Beispiel an die Menschen in Mockrehna in der Geflügelindustrie, die zwölf Stunden oder länger an gefrorenen Hähnchen herumschnippeln und dafür vielleicht 12 Euro Stundenlohn bekommen – aus anderen Gründen –, aber leider mehr als die vorgeschriebenen acht Stunden arbeiten. Für sie lohnt sich ihre Arbeit leider nicht mehr. Sie sind in Lebensverhältnissen, die es ihnen auch schwer ermöglichen, wieder herauszukommen. Auch hier ist der Blick leider sehr einseitig. Unsere Gesellschaft ist so vielfältig, dass nicht immer an allen Stellen alles passt und alles gut ist. Noch einmal kurz zurück zur Debatte über das Bürgergeld; das lag mir doch noch auf dem Herzen. Bei all diesen Zitaten, die gefallen sind, und all diesen Aussagen, die gegen das Bürgergeld getroffen wurden, habe ich mir die Frage gestellt: Meine lieben Herren, die sich dermaßen über das Bürgergeld ausgelassen haben, wissen Sie überhaupt, wie es sich anfühlt, am Existenzminimum zu leben? Wissen Sie, wie es ist, wenn man nicht weiß, wie man seine Familie ernähren kann, auch wenn man acht Stunden und länger am Tag arbeitet? Wissen Sie, wie man sich als Kind fühlt, wenn man sieht, dass die eigenen Eltern depressiv sind, weil sie vielleicht seit Jahren keine Arbeit mehr haben und aus dieser Situation nicht mehr herauskommen? All das sind Faktoren, die zeigen, dass wir die Perspektive wechseln müssen. Wenn wir armen Menschen helfen wollen, wenn wir Menschen helfen wollen, die auf Bürgergeld oder auf Harz IV angewiesen sind, dann dürfen wir nicht durch die Brille der Privilegierten schauen und sehen, was aus unserer Sicht alles gut ist. Nein, wir müssen die Perspektive derjenigen anerkennen, die in Armut und ohne Arbeit leben. (Sebastian Wippel, AfD: Machen Sie die Menschen mündig! Geben Sie den Menschen die Möglichkeit, etwas zu erreichen!) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Bitte zum Ende kommen. (Georg-Ludwig von Breitenbuch, CDU, steht am Mikrofon.)
