Marco Böhme
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Bei dieser Debatte fragt man sich schon: Wer hat mehr Angst vorm bösen Wolf, die Konservativen der CDU oder die Schreihälse von rechts außen? Die CDU behauptet im Debattentitel, eine fundierte Diskussion führen zu wollen. Das habe ich bei beiden Redebeiträgen so nicht mitbekommen, meine Damen und Herren. (Luise Neuhaus-Wartenberg, DIE LINKE: Sie haben es auch nicht leicht gemacht!) Es gibt Pressemitteilungen von den Fachstellen, die sich mit Wölfen beschäftigen, auf die sich die CDU scheinbar bezieht. Die verlautbaren Dinge, zum Beispiel, dass es jetzt in Sachsen ganze sieben Territorien mehr gebe, in denen sich der Wolf heimisch fühle. Fakt ist aber, diese Wolfsterritorien sind in Sachsen rückläufig. Im Jahr 2022 standen wir bei 36 Territorien; letztes Jahr waren es noch 38. Ich finde die Diskussion und die Aussage, es würden immer mehr Wölfe sein und die Gefahr werde immer größer, sind wissenschaftlich nicht zu halten. Ansonsten ist es auch generell in Deutschland nicht so, dass der Platz knapp wird. Es ist nicht so, dass aus Umweltschutz- oder Biodiversitätsgründen Wölfe hier nicht heimisch werden dürften und deshalb jetzt entnommen werden müssten. Das ist doch aber die eigentliche Forderung, die Sie haben, und das Wort „Entnehmen“ von Wölfen ist nichts anderes, als Wölfe abzuknallen, wofür AfD und CDU offensichtlich stehen, (Lachen bei der CDU) was sie uns wahrscheinlich gleich in der zweiten Runde sagen wollen. Es gibt also noch jede Menge Platz und Potenzial für mögliche Wolfsterritorien in Deutschland. Die führenden Institute schätzen, dass es etwa 700 bis 1 400 Territorien in Deutschland sind, in denen Wölfe leben können. Derzeit sind es in Deutschland 225 besetzte Gebiete. Das ist eine ähnliche Diskussion, in der noch viel Luft nach oben ist, wie die zu den Windrädern. Es wird Angst vor etwas gemacht, obwohl kein Problem da ist. Wir haben noch sehr viel Platz und Potenzial, das nicht ausgeschöpft oder genutzt wird. (Zuruf des Abg. Georg-Ludwig von Breitenbuch, CDU) Die Population in Sachsen ist übrigens stabil und das ist auch gut so, meine Damen und Herren. Was aber nicht okay und nicht gut ist – das habe ich gerade in den Ausführungen vermisst –, ist, dass der Mensch auch heute noch verantwortlich dafür ist, dass Wölfe vorzeitig sterben, also zu Tode kommen. Es gab im letzten Jahr 17 Totfunde. Davon sind nur zwei natürlicher Art gewesen. Es gab zwölf Verkehrsunfälle und zwei illegale Tötungen allein hier in Sachsen. In einigen Regionen ist es sogar Kult geworden, Wolfsschädel zu bekommen. Das hat etwas mit Wilderei zu tun, meine Damen und Herren, und das muss bekämpft, verboten und verfolgt werden. Natürlich verursacht der Wolf auch Schäden, gar keine Frage. Was Sie aber dazusagen müssen, ist, dass diese Schäden vom Freistaat, auch von anderen Ländern oder der Bundesrepublik komplett finanziert und ausgeglichen werden – ob das Schutzmaßnahmen oder Ausgleichszahlungen sind, wenn es zu Schäden gekommen ist. Das ist auch in Ordnung so. Deshalb ist es aus meiner Sicht nicht in Ordnung zu behaupten, der Wolf müsse aktiv bejagt werden. Das entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Ich möchte an die Umweltausschusssitzung aus dem Juli letzten Jahres erinnern. Dort hat Ihnen Herr Dr. Peter Blanché Folgendes gesagt – Zitat: „Es spielt überhaupt keine Rolle, wie viele Wölfe in einer Region leben. Schäden können von ganzen Rudeln, von territorialen Einzeltieren, aber auch genauso von durchziehenden Wölfen oder von abwandernden jungen Wölfen ausgehen. Immer dann, wenn nicht wolfsabweisend geschützte Nutztiere vorhanden sind“, ist die Gefahr am größten, dass dann Schäden passieren. Es gibt also – um es zusammenzufassen – Regionen in Deutschland und auch in Sachsen, die seit langer Zeit fest in der Hand der Wölfe sind und dann aber, dank vorbildlichem Herdenschutz, dort keine Nutztiere zu Schaden kommen, (Zuruf von der AfD) weil die Wölfe lernen: Nutztiere sind keine leichte Beute, also versuche ich auch nicht, sie zu fressen oder anzugreifen, sondern suche mir im Wildgebiet, im Wald meine natürlichen Nahrungsquellen. Es gibt aber andererseits auch Regionen, in denen durchziehende Einzeltiere erhebliche Schäden verursachen. Ich nehme an: Darum geht es hier gerade in der Debatte, die angestoßen wurde. Dass diese Schäden verursacht werden können, liegt aber meistens daran, weil der Herdenschutz nicht funktioniert. Die Tiere lernen also, dass Nutztiere sehr leichte Beute sind. Dieser fehlende und mangelhafte Herdenschutz bringt die Gefahr mit sich, dass man sich selbst Problemwölfe erzieht. Das ist ein Problem. Es geht in der Debatte nicht darum, ob wir nun 10, 12 oder 15 Wölfe in einem Gebiet haben, sondern es geht in der Debatte darum, ob es Wölfe gibt oder ob es keine Wölfe geben soll. Das, meine Damen und Herren, haben wir als EU so entschieden, das hat der Bund entschieden und auch wir als Freistaat entschieden. Insofern kann ich diese Debatte hier nicht ganz nachvollziehen. Am Ende vielleicht noch mal eine rhetorische Frage: Welche reale Gefahr geht von dem Wolf für den Menschen aus? Wie viele Menschen sind in Europa durch Wölfe in den letzten Jahren getötet worden? Es sind 0,0. Eine weitere rhetorische Frage: Wie viele Menschen sind durch Kühe gestorben? Das kann ich Ihnen auch beantworten. Es sind über 20 Menschen von Kühen zertrampelt worden. (Rico Gebhardt, DIE LINKE: Oh! – Ah-Rufe von der AfD) Nur, es kommt dann niemand auf die Idee, irgendwelche Kühe auf der Weide abzuschießen. Das ist eine absurde Debatte, die – –
