Holger Gasse
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren Abgeordneten! Jeder soll unabhängig von sozialer Herkunft die gleiche Chance auf gute Bildung bekommen. Genau darum geht es in unserem Antrag. Kaum jemand würde der Wichtigkeit dieses Anliegens heute widersprechen, und ich spreche wirklich sehr gern zu diesem Antrag. Der Grund dafür ist unter anderem, dass er viel mit meinem eigenen Weg in die Politik und der Ursache meines politischen Tuns zu tun hat. Sozialräume verändern sich, und wenn eine Kommune nicht rechtzeitig gegensteuert, können daraus Brennpunkte mit Schulen werden, die in der Schülerschaft und den dazugehörigen Elternhäusern multiple Problemlagen vereinen. 1992, kurz nach der Wende, habe ich mein eigenes kleines gastronomisches Unternehmen im Leipziger Osten eröffnet. Zu der Zeit hätte ich mir nie träumen lassen, dass sich der mich umgebende Sozialraum innerhalb von wenigen Jahren so verändern wird. Er hat sich von einem stabilen wirtschaftlichen Umfeld in einen sozialen Brennpunkt mit den entsprechenden Begleiterscheinungen gewandelt, beginnend mit Wohnungsleerstand, Kaufkraftverlust, Schließung vieler etablierter Geschäfte, Anstieg der Arbeitslosigkeit, Anstieg der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bis hin zur Schließung aller Gymnasien im näheren Umfeld. Eine der Begründungen war damals: Es gibt einfach zu wenige Schüler, die im Sozialraum eine gymnasiale Bildungsempfehlung erhalten. Vor allem dann, wenn das eigene Unternehmen von den Folgewirkungen betroffen ist, denkt man in so einer Phase besonders intensiv darüber nach, wie man den Istzustand positiv beeinflussen und welchen Beitrag man persönlich zu einer Trendwende leisten kann. So begann mein politisches Engagement. 2004 wurde ich in den Stadtrat gewählt, und ich bin wirklich stolz, dass ich bis 2014 einen kleinen Beitrag zur Stabilisierung der schon erkennbaren Trendumkehr leisten konnte. Aber warum sage ich Ihnen das so ausführlich? Weil eine sozialräumliche Entwicklung auch viel mit vorhandenen Bildungsangeboten und deren Qualität zu tun hat. In modernen Gesellschaften wie der unseren nimmt das Bildungssystem eine Schlüsselrolle ein. Es ist die wichtigste Schaltstelle für den zukünftigen sozialen Status eines Menschen. Es legt den Grundstein dafür, welche beruflichen Positionen, welche Einkommensperspektiven und welches Maß an sozialer Sicherung ein Mensch im Verlauf seines Lebens erreichen kann. Dabei ist es wichtig, dass wir ein breit gefächertes, also ein differenziertes Bildungssystem mit verschiedenen Bildungsgängen bereithalten. Es soll den Kindern und Jugendlichen entsprechend ihrer Neigungen und Fähigkeiten sehr unterschiedliche Möglichkeiten für den weiteren Bildungs- und Lebensweg eröffnen. Dennoch oder gerade deshalb ist es in den ersten Jahren der Kindheit wichtig, dass das Aufwachsen von Kindern nicht durch Unterschiede bestimmt wird. Deshalb versuchen wir, ihnen die gleichen Ausgangspositionen zu verschaffen. Sie sollen die gleichen Chancen bekommen, ihre Neigungen und Fähigkeiten zu entwickeln, und gleiche Chancen brauchen wir bei so vielen grundlegenden Dingen. Ich denke da zum Beispiel an die Gesundheit, die Freizeitgestaltung oder auch das Wohlbefinden, die Ernährung nicht zu vergessen und vor allem die Bildung. Idealerweise dürfte es zwischen sozialen Herkunftsbedingungen und dem Bildungserfolg möglichst keinen Zusammenhang geben. Andererseits sollte es jedoch zwischen Bildungserfolg auf der einen Seite und einem Beruf einen möglichst engen Zusammenhang geben. Wenn genau diese beiden Fälle eintreten, hätten wir Chancengleichheit im Sinne von Leistungsgerechtigkeit erreicht. Hinsichtlich der Bildungschancen macht es leider sehr oft einen Unterschied, in welchem Sozialraum sich die Kita, die Schule befindet, in der die Kinder betreut werden. Im Leipziger Osten gab es zum damaligen Zeitpunkt kein Gymnasium mehr. Das hat dazu geführt, dass sich Familien, die ihren Kindern alle Möglichkeiten offenhalten wollten, für andere Wohnorte entschieden haben. Genau das zu ändern, war mir damals ein wichtiges Anliegen. Auch wenn momentan – endlich, möchte ich sagen – der Rohbau eines Gymnasiums im Leipziger Osten in die Höhe wächst, brauchen die Kinder in allen Schularten des Sozialraums gleichwertige Lebens- und Lernbedingungen, sonst passiert es wieder, dass sich Eltern für einen anderen Schulbezirk entscheiden. Hinzu kommt: Es ist auch verdammt schwer, gute Lehrerinnen und Lehrer in ausreichender Zahl für Schulen zu finden, deren vorherrschende Lehr- und Lernbedingungen als – um es einmal vorsichtig zu formulieren – suboptimal eingeschätzt werden. So gehört es zu unseren Aufgaben als Gesetzgeber, Fehler in der Stadtentwicklung, wie sie beispielsweise im Osten meiner Heimatstadt begangen wurden, wieder auszugleichen. Die Kinder können sich nicht heraussuchen, in welchem Umfeld sie aufwachsen, und das kann vor allem in Großstädten durchaus auch ein problembehaftetes sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kindertagesstätten und Schulen neben der Familie die wichtigsten Lern- und Sozialisierungsräume unserer Kinder sind, und dort müssen sie neben den Bildungsangeboten, die wir machen, auch gezielt unterstützt und, wenn nötig, auch individuell gefördert werden. Nur so können wir die persönlichen und die sozialen Kompetenzen unserer Kinder stärken. So können wir die Chancengleichheit gegenüber den Kindern herstellen, die in Einrichtungen mit homogenen Kindergruppen bzw. Schulklassen betreut oder unterrichtet werden. Abhängig vom Standort der Kita oder der Schule sind die Herausforderungen in Bildung und Erziehung unterschiedlich groß. Schulen mit einer heterogenen Schülerschaft und komplexen Problemlagen benötigen entsprechend mehr Unterstützung als andere Schulen. Schließlich wollen wir möglichst alle Schüler zu einem erfolgreichen Schulabschluss führen. Dafür benötigen sie das Zusammenwirken von Akteuren unterschiedlicher Professionen. Die Pädagogen benötigen mehr Zeit für Elternarbeit, Teamsitzung und Fortbildung, und unser Antrag hat zum Ziel, dass die besonderen Bedarfe und sozialen Herausforderungen bei der Ressourcenausstattung und Förderung stärker berücksichtigt werden sollen. Durch pauschale Zuwendungen in diesem Bereich werden wir dieses Ziel nicht erreichen. Deshalb wollen wir sozialräumlich differenziert auf dieses Problem reagieren, um zu ermitteln, welche konkreten Bedarfe bestehen. Grundsätzlich ist es so, dass die Verantwortlichen vor Ort immer selbst am besten wissen, wo die Säge klemmt. Deshalb wollen wir die Sächsische Staatsregierung beauftragen, ein Modell für die sozialindexbasierte Ressourcensteuerung für die Bereiche Kita und Schule zu erarbeiten. Dabei soll sie ganz ausdrücklich auf die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis vor Ort zurückgreifen. Um das Instrument zielgerichtet einsetzen zu können, brauchen wir zunächst objektive Kriterien, auf deren Grundlage wir die besonderen Bedarfe vor Ort feststellen können. Außerdem möchten wir wissen, welche Überschneidungen es hinsichtlich der bereits teilnehmenden Einrichtungen und den bereits bestehenden bzw. laufenden Programmen und Projekten gibt. Danach wollen wir entscheiden, welche Ressourcen notwendig sind und wie wir die Zuweisungen regeln wollen. Zielstellung ist es, diese besonderen Bedarfe durch eine Erhöhung der Ressourcen für diese Schulen und Kitas auszugleichen. Sie sehen also, meine Damen und Herren, wir arbeiten konzentriert am Thema Chancengleichheit in der Bildung, und deshalb bitte ich Sie auch um Zustimmung für unseren Antrag. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Vereinzelt Beifall bei der CDU, den BÜNDNISGRÜNEN und der SPD)
