landtag.sachsen.de ↗

Anna Gorskih

Die Linke 21.05.2021 Sitzungen 7/31

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordneten! Wir haben schon in den vergangenen Tagen, auch im Rahmen der Haushaltsverhandlungen, immer wieder angesprochen, dass Kinder und Jugendliche tatsächlich unter den – leider notwendigen – Einschränkungen leiden. Sie sind von Einsamkeit, von psychischen Belastungen, aber genauso von gesundheitlichen Auswirkungen von Corona, wie zum Beispiel von Long-Covid, betroffen. Ihr Alltag steht seit über anderthalb Jahren auf dem Kopf, und sie brauchen eine klare Perspektive. Ich finde es daher wirklich sehr gut, dass wir heute im Parlament über die Situation von Kindern und Jugendlichen sprechen. Dank des stetigen Einsatzes der Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und der Jugendarbeit wurde diese schwierige Zeit für Kinder und Jugendliche etwas erträglicher gemacht. Aber – das muss ich noch einmal klar herausstellen – ich finde, Kinder und Jugendliche sind bisher in den Debatten und Entscheidungen der Politik viel zu kurz gekommen. Die Diskussionen über die Maßnahmen wurden bisher nahezu ausschließlich aus der Perspektive der Erwachsenen geführt. Kinder und Jugendliche traten dabei höchstens als Objekte der Diskussion auf die Bühne, aber keineswegs als teilnehmende Subjekte, die für sich selbst sprechen und sagen können, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Zu Recht fühlen sich viele Kinder und Jugendliche auf eine einzige Rolle und Aufgabe reduziert, nämlich auf ihre Rolle als Schüler(innen) oder beispielsweise Studierende. Und während in der Schule und in anderen Bildungseinrichtungen seit über einem Jahr nichts so läuft wie bisher, wird trotzdem von vielen jungen Menschen erwartet, dass sie irgendwie funktionieren und an ihrer Qualifikation arbeiten. Dass sich an dieser Erwartung nichts grundlegend verändert hat, zeigt mir, ehrlich gesagt, auch das kürzlich beschlossene Bundesprogramm „Aufholen nach Corona“. Aufholen nach Corona – da steckt ja schon der Wettbewerb im Namen drin, als würde man sagen wollen: Macht es euch ja nicht zu bequem auf den 2 Milliarden Euro! Das Programm heißt ja schließlich Aufholen und nicht Erholen nach Corona. Ich sehe es kritisch, dass, während die ersten Erwachsenen bereits geimpft sind und ihren langersehnten Sommerurlaub planen, viele Kinder und Jugendliche immer noch dazu gedrängt werden, ihre coronabedingten Lernlücken zu schließen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir wollen alle, dass Kinder und Jugendliche die bestmögliche Bildung erhalten, nur – das ist mir wichtig zu betonen – besteht die Jugendzeit nicht ausschließlich aus Schule und Lernen. Dazu gehört viel mehr: bestimmte Prozesse und Erfahrungen, die strukturierend und für die emotionale und soziale Persönlichkeitsentwicklung wichtig sind. Während man Lernlücken auch später im Leben noch schließen kann, kann man das mit bestimmten Erfahrungen nicht, die man nur in dieser besonderen und eigenständigen Lebensphase Jugend machen kann. Sie können weder durch digitale Alternativangebote aufgefangen werden, noch können sie irgendwann später im Leben nachgeholt werden. (Beifall bei den LINKEN) Kindern und Jugendlichen geht gerade wertvolle Lebenszeit, wertvolle Jugendzeit verloren. Auch die bundesweiten JuCo-Studien zeigen, dass sich Kinder und Jugendliche vergessen fühlen und denken, ihre Sorgen und Ängste seien den Politikerinnen und Politikern nicht wichtig. Wer hätte das gedacht: Die digitalste aller bisherigen Generationen hat ihre Bildschirme satt. Einsamkeit und sozialer Rückzug sind unter den jungen Menschen schon lange keine Randphänomene mehr. Ich muss ihnen, den jungen Menschen, an dieser Stelle meine allergrößte Achtung und meinen größten Respekt aussprechen; denn trotz alledem, obwohl es vielen schlecht geht, verhält sich die Mehrheit von ihnen immer noch sehr solidarisch und vernünftig; denn sie ist sich der Lage vollkommen bewusst. Aufgrund dessen verzichtete gerade eine ganze Generation junger Menschen auf ihr Jungsein, während – das muss ich hier ebenfalls noch einmal sagen – gleichzeitig Zehntausende aus der älteren und vermeintlich vernünftigeren Generation sich völlig rücksichtslos verhalten, Polonaise tanzend, und auf die Gesundheit ihrer Mitmenschen pfeifen. Der größte Unterschied – –

Alle Reden von Anna Gorskih Protokoll ↗