Holger Hentschel
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! In Deutschland gibt es sicherlich viele Millionen „Bundestrainer“ im Fußball. Da ich mir sicher bin, dass in diesem Hohen Haus jede Menge Fachkompetenz versammelt ist, möchte ich Ihre geschätzte Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der ostdeutschen Vereine seit der Wiedervereinigung lenken. Am 11. August 1990 startete die letzte DDR-Oberliga. Dort ging es vor allem um die Qualifikation für die beiden gesamtdeutschen Bundesligen. Acht Vereine schafften seinerzeit den Sprung in den bezahlten Fußball. Heute, das muss man leider sagen, ist keiner mehr von ihnen dort vertreten. Die Fahne des ostdeutschen Fußballs wird, von RB Leipzig abgesehen, durch Union Berlin in der Bundesliga und Erzgebirge Aue in der 2. Bundesliga hochgehalten. Trotz der sportlich eher durchwachsenen Bilanz gab es für ostdeutsche Clubs auch einige Sternstunden. Dass ausgerechnet Energie Cottbus mit Eduard Geyer den Sprung aus der Amateurliga in die Bundesliga schaffte und dort, mit Unterbrechungen, sechs Jahre spielte, war eine Sensation. Dies gelang, wenn auch nur für ein Jahr, dem VfB Leipzig im Jahr 1993. Dieser Club war es aber auch, der 2004 nach der zweiten Insolvenz den Spielbetrieb einstellen musste. Durch Fans wurde seinerzeit der 1. FC Lok neu gegründet und startete in der 3. Kreisklasse, gleich mit einem Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde. Noch nie zuvor gelang es einem Klub, 12 421 Fans in der untersten Liga zu begrüßen. 16 Jahre später scheiterte der Verein nur an der Relegation zur 3. Bundesliga. Als wegen der CoronaPandemie die Einnahmen ausblieben, wurden unglaubliche 180 000 Tickets zu je einem Euro gegen einen virtuellen Gegner verkauft. Auch Union Berlin, momentan das Aushängeschild des ostdeutschen Fußballs, wäre ohne seine tollen Fans niemals nach oben gekommen. Als das Geld knapp war, spendete man Blut, leistete die Anhängerschaft unglaubliche 140 000 Arbeitsstunden, um den Umbau des Stadions zu gewährleisten. Jedes Jahr am 23. Dezember ist das Stadion bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn man gemeinsam Weihnachtslieder singt. Viele Ostvereine sind Kult, auch überregional – egal ob Union Berlin, Dynamo Dresden, Hansa Rostock, Chemnitzer FC, Lok oder Chemie Leipzig oder Rot-Weiß Erfurt. Viele Ostvereine zeigen, zum Teil notgedrungen, dass man sich einer zunehmenden Kommerzialisierung des bezahlten Fußballs zumindest teilweise entziehen kann oder muss. Die immer weiter sich professionalisierten Fußballligen haben eine Mehrklassengesellschaft entstehen lassen. Durch immer höher dosierte Fernsehverträge stiegen die Gehälter in der 1. Bundesliga in schwindelerregende Höhen, während die halbe 3. Liga trotz enormen Zuschauerzuspruches ständig am Rande der Insolvenz wandelt. Aus der 4. Liga werden zwar ständig Spiele in voller Länge live gezeigt, Geld bekommen die Vereine dafür aber quasi keins. Den aktuellen Aufstiegsmodus sehen wir kritisch, da der ostdeutsche Meister nur über eine Relegation aufsteigen kann. Wir finden, der ostdeutsche Meister der Regionalliga sollte direkt in die 3. Bundesliga aufsteigen dürfen. Dieses Problem ist bekannt und sollte von den Verbänden im Sinne des Sports neu und fair geregelt werden. Auch bezüglich ihrer maroden Stadien hatten die Vereine im Osten eine schwere Hypothek. Ende des Jahres 1990 gab es keine einzige Arena, welche die Anforderungen der damaligen Zeit auch nur annähernd erfüllte. Als Beispiel sei das Leipziger Zentralstadion genannt, von dessen knapp 100 000 Plätzen nicht ein einziger überdacht war. Hier hat sich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung vieles zum Positiven gewendet. In Leipzig, Dresden, Chemnitz oder Zwickau muss heute kein Zuschauer dank neu gebauter Stadien mehr im Regen stehen. Besonders in den letzten Jahren haben sich die Trainingsbedingungen der sächsischen Vereine durch neuen Kunstrasen deutlich verbessert. Auch wurden unzählige Sozialgebäude modernisiert. Dabei leisteten die Vereinsmitglieder unzählige Arbeitsstunden, um fehlende finanzielle Eigenmittel auszugleichen. Auf dieses Engagement können wir im Freistaat Sachsen sehr stolz sein. (Beifall bei der AfD) Nicht nur der DFB wurde in Sachsen gegründet, auch der erste deutsche Fußballmeister kommt aus Leipzig. Tradition ist also reichlich vorhanden. Dass die Entwicklung vielleicht in Zukunft etwas positiver ausfällt, dafür steht im Moment FC Erzgebirge Aue. Sie sind Tabellenzweiter in der 2. Liga, und sie können aufsteigen. Dafür drücken wir die Daumen. – Mehr dazu in der nächsten Runde. Vielen Dank. (Beifall bei der AfD)
