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Sevim Kaya-Karadağ

SPD 16.09.2026 Sitzungen 17/51

Wir haben Zeit. - Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die aktuellen PISA-Ergebnisse können uns nicht zufriedenstellen. Wenn rund ein Drittel der Jugendlichen grundlegende Kompetenzen in Lesen beziehungsweise in Mathematik nicht erreicht, dann müssen wir darüber reden. Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Grundlagen des schulischen Erfolgs für Ausbildung und für gesellschaftliche Teilhabe. Aber ja, wir müssen die Ergebnisse von PISA ernst nehmen. Wer aber PISA ernst nimmt, muss sich auch anschauen, was die Studie tatsächlich sagt; und darf sich nicht nur das herausgreifen, was in das eigene politische Weltbild passt. Genau da liegt das Problem Ihres Antrags. Wenn man ihn liest, entsteht der Eindruck, die Antworten standen eigentlich schon fest, bevor die PISA-Ergebnisse veröffentlicht wurden: Zuwanderung begrenzen, Digitalisierung kritisieren, Sitzenbleiben stärken, angebliche Ideologie aus Lehrplänen entfernen, und PISA liefert anschließend nur noch die Überschrift. Ich finde, wir sollten eine andere Debatte führen. Lassen Sie uns aus PISA keine Schulddebatte machen. Es bringt uns keinen Schritt wei- (Abg. Kaya-Karadağ (SPD)) ter, wenn wir jetzt danach suchen, wem wir die Verantwortung für diese Ergebnisse zuschreiben können. Die entscheidende Frage ist doch nicht: Wer ist schuld? Die entscheidende Frage ist: Was müssen wir tun, damit unsere Kinder wieder besser lesen, schreiben und rechnen können? - Dafür müssen wir uns anschauen, was PISA tatsächlich sagt. Ein ganz wesentlicher Befund ist, in Deutschland hängt der Bildungserfolg noch immer viel zu stark von der sozialen Herkunft ab. Der Leistungsabstand zwischen sozial privilegierten und sozial benachteiligten Jugendlichen ist in Deutschland deutlich größer als im OECD-Durchschnitt. Genau hier liegt eine der zentralen bildungspolitischen Aufgaben. Die Bildungschancen eines Kindes dürfen nicht davon abhängen, in welche Familie es hineingeboren wird. Deshalb führt es an den entscheidenden bildungspolitischen Fragen vorbei, wenn Sie aus PISA wieder einmal eine Migrationsdebatte machen. (Zuruf des Abgeordneten Dörr (AfD).) Wenn wir über Bildungserfolg sprechen, geht es nicht darum, Kinder nach ihrer Herkunft zu unterscheiden. (Weitere Zurufe des Abgeordne- ten Dörr (AfD).) Es geht darum, welche Voraussetzungen ein Kind mitbringt, wo es Unterstützung braucht und wie wir ihm bestmögliche Bildungschancen eröffnen. Genau daran arbeiten wir im Saarland. Kinder kommen nicht alle mit den gleichen Voraussetzungen in die Schule. Deshalb schauen wir früh hin und fördern dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Genau diesen Weg gehen wir mit „Startklar Deutsch“: Sprachstände früh feststellen, gezielt fördern und Kindern einen guten Start in ihre Bildungsbiografie ermöglichen. Sprache ist dabei nur ein Teil. Nicht jedes Kind hat zu Hause die gleichen Möglichkeiten. Nicht alle Eltern können bei den Hausaufgaben helfen, Nachhilfe bezahlen oder zusätzliche Bildungsangebote ermöglichen. Deshalb ist der Ganztag für uns weit mehr als Betreuung. Guter Ganztag schafft gemeinsame Bildungszeit und Möglichkeiten für individuelle Förderung, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Mit dem Startchancen Programm unterstützen wir gezielt diejenigen Schulen stärker, an denen die Herausforderungen besonders groß sind. Chancengerechtigkeit heißt nämlich nicht, überall das Gleiche zu tun, sondern dort mehr zu tun, wo mehr Unterstützung gebraucht wird. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf Ihr Verständnis von Schule. Sie warnen in Ihrem Antrag vor einem betreuten Wohlfühlraum. Natürlich gehört Anstrengung zum Lernen, natürlich muss Schule Leistung verlangen, aber Kinder lernen nicht besser, weil sie sich in der Schule schlechter fühlen. Sie lernen gut, wenn sie sich sicher fühlen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln und von guten Lehrkräften begleitet werden. Dass Sie Wohlbefinden und Leistung gegeneinander ausspielen, sagt derzeit mehr über Ihr Bild von Schule aus als über die PISA-Ergebnisse. Das gilt auch für Ihre Behauptung, abgesenkte Leistungsanforderungen seien eine Ursache der schlechten Ergebnisse. Das ist eine Behauptung in Ihrem Antrag, kein Befund von PISA. Niemand hier will Anforderungen abschaffen. Die entscheidende Frage ist doch nicht, ob wir Leistung wollen, die entscheidende Frage ist, wie wir möglichst viele Kinder dazu befähigen, diese Leistung zu erbringen. Dann die Digitalisierung. Natürlich ersetzt ein Tablet keine Lehrkraft, das hat auch niemand behauptet. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist der pädagogische Mehrwert. Die Gegenüberstellung von Tablet und Buch oder nur Buch führt deshalb auch nicht besonders weit. Die Frage ist: Welches Werkzeug unterstützt in welcher Situation gutes Lernen? (Beifall von der SPD.) Schließlich soll nach Ihrem Antrag die Schule von ideologisch motivierter Überfrachtung befreit werden. Auch hier zeigt sich dasselbe Muster. Das ist kein Befund von PISA, das ist eine politische Behauptung der AfD, und noch dazu eine, bei der Sie in Ihrem Antrag noch nicht einmal sagen, was diese angebliche ideologische Überfrachtung eigentlich konkret sein soll. Das macht das Grundproblem Ihres Antrags ziemlich deutlich. Wo PISA konkrete Probleme beschreibt, brauchen wir konkrete Antworten. PI-SA zeigt uns, wo wir besser werden müssen: bei den Basiskompetenzen, bei der individuellen Förderung und vor allem bei der Frage, wie stark der Bildungserfolg eines Kindes noch immer von seiner sozialen Herkunft abhängt. Unsere Antwort darauf ist nicht weniger Leistung, im Gegenteil. Wir wollen, dass möglichst viele Kinder gute Leistungen erbringen können. Deshalb fördern wir früh. Deshalb stärken wir Sprache. Deshalb bauen wir den Ganztag aus und unterstützen Schulen dort besonders, wo die Herausforderungen besonders groß sind. Leistung und Chancengerechtigkeit sind keine Gegensätze. Wer Leistung erwartet, muss Kindern auch die Chancen geben, sie zu erbringen. Das ist für uns die entscheidende Konsequenz aus PISA. - Glück auf! (Beifall von der SPD.)

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