Anja Wagner-Scheid
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Was würden Sie tun, wenn vor Ihnen plötzlich jemand zusammenbricht, hilflos vor Ihnen liegt und sich nicht helfen kann? - Eine Kollegin, ein Nachbar, eine Person, die Ihnen ganz nahesteht, der Partner/die Partnerin, Eltern, Kinder. Wüssten Sie, was zu tun ist? Und vor allem: Würden Sie auch handeln? Viele Menschen zögern in solchen Situationen, nicht weil es ihnen egal ist, sondern weil sie nicht genau wissen, was sie tun sollen. Genau diese Unsicherheit kann im Ernstfall den entscheidenden Unterschied machen. Denn bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute. Mit jeder Minute sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um etwa 10 Prozent. Gleichzeitig wissen wir alle: Wer sofort handelt, der oder die kann Leben retten. Eines ist uns ebenso klar oder sollte uns klar sein: In einer solchen Situation gibt es keinen Plan B, dann ist jede und jeder von uns gefragt. Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, genau hier beginnt eine sicherheitspolitische Debatte, die wir in Deutschland viel zu lange unterschätzt haben. Denn Krisenfestigkeit bedeutet nicht nur, dass wir funktionierende Behörden oder gut ausgestattete und gut ausgebildete Einsatzkräfte brauchen. Krisenfestigkeit bedeutet auch, dass unsere Gesellschaft als Ganzes handlungsfähig ist. Dazu gehört, dass Menschen in der Lage sind, im Ernstfall Verantwortung zu übernehmen, um sofort, eigenständig und kompetent das Richtige zu tun. (Präsidentin Winzent übernimmt die Sit- zungsleitung.) Ein Blick nach Europa zeigt, was anderswo möglich ist. In Norwegen, Schweden, Irland liegt die Laienreanimationsquote bei über 70 Prozent, teilweise sogar 80 Prozent, in Deutschland nur bei 50 Prozent. Das ist kein Zufall, sondern ein Stück weit eine Form von Kultur. Das ist auch ein Ausdruck von unterschiedlichen Prioritäten. Die nordischen Länder - ich habe sie gerade aufgezählt - verstehen Bevölkerungsschutz umfassend. Sie setzen nicht nur auf professionelle Strukturen, sondern auf befähigte und resilien- (Abg. Wagner-Scheid (CDU)) te Bürgerinnen und Bürger. Dort ist ganz klar: Sicherheit ist nicht nur Aufgabe des Staates, Sicherheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie fängt bei den Kleinsten an. Genau deshalb beginnt sie dort bereits in der Schule. Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch auf Bundesebene wird diese Perspektive zunehmend betont. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt fordert, die Resilienz von Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu stärken und sie besser auf Krisensituationen vorzubereiten. Das ist richtig, aber es darf nicht abstrakt sein. Wenn wir hier im Saarland über Krisen sprechen, dann sprechen wir nicht nur über große Lagen. Wir sprechen auch über die vielen alltäglichen Notfälle, in denen staatliche Hilfe nicht sofort vor Ort ist, nicht sofort vor Ort sein kann. Genau dort entscheidet sich, ob eine Gesellschaft funktioniert. Reanimationstraining ist deshalb nicht nur Gesundheitspolitik, Reanimationstraining ist konkrete Sicherheitspolitik. (Beifall von der CDU.) Reanimationstraining sorgt dafür, dass im entscheidenden Moment jemand handelt, dass nicht weggesehen wird, dass Verantwortung übernommen wird. Es vermittelt etwas, das wir in einer unsicherer werdenden Welt so dringend brauchen: Es vermittelt Handlungssicherheit statt Hilflosigkeit. Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Saarland gibt es das Projekt „Löwen retten Leben“ - ein ganz wichtiger Ansatz. Er greift unserer Meinung nach aber zu kurz, weil er zu spät ansetzt. Wenn wir wollen, dass wirklich jede und jeder Teil dieser Sicherheitskette ist, dann müssen wir früher beginnen. Mit Blick auf die Länder, die ich gerade genannt habe, wissen wir längst, dass es funktioniert. Diese beginnen zum Teil sogar schon im Kindergarten. Unser Antrag setzt bei einem klasse Projekt an, das seit einigen Jahren erfolgreich in St. Ingbert läuft. Über 1.000 Kinder können im entscheidenden Moment handeln und Leben retten. Dieses Projekt „Prüfen, Rufen, Drücken“ wollen wir als Ansatzpunkt nehmen, um bereits in der Grundschule zu beginnen, und es landesweit ausrollen. Schon seit 2022 gibt es dieses Projekt in St. Ingbert. Ein Mal im Jahr werden alle Kinder der St. Ingberter Grundschulen in Reanimationstraining geschult. Das Projekt wurde initiiert und durchgeführt vom dortigen Kreiskrankenhaus. Ich selbst durfte mir dieses Projekt an einer Grundschule ansehen. Ich habe mit den Kindern geübt und den Spaß und die Freude der Kinder und auch die Unbedarftheit gesehen, an solchen Reanimationspuppen zu üben und damit abschließend zu lernen, wie man Leben retten kann. Von den ÄrztInnen und Lehrkräften wurde mir geschildert: Diese Unbefangenheit ist in dem Alter in der dritten Klasse da. Später in der weiterführenden Schule wird es peinlich oder unangenehm. Wenn das möglichst früh angelegt wird, dann wissen die Kinder, dass sie selbst den Erwachsenen beistehen können, indem sie helfen und nicht nur Kinder sind, sondern diejenigen, die Leben retten können. (Beifall von der CDU.) Ich danke sehr herzlich allen Verantwortlichen des Kreiskrankenhauses in St. Ingbert und weiß auch, dass es mehr Ärzte im Land gibt, die sich bei einem solchen Projekt landesweit gerne einsetzen würden. Ich weiß es auch von den Hilfsund Rettungsorganisationen im Land, der Blaulichtfamilie. Auch diese würde bei einem solchen Projekt gerne zur Seite stehen und die Lehrkräfte anleiten. Warum sollen wir also warten? Warum wollen wir nicht konsequent handeln, wie es andere Länder bereits tun? Wir als Opposition, als CDU-Landtagsfraktion, sagen: Es ist Zeit, diese Lücke zu schließen. Wir wollen Reanimationstraining bereits in der Grundschule verbindlich und flächendeckend. Wir wollen Programme verzahnen und erfolgreiche Modelle landesweit ausrollen. Wir wollen Wiederholung, Qualität und Unterstützung sicherstellen. Wir wollen das Ganze als festen Bestandteil einer umfassenden Resilienz- und Sicherheitsstrategie im Saarland verankert sehen. Am Ende, liebe Kolleginnen und Kollegen, geht es um mehr als ein Unterrichtsmodul. Es geht um die Frage, ob wir in einer Gesellschaft leben, die im Ernstfall funktioniert, einer Gesellschaft, in der jede und jeder vorbereitet ist, einer Gesellschaft, in der Verantwortung geteilt wird, einer Gesellschaft, die nicht nur auf Hilfe wartet, sondern selbst hilft. Die nordischen Länder zeigen uns, dass das möglich ist. Jetzt liegt es an uns, daraus Konsequenzen zu ziehen. Ich fände es schön, wenn wir diesen Schritt heute gemeinsam gehen, und werbe darum. Ich bitte um Ihre Unterstützung für unseren Antrag. (Beifall von der CDU.) Schade, dass Sie, liebe SPD-Landtagsfraktion, es offensichtlich nicht übers Herz bringen, unserem Antrag zustimmen zu wollen. Stattdessen legen Sie einen fast identischen Antrag vor. (Abg. Commerçon (SPD): Einen besseren.) Sie können diesen aber gerne noch zurückziehen. (Abg. Holzner (SPD): So ein Unsinn.) Schauen Sie in unsere beiden Anträge, legen Sie sie nebeneinander und dann entscheiden Sie für die Reanimationsfähigkeit der Kinder im Saarland. Ich bitte um Zustimmung zu unserem Antrag. (Beifall von der CDU.)
