Anja Wagner-Scheid
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Frauen sind keine kleinen Männer. Frauen sind anders krank. Frauen brauchen oft eine andere Dosis an Medikamenten, und viele Medikamente wurden und werden heute noch ausschließlich an Männern getestet. Frauen brauchen oft eine andere Behandlung und die Warnzeichen einer ernsthaften Erkrankung sind bei Frauen meist oft anders als bei Männern. Es herrscht bei dem Thema Gesundheit eine systematische Benachteiligung von Frauen in der Gesundheitsversorgung, Forschung und auch Behandlung. Man spricht vom Gender Health Gap und ich möchte es um den Gender Data Gap ergänzen. Wir wissen einfach zu wenig, wir haben zu wenige Daten. Ich bin froh, dass wir heute zum wiederholten Mal über das Thema Frauengesundheit sprechen können, weil es, glaube ich, hier im Parlament, aber auch in der Gesellschaft nach und nach zu einem Bewusstseinswandel kommt. Das ist richtig und wichtig. (Beifall von der CDU und der SPD.) Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine Studie des McKinsey Health Institute und des Weltwirtschaftsforums kommt zu dem Schluss, dass Frauen weltweit im Schnitt 25 Prozent mehr Zeit ihres Lebens in schlechter Gesundheit und (Abg. Wagner-Scheid (CDU)) Krankheit verbringen als Männer. Neun frauenspezifische Krankheiten belasten nicht nur das Wohlergehen jeder erkrankten Frau, sondern auch die globale Wirtschaft. Die folgenden neun entscheidenden Gesundheitszustände betreffen Frauen entweder ausschließlich oder in besonderem Maße. Ich nenne die Menopause, die Endometriose, den Brustkrebs, den Gebärmutterhalskrebs, die Gebärmuttergeschwülste, das PMS-Syndrom, die ischämische Herzkrankheit, bluthochdruckbedingte Komplikationen in der Schwangerschaft und schwere Blutungen nach der Geburt. Würde man die Gesundheitslücke zwischen den Geschlechtern angehen, könnte man das weltweite Bruttoinlandsprodukt um jährlich - hören Sie gut zu, liebe Kolleginnen und Kollegen, es geht alle an, die Männer und die Frauen - um rund 390 Milliarden Euro jährlich steigern. Es stellt sich die Frage: Warum tun wir das nicht? - Wenn man noch hinzunimmt, dass sich jeder investierte Euro in die Prävention und Gesundheitsvorsorge um das 2,5-Fache bezahlt machen würde, stellt sich wirklich die Frage, warum wir es nicht endlich tun. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Frauengesundheit ist kein Nischenthema. Frauengesundheit ist kein ausschließliches Frauenthema. Frauengesundheit ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Deshalb begrüße ich es außerordentlich, dass auch unsere Kollegen hier ans Pult getreten sind, zu diesem Thema heute sprechen und sich damit solidarisch mit den Belangen von Frauen erklären. Vielen herzlichen Dank. (Beifall von der CDU und der SPD.) Gestern war ich in Sulzbach im Knappschaftskrankenhaus und habe die erste und einzige kardiologische Frauensprechstunde besuchen dürfen. Das Angebot gibt es mittlerweile seit einem Jahr, mehr und mehr Frauen besuchen diese Sprechstunde. Ich habe einige Informationen mitgebracht, die wir zum Teil heute schon gehört haben, aber auch einige Informationen, die Sie, euch und die Bevölkerung überraschen werden, die Bürgerinnen und Bürger einfach nicht kennen. Bei einem Herzinfarkt entscheidet jede Minute über Leben oder Tod. Herzinfarkte wurden jahre- und jahrzehntelang oft als reine Männerkrankheit angesehen und weibliche Herzinfarkte oft als Stressfaktoren oder Panikattacken abgetan. Herzerkrankungen sind bei Frauen die Todesursache Nummer 1 und damit deutlich gefährlicher als Brustkrebs. Studien zufolge liegt das Risiko für Frauen für eine Herzerkrankung sechsmal höher als für Brustkrebs. Frauen haben nach einem Herzinfarkt schlechtere Chancen, wieder gesund zu werden, als Männer. Ein großes Problem ist: Erleiden Frauen einen Herzinfarkt, handeln sie häufig nicht schnell genug. Weder die Frauen rufen einen Notarzt noch tun es ihre Männer, ihre Kinder, ihre Eltern oder wer auch immer. An der Stelle dauert es einfach wesentlich länger. Einer Studie der Herzstiftung zufolge vergehen bei Frauen im Alter von über 65 Jahren mit Symptomen eines Herzinfarktes im Schnitt über viereinhalb Stunden. Bei Männern ist es durchschnittlich eine Stunde weniger. Auch da müssen wir hinschauen und an der Stelle für Bewusstsein sorgen. Männer, das haben wir eben gehört, beschreiben bei einem Verdacht auf einen Herzinfarkt starke Schmerzen in der Brust. Bei Frauen sind die Symptome gänzlich diffuser. Ich habe das gestern mitgenommen und auch mal in mich selbst hineingehört: Selbst starke Oberbauchschmerzen können auf einen Herzinfarkt hindeuten. Hinzu kommen Symptome von Kurzatmigkeit, Atemnot, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Ziehen in den Armen, unerklärliche Müdigkeit, Depressionen. Alles das in Gänze sollte einen besorgt machen, aber auch ein Symptom kann auf einen Herzinfarkt hindeuten. Ich glaube, das ist im Bewusstsein der Bevölkerung nicht vorhanden. Auch dem dient die heutige Debatte, nämlich darüber aufzuklären. Deshalb gehört das Wissen um Symptome eines Herzinfarktes verstärkt in die Aus- und Weiterbildung des medizinischen Personals, aber auch der Rettungsdienste und der Notärztinnen und Notärzte. Ich möchte eine Empfehlung und auch eine Bitte an unseren Gesundheitsminister aussprechen: Jedes Krankenhaus im Saarland, das eine kardiologische Fachabteilung hat, sollte eine solche kardiologische Frauensprechstunde haben. Ich habe das einfach von gestern mitgenommen. Es wurden mir mehrere Fälle geschildert, wo Frauenleben durch diese kardiologische Frauensprechstunde gerettet wurden, und es kommt quasi jeden Tag ein weiterer Fall hinzu. Deshalb die herzliche Bitte an Sie, dieses Thema zu prüfen und mit in Ihre Arbeit einfließen zu lassen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das waren jetzt etliche Details zu einer Erkrankung, die so unterschiedlich bei Frauen und Männern erkannt werden kann und dann auch behandelt wird. Der Informationsbedarf in der deutschen Bevölkerung über die eigene Gesundheit und die Gesunderhaltung ist riesengroß und das Wissen leider viel zu klein. Deshalb sollten wir gemeinsam daran arbeiten, die Bürgerinnen und Bürger besser mitzunehmen und sie zu motivieren, sich besser um sich selbst zu kümmern. Der Schlüssel bei dem Thema ist und bleibt die Prävention. Das deutsche Gesundheitssystem ist auf die Behandlung akuter Krankheiten ausgelegt und leider nicht auf die Vermeidung von akuten Krankheiten. Das wird jetzt den Finanzminister interessieren, aber auch den Gesundheitsminister, und uns alle sollte es bewegen und auch mitnehmen: Nur 5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben wurden in Deutschland im Jahr 2023 für Prävention aus- (Abg. Wagner-Scheid (CDU)) gegeben, 95 Prozent für die Behandlung. Das ist doch verrückt. Im europäischen Vergleich tut Deutschland zu wenig. Der Public Health Index des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungsinstituts sagt uns: Deutschland lässt zu viel Präventionspotenzial ungenutzt verstreichen. (Beifall von der CDU.) Deshalb muss in Deutschland, aber auch hier im Saarland gelten: Wir müssen Prävention stärken und wir müssen den Gender Health Gap schließen. Entschieden setzen wir uns als CDU-Landtagsfraktion dafür ein, dass es eine lebensphasenorientierte Prävention gibt, dass es ein betriebliches Gesundheitsmanagement gibt, aber auch Gewaltprävention. Es muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein und wir brauchen ausreichende finanzielle und ausreichende strukturelle Ressourcen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Prävention ist nicht nur gesundheitspolitisch sinnvoll, sie ist zudem wirtschaftlich effizient und auch menschlich geboten. Prävention darf nicht länger eine Randnotiz sein, nice to have, sondern muss zum Herzstück einer gerechten, zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung werden. Es braucht eine echte Präventionswende, eine tiefgreifende Veränderung, die nicht nur medizinische Angebote verbessert, sondern auch gesellschaftliche Strukturen hinterfragt, Vorurteile abbaut und Menschen stärkt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Schöne ist: Wir fangen nicht erst heute an! Wir sind gemeinsam und miteinander seit über einem Jahr mit dem Thema unterwegs. Wir haben schon gehandelt und das Thema geschlechtersensible Gesundheit hier im Landtag debattiert. Wir haben bereits dreimal im letzten Jahr intensiv über Endometriose gesprochen und wir haben beschlossen, eine eigene Landesstrategie Endometriose auf den Weg zu bringen. Endometriose ist eine Krankheit der Tausend Gesichter, mit ganz vielen diffusen Merkmalen, die diese Krankheit entwickelt. Und es dauert, das berührt mich jedes Mal wieder, zehn bis zwölf Jahre, bis eine gesicherte Diagnose gestellt wird. Eine lange Leidensgeschichte für Frauen, und Frauen wissen oft nicht, wo sie hingehen sollen. Auch das ist eine Aufgabe an uns, dafür zu sorgen, dass wir da die richtigen Wege aufzeigen. Ich begrüße es ausdrücklich, lieber Herr Kollege, Sie haben eben das Thema Forschungsgelder für das Saarland angesprochen, dass diese Bundesregierung wirklich viel Geld in die Hand nimmt, um die Forschungssituation und das Wissen um gesundheitliche Belange auf ganz neue Füße zu stellen. Nina Warken als Bundesministerin für Gesundheit hat 10 Millionen Euro für Forschungsvorhaben zur Frauengesundheit bereitgestellt. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dorothee Bär, unterstützt mehrere Forschungsverbünde zur Frauengesundheit, unter anderem zur besseren Erforschung von Endometriose. 5,8 Millionen Euro für die Reduzierung des Gender Data Gap in der klinischen Forschung, 22 Millionen Euro für die Stärkung der Forschung im Bereich Endometriose und 21 Millionen Euro für eine Förderrichtlinie zur Erforschung der Wechseljahre. Vielleicht kann es uns gemeinsam gelingen, dass wir eines der Forschungsvorhaben ins Saarland holen. Das sollte unser gemeinsamer Antrieb sein, dass wir unsere Kontakte nutzen, um Forschungsvorhaben ins Saarland zu holen und an der Stelle zu sagen, dass auch Homburg dazu beiträgt, mehr über die Frauengesundheit zu wissen. Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Bedeutung geschlechtersensibler Medizin in der Gesundheits- und Forschungspolitik. Trotzdem sollten wir nicht zufrieden sein. Wir sollten noch mehr tun. Wir müssen Prävention stärken und den Gender Health Gap schließen. Ich möchte Sie abschließend auch noch auf das Thema gynäkologische Versorgung von körperbehinderten Menschen und Frauen hinweisen, ein Punkt, der sich auch in unserem Antrag wiederfindet. Deutschlandweit haben nur 16 Prozent aller gynäkologischen Praxen höhenverstellbare Untersuchungsstühle. Deshalb ist es für viele Frauen und Mädchen mit einer Körperbehinderung schlichtweg nicht möglich, an Präventionsangeboten teilzuhaben. Auch das ist ein Thema, wo ich uns anrate, es mitzunehmen, es aber auch bundesweit in den Blick zu nehmen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Gesundheit ist nicht zuletzt auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wir als Politik sollten die Verpflichtung empfinden, diese strukturellen Ungleichheiten zu beseitigen. - Ich bitte Sie herzlich um Zustimmung zu unserem Antrag! (Beifall von der CDU und der SPD.)
