Christina Baltes
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt, weil es Ihnen nicht gut geht, doch Ihre Symptome werden nicht richtig erkannt, nicht, weil sie unklar sind, sondern weil sie nicht dem typischen Krankheitsbild entsprechen. Genau das ist über viele Jahre hinweg vielen Frauen passiert und es passiert heute noch. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Gesundheit betrifft uns alle. Doch lange Zeit wurde sie nicht für alle gleichermaßen erforscht. In der medizinischen Forschung galt über Jahrzehnte vor allem der männliche Körper als Norm. Viele Studien wurden überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt und die Ergebnisse anschließend auf Frauen übertragen. Heute wissen wir, das reicht nicht aus. Frauen und Männer unterscheiden sich biologisch, hormonell und auch in ihren Lebensrealitäten. Diese Unterschiede haben Einfluss darauf, wie Krankheiten entstehen, welche Symptome sich zeigen und welche Therapien wirken. Wenn diese Unterschiede nicht berücksichtigt werden, entstehen Versorgungslücken. Genau das beschreibt der sogenannte Gender Health Gap, also Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Prävention, Diagnose, Behandlung und Forschung. Diese Unterschiede sind kein theoretisches Problem. Sie haben ganz konkrete Auswirkungen. Besonders deutlich zeigt sich das bei den sogenannten Volkskrankheiten, die Frauen und Männer gleichermaßen betreffen, sich aber unterschiedlich äußern können. Ein bekanntes Beispiel ist der Herzinfarkt. Während Männer häufig den klassischen starken Brustschmerz und Schmerzen im Arm verspüren, zeigen Frauen oft ganz andere Symptome, etwa Übelkeit, Atemnot oder Schmerzen im Bauch oder im Rücken. Diese Unterschiede wurden lange unterschätzt. Die Folge: Herzinfarkte werden bei Frauen häufiger zu spät erkannt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier geht es nicht um Statistik. Es geht um Menschenleben und hier muss etwas getan werden. (Beifall von der SPD und bei der CDU.) Auch bei Medikamenten gibt es Unterschiede. Der weibliche Körper verarbeitet Wirkstoffe teilweise anders. Wenn Medikamente hauptsächlich an Männern getestet werden, kann das für Frauen stärkere Nebenwirkungen oder falsche Dosierungen bedeuten. Ein weiteres großes Thema ist der Krebs. Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Auch im Saarland erkranken jedes Jahr rund 900 Frauen daran. Umso wichtiger ist eine gute Früherkennung. Das Mammographie-Screening leistet hier einen wichtigen Beitrag und mit dem Mammobil gibt es im Saarland zusätzlich ein mobiles Angebot, das Frauen auch außerhalb der großen Städte erreicht. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Früherkennung kann Leben retten. Gleichzeitig sehen wir auch, dass es in der Krebsvorsorge noch Lücken gibt. Gerade im Bereich der Krebsfrüherkennung gibt es Untersuchungen, die derzeit als sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, privat bezahlt werden müssen, obwohl sie medizinisch sinnvoll sein können. Ein wichtiger Baustein der Krebsprävention ist zudem die HPV-Impfung, die vor bestimmten Krebsarten schützen kann, etwa Gebärmutterhalskrebs. Deshalb ist es wichtig, die Aufklärung über diese Impfung weiter zu stärken und darüber hinaus eine altersunabhängige Kostenübernahme der HPV-Impfungen zu ermöglichen. Unser Ziel muss es sein, dass sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen und Prävention künftig breiter über die gesetzliche Krankenversicherung zugänglich gemacht werden. Denn Vorsorge und Prävention dürfen nicht vom Geldbeutel abhängen. (Beifall von der SPD.) Neben den Volkskrankheiten gibt es auch Erkrankungen, die fast ausschließlich Frauen betreffen und die lange Zeit zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Ein wichtiges Beispiel ist die Endometriose. Viele Frauen durchlaufen noch immer einen langen Leidensweg, bevor die Krankheit erkannt wird. Häufig dauert es sieben bis zehn Jahre bis zur Diagnose. Das zeigt sehr deutlich, wie wichtig bessere Forschung, frühere Diagnosen und eine gute medizinische Versorgung sind. Ich bin froh, dass sich dieses Haus bereits mehrfach mit dem Thema Endometriose beschäftigt hat, unter anderem (Abg. Baltes (SPD)) mit einer umfänglichen Anhörung im Gesundheitsausschuss. Ein großes Dankeschön noch einmal an alle demokratischen Fraktionen für die konstruktive Zusammenarbeit in dieser Legislaturperiode. (Beifall von der SPD.) Sprechen wir über Phasen, darf ein weiteres Beispiel nicht fehlen: die sogenannten Wechseljahre. Die Menopause betrifft früher oder später jede Frau. Dennoch wird sie im gesellschaftlichen Alltag und auch in der Medizin häufig unterschätzt oder tabuisiert. Dabei können die Wechseljahre erhebliche Auswirkungen auf Gesundheit, Alltag und Arbeitsleben haben. Auch hier braucht es mehr Aufklärung, mehr Forschung und eine stärkere Berücksichtigung in Medizin und Prävention. Der Gender Health Gap zeigt sich sogar in Notfallsituationen. Studien zeigen, dass Frauen bei Herzstillständen seltener Erste-Hilfe-Maßnahmen erhalten als Männer. Ein Grund ist, dass in Erste-Hilfe-Kursen häufig an männlichen Übungspuppen gearbeitet wird und viele Menschen unsicher sind, wenn sie bei Frauen Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen sollen. Auch hier zeigt sich, Aufklärung kann Leben retten. Liebe Kolleg*innen, da müssen wir ran! (Beifall von der SPD.) Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Zugang zur medizinischen Versorgung. Viele Arztpraxen sind bis heute nicht ausreichend barrierefrei. Gerade in gynäkologischen Praxen fehlen oft höhenverstellbare Untersuchungsmöbel. Sie sind für Frauen im Rollstuhl aber notwendig. Die Folge ist, viele Frauen mit Behinderungen gehen seltener zur Vorsorge. Barrierefreiheit bedeutet dabei nicht nur eine Rampe am Eingang. Es geht auch um Ausstattung, Kommunikation, Abläufe in der Praxis. Lassen Sie mich an dieser Stelle auch persönlich sagen, als Sprecherin für die Belange von Menschen mit Behinderung ist mir dieses Thema besonders wichtig. Barrierefreiheit im Gesundheitswesen ist kein Zusatz, sie ist Voraussetzung für echte Teilhabe. Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Saarland gibt es bereits wichtige Grundlagen. Mit dem Centrum für geschlechtsspezifische Biologie und Medizin an der Universität des Saarlandes verfügt unser Land über eine bundesweit anerkannte Forschungseinrichtung. Auch spezialisierte Angebote wie etwa die Brustkrebsversorgung oder bei der Behandlung von Endometriose sind wichtige Bausteine einer guten Medizin und Versorgung. Darauf können wir aufbauen. Auch politisch hat sich im Saarland einiges bewegt. Mit der Gleichstellungsstrategie der Landesregierung wird deutlich: Gleichstellung endet nicht bei Lohnfragen oder politischer Teilhabe, sie betrifft auch die Gesundheit von Frauen. (Beifall von der SPD und bei der CDU.) Ein Blick in andere Bundesländer zeigt, nur wenige Länder verfügen über eine umfassende Gleichstellungsstrategie und noch weniger greifen darin das Thema Gesundheit ausdrücklich auf. Gerade deshalb ist es wichtig, dass im Saarland Frauengesundheit Teil der Gleichstellungsstrategie ist. Wir im Saarland gehen einen anderen Weg und benennen Frauengesundheit klar. Mein ausdrücklicher Dank gilt der Landesregierung, insbesondere Minister Dr. Magnus Jung sowie der Staatssekretärin Bettina Altesleben mit ihren Teams im Gesundheits- und Frauenministerium. - Vielen Dank für Ihren Einsatz. (Beifall von der SPD.) Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit unserem gemeinsamen Antrag wollen wir, SPD und CDU, geschlechtersensible Medizin stärker in Forschung, Ausbildung und Praxis verankern, mehr Aufklärung und Prävention insbesondere bei der Krebsvorsorge und bei HPV-Impfungen fördern, Versorgungslücken schließen und die Gesundheitsdatenlage verbessern, indem Gesundheitsdaten stärker nach Geschlecht ausgewertet werden. Wir wollen Frauengesundheit stärker in der Gleichstellungsstrategie berücksichtigen und so gesundheitliche Aspekte der Gleichstellung weiterentwickeln. Eines ist klar: Eine moderne Medizin darf nicht davon ausgehen, dass alle Menschen gleich sind. Eine moderne Medizin muss Unterschiede verstehen und berücksichtigen. Wenn uns das gelingt, können Krankheiten früher erkannt, Therapien angepasst und Gesundheit insgesamt verbessert werden. Davon profitieren am Ende alle, nur dann ist Gesundheitspolitik wirklich gerecht. Deshalb gilt: Frauengesundheit darf kein Randthema sein, zeigen Sie uns Ihre Unterstützung und stimmen Sie unserem Antrag zu. - Vielen Dank. (Beifall von der SPD und der CDU.)
