Anja Wagner-Scheid
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Wir erleben heute im saarländischen Parlament eine Premiere, weil wir erstmals intensiv über Frauengesundheit reden, und zwar am Beispiel der Endometriose. Wenn wir das heute tun und heute auch den gemeinsamen Antrag der SPD und der CDU verabschieden, dann senden wir ein Zeichen in die Bevölkerung hinein. Die Premiere beendet, dass das Thema, wie die Kollegin es eben ausgeführt hat, weiterhin tabuisiert wird und als Frauengeschichte abgetan wird. Damit ist heute Schluss, weil wir, so ist meine Erwartung, ein klares Signal setzen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Endometriose ist eine chronische Erkrankung, Endometriose ist eine Volkskrankheit und sie betrifft, Frau Baltes hat es gesagt, eben nicht nur die Frauen, sie betrifft uns alle. Endometriose ist die Krankheit der tausend Gesichter, weil sie so unterschiedliche Symptome hat, weil es gar nicht so einfach ist, Endometriose überhaupt klar zuzuordnen. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit vielen Frauen, auch mit vielen Expertinnen und Experten, dass es Jahre braucht, oft acht bis zwölf Jahre, bis die Krankheit erkannt wird. Ich finde das unglaublich schrecklich. Ich selbst leide nicht an Endometriose, aber ich finde es unglaublich schrecklich, dass Frauen acht bis zwölf Jahre mit ihren Schmerzen bei Ärzten vorstellig werden, mit ganz vielfältigen Schmerzen, und überall heißt es: „Nimm diese Tablette, nimm jene Tablette, wir werden nicht operieren, wir werden dir Medikamente geben.“ Das führt aber nicht dazu, dass die Schmerzen aufhören. Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist es so wichtig, dass auch wir im Parlament über dieses Thema reden. (Beifall von der CDU und der SPD.) Die Frauen verdienen kein Mitleid von uns, sondern mehr Sichtbarkeit. Wenn 10 bis 15 Prozent aller Frauen im Saarland und in Deutschland und etwa 190 Millionen Frauen weltweit an Endometriose leiden und auch hier im Raum etliche von uns Frauen Endometriose haben, es vielleicht gar nicht wissen oder es noch nicht haben, dann ist das ein guter Grund, dass wir damit ein Zeichen setzen, und nicht nur das, sondern dass wir auch hinterfragen: Wie sind die Strukturen im Saarland, wie sind die Strukturen im Bund? In der letzten Legislatur im Deutschen Bundestag wurde eine nationale Strategie für die Endometriose gefordert. Das ist in der letzten Legislatur nicht auf den Weg gebracht worden, aber gemeinsam haben wir es in der Hand, das in der kommenden Legislatur auf den Weg zu bringen, eine nationale Strategie gegen Endometriose, eine Landesstrategie gegen Endometriose. Das haben wir in der Hand und das sollten wir auf den Weg bringen! (Beifall von der CDU und der SPD.) Wie überzeugt man Menschen von Themen, die ihnen - vielleicht Männern - nicht so nah sind? Mit Emotionen, ja, aber auch mit Zahlen: 10 bis 15 Prozent aller Frauen sind betroffen, Endometriose ist die häufigste Unterleibserkrankung von Frauen, sie belastet den Alltag massiv. Ich habe gerade gestern noch mit einer Betroffenen gesprochen, die mir sagte, viele Kosten würden gar nicht übernommen. Die Frau, die an Endometriose leidet, muss etwa 400 Euro aus eigener Tasche jeden Monat auf den Tisch legen, um zum Beispiel Physiotherapie, Osteopathie, Yoga und Massage selbst zu zahlen, um überhaupt den Alltag zu bewältigen. Das ist eine Zahl, die mich gestern nicht losgelassen hat, deshalb wollte ich sie mit Ihnen teilen. 400 Euro sind eine Summe, die nicht für jede leistbar ist. Das ist für uns eine stattliche Summe, für viele aber ist sie kaum leistbar. Deshalb erklärt es sich auch, dass viele Frauen dem normalen Alltag gar nicht mehr folgen können, dass es zu langen Ausfallzeiten kommt, zu langen Krankschreibungen und auch bei vielen Frauen zu Arbeitsunfähigkeit. Das heißt, neben den Dingen, die ich gerade genannt habe, ist Endometriose auch eine gesamtgesellschaftliche Belastung, sie hat volkswirtschaftliche Auswirkungen. Auch deshalb, falls die Argumente Sie bisher nicht überzeugt haben, sollten diese Argumente Sie überzeugen. Endometriose muss deshalb raus aus der Tabuzone. Ich sprach eben die nationale Strategie an, Frankreich hat eine nationale Strategie, Kanada hat eine nationale Strategie, Australien hat eine. Wir können von den Erfahrungen aus diesen Ländern lernen und sollten uns auf den Weg machen. (Beifall von der CDU und der SPD.) Ich möchte einen Blick auf das Saarland werfen. Eben wurden ja schon viele Personen begrüßt, die dankenswerterweise heute eingeladen worden sind, die da sind und uns auf diesem Weg begleiten, die fachlich dafür zuständig sind und für die Frauen einfach da sind, ein offenes Ohr haben und sie fachlich begleiten. Ich darf an der Stelle eine Begrüßung nachholen und Monika Wagner begrüßen. Herzlich willkommen, Frau Wagner, die Sie seit 13 Jahren die Selbsthilfegruppe Endometriose im Saarland leiten und mir gerade gestern noch mal geschildert haben, wie (Abg. Wagner-Scheid (CDU)) viele Frauen bei Ihnen regelmäßig sind, die ihr Schicksal schildern und dankbar sind ob des Netzwerkes und ob der Wege, zu denen Sie raten. Herzlich willkommen, Frau Wagner! (Beifall von der CDU und der SPD.) Wir haben im Saarland mit dem UKS, mit dem Endometriose-Zentrum, mit Professor Solomayer und seinem Team besondere Expertise. Wir haben an zweiter Stelle eine weitere Klinik, die sich jetzt auf den Weg macht, das DRK-Krankenhaus Saarlouis, das noch in diesem Jahr die Zertifizierung anstrebt. Wir haben niedergelassene Frauenarztpraxen, die Expertise über die letzten Jahre und Jahrzehnte angehäuft haben. Aber wir haben lange Wartezeiten, wenn es um die radiologischen Untersuchungen geht. Mir wurde geschildert, dass das Warten auf einen MRT-Termin im Saarland oft Monate dauert. Wenn es so ist, wie ich es gerade geschildert habe, und die schmerzhafte Erkrankung nun mal präsent ist, ist es nicht auszuhalten, dass Saarländerinnen das Saarland verlassen müssen, dass sie in Nachbarbundesländer gehen müssen, um eine radiologische Untersuchung machen zu lassen. Auch das, Herr Gesundheitsminister, sollten wir uns gemeinsam einmal anschauen. Ich möchte ergänzen: Endometriose-Medikamente werden oft nicht von der GKV erstattet. Auch das ist etwas, wo wir hinschauen sollten: Welche Medikamente werden verordnet? Warum werden sie nicht erstattet? Wie ist es bei Beamtinnen? - Werden die Rezepte beziehungsweise die entsprechenden Kosten von der privaten Krankenkasse und der Beihilfe erstattet? - Auch das sollten wir uns anschauen. Es gibt also viel zu tun bei dem Thema. Wir sollten die Frau in den Mittelpunkt stellen, die leidet und Schmerzen hat, wie ich eben sagte, oft acht bis zwölf Jahre, bis eine Diagnose gestellt wird. Auch dann ist die Krankheit nicht vorbei. Christina Baltes hat es gesagt. Es ist eine chronische Erkrankung, bei der wir unterstützen müssen, damit die Frauen ihren Alltag bewältigen können. Im Deutschen Bundestag wurde in den letzten Jahren intensiv darüber diskutiert. Ich möchte ein paar Forderungen wiedergeben, die sich zum Teil im Antrag wiederfinden und zum Teil darüber hinausgehen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir brauchen eine interdisziplinäre Diagnostik. Der Frauenarzt alleine kann das nicht. Bei einer Veranstaltung vor zwei Jahren, bei der auch Frau Wagner dabei war, hat Herr Prof. Dr. Solomayer aus der Praxis geschildert, dass ein Frauenarzt es oft nicht kann. Er hat dieses Wissen nicht. Es braucht jahrelange Erfahrung, um eine klare Diagnose zu stellen. Deshalb braucht es andere Arten von Ärzten. Oft ist der Allgemeinmediziner der erste Anlaufpunkt. Der Gynäkologe, die Gynäkologin, Schmerztherapeuten, Kinderwunschpraxen, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Radiologen und andere Vertreterinnen und Vertreter von Medizinberufen werden mit Endometriose konfrontiert. Dieses Netzwerk führt dazu, dass eine Diagnose gestellt wird. Die Therapie ist das, was dementsprechend folgt, ein Medikament oder eine Operation. Aber auch davon geht Endometriose nicht weg. Sie kommt oft wieder. Im Bund wird ein Screening-Programm gefordert, um Endometriose schnell feststellen zu können. In der Charité gibt es Überlegungen, eine App auf den Weg zu bringen, damit junge Frauen ganz niedrigschwellig Informationen erhalten. In der Charité in Berlin wird darüber nachgedacht, Endo-Nurses einzuführen, also Frauen, die große Erfahrungen haben und den Ärztinnen und Ärzten zur Seite stehen und entsprechend beratend und unterstützend tätig sind. Wir brauchen eine nationale Forschungsstrategie, beginnend mit der Grundlagenforschung. Es geht um die klinische Forschung bis hin zur Versorgungsforschung. Da sind noch etliche Wege zu gehen. Wir brauchen ein Endometriose-Register. Auch darüber wurde in Berlin diskutiert. Wir müssen uns die Lehrpläne anschauen, und zwar in der Schule, aber auch bei der Ausbildung der akademischen und nicht akademischen Gesundheitsberufe. Wir müssten uns anschauen, wie die Landesämter für Soziales mit der Feststellung des Grades der Behinderung umgehen. Wir sollten uns die Vergütung der Ärzte anschauen. Mir wurde auch geschildert, dass die Ärztinnen und Ärzte oft keine Zeit haben, der Frau wirklich zuzuhören. Deshalb ist die Vergütung der richtige Ansatzpunkt, ebenso wie - ich sagte es bereits - die Ausbildung der akademischen und nicht akademischen Gesundheitsberufe. Das ist nur ein Teil dessen, was wir uns an der Stelle anschauen sollten. Wir brauchen insgesamt mehr Bewusstsein und mehr Sichtbarkeit. Wir müssen bei dem Thema den Druck von den Schultern der Frauen nehmen. Wir müssen sie hören und sichtbar machen. Wir brauchen eine bessere Versorgung und Diagnostik. Wir brauchen insgesamt mehr Öffentlichkeit bei dem Thema. Liebe KollegInnen, wir haben heute hier im Parlament die Möglichkeit, dafür im Saarland gemeinsam eine Grundlage zu schaffen. Ich sagte es zu Beginn und will es gerne wiederholen: Die Frauen brauchen kein Mitleid von uns, sondern Sichtbarkeit, ein offenes Ohr und Verständnis sowie Unterstützung. (Beifall von der CDU und der SPD.) Wir sind jetzt gerade in einer ganz besonderen Zeit, und zwar bundesweit. In den Koalitionsverhandlungen sollten wir gemeinsam dafür sorgen, dass das Thema Frauengesundheit be- (Abg. Wagner-Scheid (CDU)) ziehungsweise Endometriose seinen Platz findet und in der nächsten Legislaturperiode im Deutschen Bundestag eine nationale Strategie auf den Weg gebracht wird. Wir im Parlament sollten mit der heutigen Behandlung und Diskussion nicht aufhören. Deshalb will ich vonseiten meiner Fraktion für die CDU-Fraktion ankündigen, dass wir das Thema noch vor der Sommerpause im Gesundheitsausschuss intensiver verfolgen wollen. Wir wollen gerne alle, die im Saarland Expertise haben, einladen, anhören und überlegen, wie eine Landesstrategie hinsichtlich Endometriose aussehen kann. Darum werbe ich. Ich bitte um Zustimmung zu unserem gemeinsamen Antrag. - Vielen Dank. (Beifall von der CDU und der SPD.)
