Christoph Rudolf Schaufert
3 Minuten Redezeit, das ist sehr ambitioniert. - Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Verehrte Kollegen Abgeordnete! Bei mir als Altertumswissenschaftler rennen Sie mit Ihrem Antrag grundsätzlich offene Türen ein. Wie heißt es so treffend: Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wohin er geht. - So weit, so richtig, so unterstützenswert. Kommen wir aber zu dem Punkt, der uns von der AfD am vorliegenden Antrag stört: die Pflicht. Eine Pflicht ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist die Pflicht möglicherweise genau der kleine Schubs, den man braucht, um eben doch eine Gedenkstätte zu besuchen, während man doch im Grunde vielleicht lieber einen Freizeitpark mit der Klasse besucht hätte. Auf der anderen Seite gilt: Will er (Abg. Schaufert (AfD)) partout nicht, wird man auch durch die Pflicht, eine Gedenkstätte zu besuchen, in keiner Weise einen Schüler für das Thema sensibilisieren können, geschweige denn, dass er irgendetwas von diesem Besuch mitnehmen wird. Sogar wird möglicherweise das Gegenteil eintreten. Volkhard Knigge, bis 2020 Leiter der Gedenkstätte Mittelbau Dora, meinte bereits vor sechs Jahren - die Diskussion über Zwangsbesuche in Konzentrationslagern oder anderen Gedenkstätten ist ja nicht neu - in einem Interview im Deutschlandfunk; ich zitiere mit Ihrer Erlaubnis: „Aufnötigung motiviert nicht.“ Er verwies auf die Erfahrungen aus DDR-Zeiten, in denen eben solche Besuche Pflicht waren, und sagte: „Das lehrt uns schon die Erfahrung der DDR. Da war der Besuch der großen nationalen Mahnund Gedenkstätten Pflicht in den Schulen, bei der NVA, in anderen Bereichen. Die Pflicht wird gerade von Jugendlichen oft als Aufnötigung, als moralische Aufnötigung wahrgenommen. Aufnötigung motiviert natürlich nicht. Was zur Auseinandersetzung mit der Warum-Frage motiviert, wie konnte es zu solchen Verbrechen kommen, welche Mittel der Politik, der Justiz, der gesellschaftlichen Mentalität, der Bildung haben zu diesen Verbrechen geführt, diese Fragen brauchen intrinsische, eigenständige Motivation (…).“ Damit hat er vollkommen recht. Ich erinnere mich da selbst an eine Episode während meines Studiums der mittelalterlichen Geschichte, in dessen Zuge ich eben eine große Ausstellung über Hexenverfolgung in Karlsruhe besuchte. An der Führung nahm auch eine 11. oder 12. Klasse eines Gymnasiums teil. Manche Schüler waren motiviert und manche eben merklich in die Ausstellung gezwungen. Was geschah schließlich nach einer gut zweistündigen Führung? Auf die Frage: „Gibt es noch Fragen?“ meinte ein Witzbold: „Alles schön und gut, aber hat es jetzt Hexen gegeben oder nicht?“, verschmitzt goutiert von einem seiner Kollegen: „Ja, damals schon. Heute aber nicht. Die haben die damals ja alle erwischt. Du hast gar nicht aufgepasst“, gefolgt von Feixen und Gelächter in der Schülergruppe. So, und dann steht man da. Was hat dieser Besuch gebracht? Eigentlich im Grunde gar nichts. Machen wir uns nichts vor: Natürlich kann man solche offenen, unverblümten, dummen Sprüche durch Sanktionen unterdrücken, aber dann werden sie eben auf WhatsApp et cetera sozusagen heimlich gemacht. Wenn individuell der Boden nicht dafür vorbereitet ist, wenn das Interesse nicht da ist, weil man nicht verstehen will, dann nutzt auch ein Zwang bei dieser Thematik nichts. Beschäftigung mit der deutschen Geschichte, der Geschichte der Menschheit? Jederzeit. Ein Fokus auf die deutsche Geschichte, auch mit ihren negativen Seiten? Ja. Aber Verständnis und Einsicht kann man nicht einfach verordnen, zur Pflicht machen. Wir werden uns enthalten. - Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der AfD.)
