landtag-saar.de ↗

Sevim Kaya-Karadağ

SPD 06.02.2024 Sitzungen 17/22

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! In einem Punkt, liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU, sind wir uns einig: Sprachförderung ist und bleibt ein zentrales Thema im gesamten Bildungsbereich, von der frühkindlichen Bildung über die Grundschule, die weiterführenden und berufsbildenden Schulen, die Hochschulen bis hinein ins Berufsleben. Allerdings haben wir unterschiedliche Auffassungen darüber, wie dieses gemeinsame Ziel bestmöglich erreicht werden kann. Schaut man sich die aktuellen Studien im schulischen Bereich an, zum Beispiel den IQB-Bildungstrend oder die IGLU-Studie, so ist unstrittig, dass Unterstützung gerade im Kernfach Deutsch notwendiger denn je ist. Deutschlandweit ist verstärkt Unterstützung bei den basalen Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Mathematik notwendig, damit wieder mehr Schülerinnen und Schüler die Mindeststandards erreichen. Diese ernüchternden Ergebnisse betreffen auch unsere Schülerinnen und Schüler im Saarland. Gut, dass unsere Landesregierung - insbesondere das Bildungsministerium mit unserer Ministerin Christine Streichert-Clivot - dieses Thema anpackt. (Beifall von der SPD.) Am 10. Oktober vergangenen Jahres ist das Programm „BASIS - Basale Kompetenzen an saarländischen Schulen individuell stärken“ mit einer Kick-off-Veranstaltung für Schulleitungen an Grundschulen gestartet. Das Programm legt den Fokus neben der Vermittlung von Rechnen auf die Kompetenzen Lesen und Schreiben. Es unterstützt Schulgemeinschaften, dient zum Teilen von Best-Practice-Beispielen und zum Vernetzen. Besonders freut mich auch, dass unsere Ministerin als KMK-Präsidentin das Startchancen-Programm mit auf den Weg gebracht hat. (Beifall von der SPD.) Davon profitieren 50 Schulen bei uns im Land. Vom Bund kommen in den nächsten zehn Jahren jeweils 12 Millionen Euro pro Jahr, also 120 Millionen für mehr Bildungsgerechtigkeit in unserem Land. Wir kämpfen jeden Tag dafür, dass nicht mehr der Geldbeutel der Eltern darüber entscheidet, wie erfolgreich Kinder in der Schule sind. Uns allen ist klar, dass der Schulerfolg auch von Sprachkompetenzen abhängt. Deshalb wurde die Sprachförderung zu Beginn des Schuljahres 2022/2023 massiv aufgestockt. Die Lehrerwochenstunden zur Sprachförderung (Abg. Kaya-Karadağ (SPD)) wurden von 4.000 auf 6.000 deutlich erhöht. Für das laufende Schuljahr wurden zudem 121 Planstellen für Sprachförderlehrkräfte geschaffen und 64 weitere Beschäftigungsverhältnisse fortgeführt. Im letzten Jahr hat sich die Landesregierung außerdem vehement für die Fortführung der Sprach-Kitas eingesetzt. Das Bundesförderprogramm endete im Juni, doch das Land hat für die Weiterfinanzierung der Sprach-Kitas gesorgt. Dies zeigt wieder einmal, wie wichtig uns die bedarfsgerechte Unterstützung in diesem Bereich ist. Sie sehen also, meine Damen und Herren Kollegen: In den letzten Jahren wurde bereits viel getan. Die Sprachförderung in den Grundschulen wurde bis zur Klassenstufe 4 ausgeweitet. Sprachförderangebote sind jetzt also durchgängig und konstant für Grundschülerinnen und Grundschüler zugänglich. Es gibt keine Begrenzung auf maximal ein Jahr wie beim Programm „Früh Deutsch lernen“. Ich finde, das ist ein großer Fortschritt, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall von der SPD.) Kommen wir nun zur Umsetzung der Sprachförderung. Sie findet integrativ im Rahmen des Regelunterrichts statt, zum Beispiel im Tandemunterricht mit zwei gemeinsam unterrichtenden Lehrkräften, und additiv als zusätzliches Förderangebot. Doch nicht nur in Schulen werden die sprachlichen Kompetenzen durch unterschiedliche Maßnahmen gefördert. Sprachförderung beginnt bereits bei den Kleinsten in unseren Kitas. Im frühkindlichen Bereich existiert bereits ein verpflichtendes Sprachangebot in deutscher Sprache: das Bildungsprogramm für saarländische Krippen und Kindergärten. In der Kita tauchen die Kinder in ein sogenanntes Sprachbad ein. Was genau heißt das? - Das bedeutet, sie erleben Sprache in ihrem gewohnten natürlichen Umfeld in alltäglichen Situationen. So lernen sie die Sprache quasi nebenbei, ohne Grammatikregeln und Vokabeln zu pauken. Durch das Lernen im Sprachbad lernen die Kinder die Sprache unbewusst und spielerisch. Dies führt dazu, dass sie dem ganzen Lernprozess motivierter und offener gegenüberstehen. Konkrete Kommunikationssituationen ermöglichen den Kindern, das Gelernte in ähnlichen Situationen leichter anzuwenden und sich mithilfe von Gestik und Mimik zu verständigen. Mit Sprache als lebendigem Alltagserlebnis erfahren unsere Kleinen Selbstwirksamkeit, was wiederum ihre Persönlichkeit festigt. Das, meine Damen und Herren, wünschen wir uns doch für jedes unserer Kinder! (Beifall von der SPD.) Diese Auffassung von Spracherwerb in einem Sprachbad steht der Auffassung des Sprachlernens in festen Strukturen und separaten Lerngruppen entgegen. Letzteres findet in Programmen wie „Früh Deutsch lernen“ oder in sogenannten Willkommensklassen statt. Wir sind der Auffassung, dass Sprachförderung innerhalb des Systems in jeder einzelnen Einrichtung verankert und verstetigt werden muss. Denn dadurch wird das ermöglicht, was wir brauchen: eine gelungene Integration. (Beifall von der SPD.) Angesichts der Forderung nach Willkommensklassen muss ich daran zurückdenken, wie ich mich anfangs in der Schule gefühlt habe. Denn spricht man von Willkommensklassen, Klassen also, in die nur Kinder gehen, die noch kein oder nur wenig Deutsch können, spricht man von Kindern, wie auch ich einmal eines war. Ich lehne Willkommensklassen ab, weil sie die Ausgrenzung und Diskriminierung zugewanderter Kinder fördern. Die Schule ist ein Bereich des sozialen Lebens von Kindern und Jugendlichen, in dem Ausgrenzung eine besonders große Rolle spielt. Das wissen wir. (Kurzer Beifall des Abgeordneten Com- merçon (SPD).) Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Ich kann nur sagen: Ausgrenzung tut niemandem gut. Sie macht krank und sie macht unglücklich. Soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung sind besonders für Kinder und Jugendliche sehr belastend und können schwerwiegende Folgen für die körperliche und geistige Gesundheit nach sich ziehen. Das können wir nicht wollen. (Erneut kurzer Beifall des Abgeordneten Commerçon (SPD).) Der gemeinsame Alltag mit Kindern aus unterschiedlichen Nationen fördert bei Kindern ein stärkeres Bewusstsein und Verständnis für andere Kulturen, ihre Lebensweisen und Werte. Dann kann man jetzt eine Brücke schlagen - - (Abg. Schmitt-Lang (CDU): Jetzt müsst ihr anfangen zu klatschen! - Heiterkeit. - Beifall von der SPD.) Sie können gerne mitklatschen, Frau Kollegin. (Abg. Schmitt-Lang (CDU): Nein, so weit geht es dann doch nicht.) Okay. Ich wollte die Brücke zu ‑ ‑ (Amüsierter Austausch der Abgeordne- ten Commerçon (SPD) und Schmitt- Lang (CDU). - Abg. Commerçon (SPD): Es macht halt jeder das, was er gut kann. - Abg. Schmitt-Lang (CDU): Genau. Ich bin halt Schulpädagogin. - Heiterkeit.)

Alle Reden von Sevim Kaya-Karadağ Protokoll ↗