Sevim Kaya-Karadağ
Ich glaube, das sollte man vielleicht auch lernen: Einmal aussprechen lassen. (Beifall von der SPD.) Damit geht man seinen Kindern auch mal mit einem guten Beispiel voran. (Zurufe und Lachen bei der CDU.) Ich komme zu meiner Rede. (Abg. Schäfer (CDU): Das ist doch ausdrück- lich gewünscht.) Es wird nicht besser, wenn Sie schreien, Herr Schäfer. Bitte nicht schreien. (Beifall von der SPD.) Ich komme zu meiner Rede. Gott sei Dank gibt es auch gute Tage. Ein solcher ist heute: der Abbau finanzieller Hürden für den Kita-Besuch, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die finanzielle Entlastung von Familien. Man kann es nicht oft genug sagen: Heute ist ein guter Tag für die Kinder und Familien in unserem Land. (Beifall von der SPD. - Zuruf des Abgeordne- ten Schäfer (CDU).) (Abg. Kaya-Karadağ (SPD)) Dass wir heute das Kita-Beitragsfreiheitsgesetz einbringen, freut mich sehr und ist mir als Frau und Mama ein besonderes Anliegen. Nun wird gesetzlich verankert, was wir im Wahlkampf versprochen haben: Ab 01. Januar 2027 wird es im Saarland beitragsfreie Kitas geben, und das ist gut so. (Beifall von der SPD.) Nicht nur, dass sich eine beitragsfreie Kita alle leisten können, sie eröffnet auch allen Kindern in unserem Land dieselben Chancen. Sie ist eine Investition in die Zukunft, die sich - davon bin ich fest überzeugt - auch auszahlt. Damit jedes Kind unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Chancen hat, das Beste aus seinem Leben zu machen, muss Bildung kostenlos sein, und das von Anfang an, denn, meine Kollegin Frau Holzner hat schon darauf hingewiesen: Unsere Kindertageseinrichtungen sind mehr als nur bloße Betreuungseinrichtungen. (Beifall von der SPD.) Weil die Kollegin Schmitt-Lang, das muss ich jetzt doch noch mal sagen, immer von ihrer beruflichen Erfahrung spricht ‑ ‑ (Abg. Schmitt-Lang (CDU): Das habe ich heute doch gar nicht getan! Das war die Frau Holzner, die hat von der beruflichen Erfahrung gesprochen.) Dann aus Ihrer Erfahrung als Mama ‑ ‑ (Abg. Schmitt-Lang (CDU): Auch nicht!) oder wie auch immer ‑ ‑ (Abg. Schmitt-Lang (CDU): Sie haben nicht zugehört! - Anhaltende Zurufe.) Das ist ja noch schlimmer, wenn man gar keine ‑ ‑ Gut, dass Sie den Brandbrief bekommen haben! Andernfalls hätten Sie ja noch nicht mal eine Erfahrung! (Beifall von der SPD und Lachen bei der CDU und Zurufe von der CDU.) In meiner anwaltlichen Tätigkeit habe ich jedenfalls Erfahrung gesammelt, die ich Ihnen gerne schildern möchte. Als Anwältin war ich als Verfahrensbeistand tätig. Vielleicht für diejenigen, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Vom Familiengericht wird man als Anwältin einem Kind beigeordnet. Man ist also in bestimmten Fallsituationen der Anwalt des Kindes. In dieser Tätigkeit als Verfahrensbeistand habe ich immer wieder erlebt, welche Probleme ein Kind haben kann, wenn es in seiner Familie nicht ausreichend gefördert wird. Gründe hierfür gibt es viele: Es kann mit schwierigen Familienverhältnissen zusammenhängen oder einfach damit, dass die Eltern des Kindes kein Deutsch sprechen. Ich habe sehr oft feststellen müssen, dass die Kinder, die zu Hause nicht oder nicht ausreichend gefördert wurden, schon beim Schulstart abgehängt waren. Dass der weitere Bildungsweg dann nicht immer positiv verlief, überrascht nicht unbedingt. Ebenso eschreckend war es für mich zu erkennen, dass die Kinder sehr oft in der Kita das erste Mal einen strukturierten Tagesablauf erlebten. Gemeinsam Malen, Basteln, Singen und dabei die Sprache erlernen, das gefällt den Kindern nicht nur, sondern es verschafft unseren Kindern wichtige Grundlagen für einen guten Start in der Schule. Das Großwerden mit anderen und das Erleben von sozialer Interaktion tun übrigens auch jedem anderen Kind gut, auch unseren wohlbehüteten Kindern. Liebe Kolleginnen und Kollegen, haben Sie sich mal gefragt, was denn passiert, wenn ein Kind erst ein Jahr vor der Einschulung in die Kita kommt? Oder ob und wie man sprachliche Defizite bis zur Einschulung abbauen kann? Haben Sie sich denn je gefragt, wie der Schulstart für ein Kind aussieht, das zu Hause nie gelernt hat, wie man zuhört, wie man in zusammenhängenden, kompletten Sätzen spricht, sich längere Zeit konzentriert, einen Stift hält, mit einer Schere umgeht? Wenn Sie das noch nicht bedacht haben, ist es allerhöchste Zeit, dass Sie sich diese Fragen ernsthaft stellen! Meine Erfahrungen in diesem Bereich kann ich in einem Dreisatz zusammenfassen: Erstens: Je früher Kinder in Kitas gehen, umso größer sind die Erfolge, sei es im Bereich der Sprachförderung und Sprachentwicklung, sei es im Bereich der sozialen Integration. Zweitens: Die frühkindliche Erziehung ist ein wirksames Mittel gegen Bildungsungerechtigkeit. Und drittens: Ja, die Beitragsfreiheit von Kitas ist daher zwingend erforderlich. Liebe Kolleginnen und Kollegen, für uns gibt es da auch kein Entweder-oder: Für unsere Kita-Politik ist nicht nur die Beitragsfreiheit wesentlich, sondern auch eine Verbesserung der Qualität in unseren Einrichtungen. (Beifall von der SPD.) Und diese Bemerkung sei mir erlaubt: Derjenige, der sechs Wochen vor der Landtagswahl für die Abschaffung von Kita-Gebühren ist, der seine bildungspolitischen Positionen vor der Wahl geräumt hat und nun erneut umfällt, der verhält sich in meinen Augen nur bedingt glaubwürdig. (Beifall von der SPD und Zurufe des Abgeord- neten Wagner (CDU).) Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich an dieser Stelle noch auf einen nach meiner Auffassung besonders wichtigen Aspekt eingehen: Die Kita-Beiträge sind leider häufig noch so hoch, dass sich Mütter und Väter tatsächlich überlegen müssen, ob es sich für sie lohnt, (Abg. Kaya-Karadağ (SPD)) zu arbeiten. Unser Beitragsfreie-Kita-Gesetz unterstützt daher die gleichberechtigtere Teilhabe von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt. Angesichts der nach wie vor niedrigen Frauenerwerbsquote und des Fachkräftemangels können wir es uns nicht länger erlauben, dass sich Frauen und Männer wegen hoher Betreuungskosten gegen die Aufnahme eines Jobs entscheiden. (Beifall von der SPD.) Liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns nichts vor: In der Regel, zum weitaus überwiegenden Anteil, sind es die Frauen, die aufgrund der hohen Betreuungskosten zu Hause bleiben. Verdient man vielleicht 1.200 Euro netto und kostet der Krippenplatz schon knapp 300 Euro, verwundert es nicht, dass sich viele Frauen gegen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit entscheiden. Gerade für unsere Frauen ist es aber so wichtig, überhaupt wieder arbeiten zu gehen, Stunden aufzustocken oder in Vollzeit arbeiten zu können. Denn die Entscheidung, aufgrund hoher Betreuungskosten nicht arbeiten zu gehen, hat Folgen für die Höhe der später zu erwartenden Rente. Dass Altersarmut vorwiegend weiblich ist, muss ich Ihnen an dieser Stelle wohl nicht noch einmal sagen. (Beifall von der SPD.) Für viele Frauen ist der Gang zum zuständigen Sozialamt zwecks Aufstockung ihrer Rente später unvermeidbar. Dagegen müssen wir dringend etwas tun. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Bildung ist die wichtigste Ressource, die wir haben. Es ist unser aller Pflicht, allen - ich betone: allen! - unseren Kindern eine möglichst optimale Bildung zu gewährleisten. Bevor ich zum Schluss meiner Rede komme, möchte ich noch, mit Ihrer Erlaubnis, Frau Präsidentin, einen weisen Mann, nämlich unseren Fraktionsvorsitzenden Ulrich Commerçon, zitieren. (Abg. Commerçon (SPD): Einen alten weisen Mann! - Heiterkeit bei der SPD.) Das hast du jetzt gesagt! - Er hat am 10.04.2019 genau an dieser Stelle Folgendes gesagt: (Weiterer Zuruf des Abgeordneten Com- merçon (SPD).) „Ich bin überzeugt, nur so können wir Bildungsgerechtigkeit und echte Teilhabe für jedes Kind dauerhaft garantieren. Alle Kinder müssen unabhängig von Ihrer Herkunft und den finanziellen Möglichkeiten der Elternhäuser die gleichen Bildungschancen erhalten. Krippen und Kitas sind viel mehr als reine Betreuungseinrichtungen. Sie sind Einrichtungen der frühkindlichen Bildung, die jedem Kind unabhängig vom Geldbeutel der Eltern zugänglich sein müssen. Bezahlbare und gute Kinderbetreuung erleichtert auch die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit für Mütter und Väter.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. (Beifall von der SPD. - Abg. Commerçon (SPD): Da hat er wohl Recht gehabt.)
