Michael Wagner
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Stellen wir uns für einen Moment eine Welt ohne Musik, Bücher und Malerei vor. Kein Theater, keine Musik, keine Museen, keine Geschichten, die uns berühren, keine Gedanken, die uns herausfordern. Es wäre eine stille, kalte Welt, eine Welt ohne Seele. Kunst und Kultur sind elementare Bausteine unseres Menschseins. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat es einmal treffend formuliert: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“ (Beifall der CDU und vereinzelt bei der SPD) Dieser Satz beschreibt den Kern dessen, worüber wir heute sprechen, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen. Ich freue mich sehr, dass CDU und SPD bereits in einer der ersten Plenarsitzungen dieser neuen Regierungsperiode einen Antrag zur kulturellen Teilhabe junger Menschen vorlegen. Das ist ein sehr wichtiges Signal, denn wer über kulturelle Teilhabe junger Menschen spricht, spricht nicht über ein Freizeitangebot unter vielen. Wir sprechen über Bildung, Persönlichkeitsentwicklung, Begegnung, und wir sprechen über Demokratie und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, Kunst und kulturelle Bildung fördern kreative, soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten. Sie eröffnen neue Perspektiven und ermöglichen Erfahrungen, die weit über das eigentliche Kulturerlebnis hinausgehen. Gerade junge Menschen wachsen heute in einer Welt auf, die stark von sozialen Medien geprägt ist. Algorithmen bestimmen mit, welche Informationen, Meinungen und Wirklichkeiten sie wahrnehmen. Die Gefahr von Echokammern, Polarisierung und Radikalisierung ist real. Unsere Antwort darauf lautet mehr kulturelle Teilhabe, denn wer musiziert, Theater spielt, liest, malt, ein Museum besucht oder Geschichte an authentischen Orten erlebt, begegnet anderen Perspektiven. Kultur schafft Empathie. Kultur lehrt Zuhören. Kultur bringt Menschen zusammen, sie bringt sie miteinander ins Gespräch. Kulturelle Bildung ist deshalb keine Nebensache. Sie gehört in die Mitte unserer Gesellschaft. (Beifall der CDU und vereinzelt bei der SPD) Rheinland-Pfalz hat dafür außergewöhnliche Voraussetzungen. Unsere Burgen und Schlösser, unsere UNESCO-Welterbestätten, das Hambacher Schloss als Wiege der deutschen Demokratie, unsere Theater, Museen, Bibliotheken, Musikschulen, Chöre, Orchester, Vereine und die freie Kulturszene bilden gemeinsam eine einzigartige Kulturlandschaft. Diese Einrichtungen und vor allem die vielen Menschen, die dort haupt- und ehrenamtlich arbeiten, leisten jeden Tag einen wichtigen Beitrag dafür, dass junge Menschen Kultur nicht nur konsumieren, sondern selbst erleben und gestalten können. Deshalb begrüßen wir ausdrücklich, dass die Landesregierung die kulturelle Teilhabe zu einem Schwerpunkt ihrer Kulturpolitik macht. Das Programm „Kultur auf die 1“ hat gezeigt, wie niederschwellige Angebote neue Zugänge schaffen können. Diesen Weg wollen, diesen Weg müssen wir weitergehen. Ebenso wichtig sind ein Kulturfördergesetz, verlässliche Förderstrukturen und langfristige Planungssicherheit für unsere Kultureinrichtungen und die freie Szene, die Stärkung des kulturellen Ehrenamts sowie starke Bibliotheken, Musikschulen, Festivals und kulturelle Angebote gerade auch im ländlichen Raum, denn kulturelle Teilhabe darf nicht vom Wohnort oder vom Einkommen der Eltern abhängen. Jedes Kind und jeder junge Mensch sollte die Chance haben, ein Instrument zu erlernen, Theater zu erleben, ein Museum zu besuchen oder selbst kreativ zu werden, nicht, weil aus jedem Kind ein Künstler werden soll, sondern weil kulturelle Bildung Menschen stärkt. Sie macht neugierig, sie fördert Selbstvertrauen, sie eröffnet Perspektiven, und sie kann junge Menschen dazu befähigen, Verantwortung zu übernehmen und unsere Demokratie aktiv mitzugestalten. Genau deshalb ist dieser Antrag mehr als nur ein Antrag zur Kulturpolitik. Wir investieren mit diesem Antrag nicht nur in Kultur. (Glocke der Präsidentin) Wir investieren in Bildung, wir investieren in Begegnung, wir investieren in Demokratie, und wir investieren in die Zukunft unseres Landes. Herzlichen Dank. (Beifall der CDU und der SPD)
