Dr. Oliver Kusch
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste! Wir befassen uns heute mit dem Antrag der CDU mit dem Titel „Geschlechtersensible Medizin und Frauengesundheit stärken“. Manchmal haben Frauen Bauchschmerzen, und es ist ein Herzinfarkt. Manchmal haben Mädchen Bauchschmerzen, und es ist eine Endometriose. Krankheiten, die alle Geschlechter betreffen, werden häufig von Frauen anders wahrgenommen und lösen andere Symptome aus als zum Beispiel bei Männern, was am Beispiel des Herzinfarkts sehr gut deutlich wird. Männer haben hier in den meisten Fällen typischerweise Brustschmerzen. So empfinden Frauen häufig andere Symptome als die landläufig bekannten und werden daher immer wieder nicht adäquat behandelt, zum einen, weil dieser Umstand nicht so bekannt ist, zum anderen, weil auch Frauen selbst die Symptome aus diesem Grund falsch deuten und nicht sofort entsprechend aktiv werden. Bestimmte Erkrankungen sind geschlechtsgebunden und können vom anderen Geschlecht nicht empfunden oder erlitten werden. Daher ist es bei einer Erkrankung wie der Endometriose, an der nur das weibliche Geschlecht, aber bereits schon im Kindesalter erkranken kann, so wichtig, dass diesbezüglich eine größere Sensibilisierung in der Bevölkerung geschaffen wird, um schnellstmöglich die Diagnose zu stellen und die Betroffenen eventuell einer Therapie zuzuführen. Ähnliches gilt auch bei Männern, zum Beispiel bei Prostataerkrankungen. Hier liegt das Problem aber häufig in der nicht in Anspruch genommenen Vorsorge. Bei Männern muss diesbezüglich noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. Mehrfach wurde in Studien oder Gutachten bestätigt, dass es in diesem Sektor Handlungsbedarf gibt. So zum Beispiel 2021 in einem Gutachten im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums, durchgeführt durch die Charité, für das alle Studiendekane der Humanmedizin zu diesem Thema in Deutschland befragt wurden. Fazit war, Medizinstudierende lernen zu wenig darüber, wie sich das Geschlecht auf Krankheiten und Therapien auswirkt. Die Vermittlung von geschlechtssensiblem Wissen wurde als unzureichend eingestuft. In einzelnen Fächern wie der Kardiologie oder Pharmazie war schon ein Bewusstsein für gendermedizinische Aspekte vorhanden. Im Gesamten wurde deutlich, die strukturelle Integration dieses Umstands in die Curricula des Medizinstudiums war noch nicht ausreichend erfolgt. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis: Mehr Lehrstühle für geschlechtsspezifische Medizin müssen geschaffen werden. Das spiegelt die Sicht der SPD-Fraktion wider. Geschlechterspezifische Medizin braucht nicht einzelne plakative Aktionen, sondern wir sollten einen Plan haben, am besten einen nationalen Aktionsplan ähnlich dem in Österreich, damit wir für alle Geschlechter die optimale medizinische Versorgung bereitstellen können und das Versorgungsproblem bei Frauen und das Vorsorgeproblem bei Männern behoben werden. Der Antrag ist zwar ein guter Ansatz, geht uns aber nicht weit genug. Daher lehnen wir diesen Antrag ab und setzen uns weiter für einen Aktionsplan auf nationaler Ebene, der alle einschließt, ein. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall der SPD, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP)
