landtag-rlp.de ↗

Michael Frisch

fraktionslos 14.05.2025 Sitzungen 18/86

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Auch ich habe mir die von Herrn Paul erwähnte Debatte aus dem Jahr 2018 noch einmal angeschaut. Frau Demuth erklärte damals voller Stolz, sie freue sich darüber, als CDU-Abgeordnete die progressivste Rede zu diesem Thema halten zu dürfen. (Heiterkeit des Abg. Joachim Paul, AfD) Dann kamen weitere bemerkenswerte Zitate, die wir eben bereits gehört haben und die ich deshalb nicht noch einmal wiederholen möchte. Heute, fast sieben Jahre später, hört sich das aus dem Mund der gleichen Fraktion deutlich anders an. Aus Betonmauern, Steinzeitmethoden und verspielten Zukunftschancen ist die Forderung nach einem grundsätzlichen Handyverbot zur Erreichung pädagogischer Ziele und der Vermittlung eines reflektierten und selbstregulativen Umgangs mit digitalen Medien geworden – ein guter, ein steiler Lernprozess, den die CDU hier vollzogen hat. Meine Damen und Herren, schon die alten Römer wussten: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. (Abg. Benedikt Oster, SPD: Oje, oje, oje!) Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. (Abg. Benedikt Oster, SPD: Ja, Herr Oberlehrer!) In der Tat hat sich nicht nur die Haltung der CDU-Fraktion zum Handyverbot in den vergangenen Jahren verändert. Auch im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs haben sich in dieser Frage deutliche Verschiebungen ergeben. Skandinavische Länder wie Dänemark und Schweden, lange Zeit Vorreiter und Vorbild in Sachen Digitalisierung der Schulen, haben die Reißleine gezogen und Computer und Smartphones zumindest aus dem Primarbereich weitgehend verbannt. Auch in Deutschland ist eine intensive Debatte über die Handynutzung an Schulen entbrannt. Unter der Überschrift „Vorsicht Hirn-Abfluss! Was haben Handys an Schulen verloren?“ berichtete die Süddeutsche Zeitung vor Kurzem. Wissenschaftler sprechen von einer neurobiologischen Überforderung und verlangten von der Politik, Lehrer nicht mit der Entscheidung über ein Handyverbot alleinzulassen. Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg, forderte im Bildungsmagazin news4teachers konsequente und einheitliche Regelungen. Private Mobiltelefone hätten im Schulalltag nichts zu suchen. Studien, so Zierer, zeigten klar, dass sie das Lernen nicht nur behinderten, sondern sogar verhinderten. Die digitalen Begleiter lenkten Kinder und Jugendliche massiv ab und stünden einer konzentrierten Auseinandersetzung mit Unterrichtsinhalten entgegen. Demgegenüber verbessere ein Smartphoneverbot vor allem das soziale Klima an Schulen und führe zu einem höheren Wo hlbefinden der Schüler. Auch hinsichtlich der Lernleistungen seien positive Effekte festzustellen. Das immer wieder angeführte Argument, das wir eben auch hier gehört haben, statt eines Verbots sollten Lehrkräfte den Kindern besser den verantwortungsbewussten Umgang mit dem Smartphone vermitteln, weist Zierer entschieden zurück. Die Vorstellung, man könne bereits im frühen Schulalter ein solches Verhalten lernen, sei, so Zierer wörtlich, „[a]us pädagogischer Sicht […] völliger Nonsens“. „Die neurobiologische Forschung habe längst gezeigt, dass Grundschulkinder gar nicht in der Lage seien, sinnvoll mit einem Smartphone umzugehen.“ Meine Damen und Herren, als Vater zweier inzwischen erwachsener Söhne und als Lehrer mit über 30-jähriger Berufserfahrung kann ich diesen Befund nur bestätigen. Natürlich muss es das Ziel aller pädagogischen Bemühungen in Elternhaus und Schule sein, junge Menschen zu einer hohen Medienkompetenz zu führen, aber es ist vollkommen lebensfremd zu glauben, dies könne schon in den ersten Schuljahren hinreichend geschehen. Solange die Einsicht in pädagogisch gut gemeinte Ratschläge nicht vorhanden ist und solange die Fähigkeit fehlt, selbstgesteuert und reflektiert den vielfältigen Versuchungen eines Smartphones zu widerstehen, sind Kinder und Jugendliche überfordert, wenn man sie mit der Entscheidung über die Handynutzung alleinlässt. Medienmündigkeit muss allmählich wachsen. Dazu braucht es verbindliche Regeln und vor allem zu Beginn klare Grenzen, um junge Menschen vor sich selbst und den zahlreichen Gefahren von außen zu schützen. Dass auch die CDU-Fraktion inzwischen zu dieser Einsicht gekommen ist, begrüßen wir sehr. Dem vorliegenden, im Übrigen hervorragend begründeten Gesetzentwurf stimmen die „Drei Farben“ daher gerne zu. Manchmal ist ein Schritt zurück in Wirklichkeit ein Schritt nach vorne. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall der Abg. Martin Louis Schmidt und Matthias Joa, fraktionslos, sowie Joachim Paul, AfD)

Alle Reden von Michael Frisch Protokoll ↗