Cornelia Willius-Senzer
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Mich persönlich macht die Existenz von sexualisierter Gewalt gegen Kinder nicht nur betroffen. Ich werde zornig und bekomme damit Energie zum Handeln. Wir als FDP möchten das Problem für die Zukunft noch besser lösen und insbesondere zwei schon thematisierte Strategien bevorzugt verfolgen. Wir als FDP halten es unbedingt für angezeigt, künftig noch intensiver die potenziellen und tatsächlichen Opfer zu stärken, nämlich unsere Kinder. (Beifall des Abg. Markus Stein, SPD) Als Schlagworte nenne ich: präventiv schon Kindergartenkinder wehrhafter machen und kurativ die psychologische Begleitung flächendeckend ermöglichen. Ich will dabei heute zum Ausbau der Prävention nicht mehr viel hinzufügen, denn die Antwort auf die Große Anfrage der CDU enthält immerhin fast zehn Seiten zu dem Thema. Deshalb beschränke ich mich darauf, zu betonen, dass wir nicht aufhören dürfen, unsere Kinder zu mündigen Menschen zu erziehen, die früh lernen, Nein zu sagen und sich zu wehren. Mein Schwerpunkt liegt heute eindeutig auf der effektiven Heilung der verletzten Kinderseelen. Dazu benötigen wir einen besseren und schnelleren Zugang zum Fachpersonal, nicht nur zu Ärzten, sondern vor allen Dingen auch zur Psychotherapie. Nach einer Gewalterfahrung entwickelt jedes Kind entsprechend seiner Persönlichkeit und der Missbrauchssituation individuelle Reaktionen und Symptome. Die meisten Mädchen und Jungen, die sexuell missbraucht wurden, fühlen sich schuldig und wertlos. Beispiele, die in psychischen Erkrankungen münden können: Schuldgefühle, ein extrem niedriges Selbstwertgefühl und Selbstbestrafungstendenzen, ebenso beispielsweise Suchtprobleme, Alkohol, Drogen, Essstörungen sowie Identitätsstörungen, Borderline-Syndrom, all das tritt auf. Meine Damen und Herren, lassen Sie es mich auf einen stark verkürzten Punkt bringen. Aus nicht oder zu spät behandelten kindlichen Opfern werden immer öfter kranke Erwachsene. Das Kind hat den Schaden im Kindergarten und fühlt sich zurückgesetzt, kommt in die Schule – zurückgesetzt –, verpasst die Schulklasse – zurückgesetzt –, sucht einen Arbeitsplatz – zurückgesetzt –, zahlt wenig für die Rente ein. Das zieht sich bis ins Rentenalter hinein. Deswegen müssen wir zu Lebzeiten sehr früh mit den Kindern anfangen, damit sie im Erwerbsleben nicht so viel zu kämpfen haben. Das sollten wir als Gesellschaft auf jeden Fall vermeiden. Zurzeit finden nur 40 % aller Patientinnen und Patienten überhaupt einen Therapeuten. Laut Bundespsychotherapeutenkammer beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz in Rheinland-Pfalz rund fünf Monate. Das ist für eine Kinderseele eine Unendlichkeit. Meine Damen und Herren, diese Wartezeiten müssen verkürzt werden. Kindliche Opfer dürfen gar nicht erst auf eine Warteliste kommen, sondern müssen quasi als Notfälle sofort den nächsten freien Therapieplatz erhalten. Ja, wir brauchen deutlich mehr Kassenzulassungen für gut ausgebildete Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, um unser Ziel zu erreichen: eine sofortige umfassende psychologische Betreuung für jedes Kind, das sexualisierte Gewalt erleiden musste; denn sonst wird aus dem Schlimmen vielleicht noch Schlimmeres. Ein Therapeut könnte bei einem äußerst günstigen Behandlungsverlauf vielleicht sogar Sigmund Freud zitieren und sagen: Aus Deiner Verletzung wird Deine Stärke. Vielen Dank. (Beifall der FDP, der SPD und des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
