Martin Louis Schmidt
Herr Präsident, werte Kollegen! Die Stärkung der beruflichen Bildung ist zweifellos ein enorm wichtiges Thema, nachdem über viele Jahre hinweg eine insbesondere von Rot-Grün ausgehende Überakademisierung massive Flurschäden in unserer Bildungslandschaft hinterlassen hat. Die Folge waren gravierende Fehlsteuerungen in Form stetig wachsender Zahlen von Gymnasialschülern und Studenten und einem durch die Demografie noch verstärkten Mangel an Auszubildenden für unsere Industrie und das Handwerk. Hinzu kam nicht selten eine mangelnde gesamtgesellschaftliche Wertschätzung praktischer, nicht akademischer beruflicher Tätigkeiten. Zum Glück hat inzwischen zumindest teilweise ein Umdenken stattgefunden, das sich auch in so manchen Inhalten und richtigen Fördermaßnahmen des hier zur Debatte stehenden Antrags spiegelt. Wieder einmal liegt einem der Stoßseufzer „Spät, aber hoffentlich nicht zu spät“ auf der Zunge. Wie schwierig die Ausgangslage ist, mögen nur einige wenige Zahlen verdeutlichen. Für das Jahr 2021 wurden nach Angaben des Statistischen Landesamts lediglich 61.977 Auszubildende ermittelt, ein Negativrekord. Auf drei Studenten kommt in Rheinland-Pfalz in etwa ein Auszubildender. Hinsichtlich des Handwerks beträgt das Verhältnis sogar 6 : 1. Laut Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2024 betrug im Jahr 2022 die Arbeitslosenquote von Personen ohne Berufsabschluss bundesweit 19,8 % , während damals insgesamt nur 5,3 % aller Personen in Deutschland arbeitslos waren. In absoluten Zahlen stieg die Zahl von Personen ohne Berufsabschluss zwischen 2018 und 2022 von 1,51 Millionen auf 2,12 Millionen, wobei die besonders hohen Anteile von Ausländern und Personen mit Migrationshintergrund auffallen. Bei jungen Menschen zwischen 25 und 34 ohne Berufsabschluss lag die Arbeitslosenquote 2022 in den westlichen Bundesländern bei 21,1 % und in den östlichen bei 15,2 %. Den Bestwert in dieser traurigen Statistik erzielte Sachsen mit 11,9 % und einen der schlechtesten – jetzt bitte ich darum, genau zuzuhören – Rheinland-Pfalz mit 22,5 %. Wir stehen diesbezüglich noch weit schlechter da als der Osten und der Süden der Republik. Auf der Suche nach den Ursachen darf man ganz sicher auch von hausgemachten Gründen ausgehen, sprich: einer schlechten Politik. Doch wie verbessern wir diese Politik grundlegend zum Nutzen der betroffenen Personen und der Wirtschaft und damit zum Vorteil des ganzen Landes? – Nun, hier reichen die zahlreichen, mit diesem Antrag der Ampelfraktionen vorgetragenen Initiativen nach Meinung der „Drei Farben“ bei Weitem nicht aus. (Abg. Carl-Bernhard von Heusinger, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Sie sind keine Gruppe, nach wie vor nicht!) Was wir ergänzend unbedingt brauchen, sind strukturelle Veränderungen hin zu einer wieder stärker differenzierenden mehrgliedrigen Schullandschaft; denn immer seltener bringt die offensichtlich gescheiterte Realschule plus ausreichend qualifiziertes Personal für die Ausbildungsbetriebe hervor. Es sollte darum gehen, jeden bestmöglich zu fördern und zu fordern, ganz gemäß den jeweiligen Interessen und Fähigkeiten. Kleinere, mit Lehrern gut ausgestattete, möglichst leistungshomogene Klassen wären von zentraler Bedeutung, ebenso natürlich hinreichende Kenntnisse der deutschen Sprache. Die von der Landesregierung nach wie vor betriebene Öffnung der Hochschulen und Universitäten für möglichst viele junge Menschen ist ebenfalls eine wesentliche Ursache der Misere; denn nicht wenige der dortigen Studenten befinden sich schlichtweg nicht am für sie geeignetsten Platz. Hiervon zeugen die hohen Abbrecherquoten, und man will sich gar nicht ausmalen, welche Frustration mit dem Scheitern und der verlorenen Lebenszeit einhergehen, die man unmittelbar nach der Schule besser für eine Ausbildung und dann für einen schnelleren Einstieg ins Berufsleben genutzt hätte. Weitere wesentliche Punkte seien abschließend wenigstens kurz erwähnt: Wir brauchen am Ende der Grundschulzeit verbindliche Empfehlungen für die weiterführenden Schulen, ebenso einheitliche Abschlussprüfungen nach der 9. und 10. Klasse. Wir benötigen wieder aussagekräftige Noten, die das gesamte Notenspektrum ausschöpfen und bei späteren Bewerbungen dem potenziellen Arbeitgeber wenigstens eine klare Orientierung über das jeweilige Leistungsvermögen und die Interessen geben. Nicht zuletzt müssen wir den schädlichen Auswirkungen entgegenwirken, die von einer unbegrenzten Frühdigitalisierung gerade in den Grundschuljahren ausgehen und dann vielfach in einen exzessiven Gebrauch digitaler Medien einmünden. Vergessen wir auch in unserem zweifellos digital geprägten Zeitalter eine Grunderkenntnis nicht: Wesentliche, für die Entwicklung der Menschen und ihrer Persönlichkeit entscheidende Prägungen finden analog statt, durch die Begegnung mit anderen Menschen, durch soziale, musische und sportliche Aktivitäten oder auch durch das Lesen längerer Texte, (Glocke des Präsidenten) am besten in Form gedruckter Bücher. Vielen Dank. (Beifall der Abg. Michael Frisch und Dr. Herbert Drumm, fraktionslos)
