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Dr. Oliver Kusch

SPD 13.06.2024 Sitzungen 18/67

Sehr geehrte Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste! Wir befassen uns heute, wie schon gesagt, mit der Großen Anfrage der CDU und der Beantwortung der Landesregierung zum Thema „Stärkung der Suizidprävention in Rheinland-Pfalz“. Wie wir schon gehört haben, war 2022 erstmals, nachdem die Suizidzahlen dauerhaft gesunken waren, wieder ein Anstieg zu verzeichnen. Wir hatten damals bundesweit 10.000 Tote, die sich suizidiert haben. Das waren – wie schon ausgeführt wurde – mehr, als durch Unfälle, Drogen und sonstige Sachen zusammen umgekommen sind. Das ist eine sehr hohe Anzahl an Menschen, die dadurch versterben. In Rheinland-Pfalz hatten wir zur selben Zeit 366 Tote, davon waren 75 % Männer. Da liegt das Maximum in der fünften bis sechsten Lebensdekade, um die Suizide dort zu vollziehen. Wer begeht aber Suizid und warum? – Ich möchte mit Ihnen zusammen drei Gruppen betrachten. Zum einen haben wir die Gruppe der Menschen mit psychisch endogenen Erkrankungen. Das sind also Menschen, bei denen diese psychische Erkrankung so etwas ist, wie ein anderer hohen Blutdruck oder Diabetes hat. Das sind Menschen mit Depressionen, bipolaren Störungen, also manisch depressive Menschen, schizoide Menschen oder Menschen mit anderen Psychosen. Die Hauptgruppe der von Psychose betroffenen Menschen, die sich suizidiert, hat bipolare Störungen, das sind Menschen mit manischen Depressionen, und wir haben ungefähr 4 % von Psychosen, die sich umbringen. Warum, weiß man nicht. Man weiß nicht, warum sich ein an Psychose Erkrankter umbringen möchte und der andere sich nicht umbringen möchte. Es gibt wenig Forschung dazu, und es gibt auch gar keinen Lehrstuhl, der sich ausschließlich mit Suiziden befasst. Bei diesen Menschen spricht man von einer Todessehnsucht. Die sehnen sich danach, tot zu sein. Das kann man sich als Mensch, der so etwas nicht fühlt, und ich hoffe, dass keiner im Raum so ein Gefühl hat, nicht vorstellen, was das bedeutet. Die zweite Gruppe sind reaktiv erkrankte Menschen. Das heißt, sie sind an sich psychisch gesund, haben aber durch eine Reaktion auf etwas eine Erkrankung bekommen, von der sie glauben, dass es besser ist, tot zu sein. Das sind chronisch Erkrankte, häufig alte Menschen mit vielen Schmerzen. Belastende Lebensumstände, Einsamkeit sind ausschlaggebende Punkte für so eine Idee, Drogenerkrankungen, hier ist hauptsächlich die Alkoholkrankheit zu nennen. Diese Menschen haben einen Todeswunsch, weil sie glauben, es ist besser, tot zu sein, als die schlechte Situation im Leben ertragen zu können. Dann möchte ich noch auf die Suizidversuche und da auf die appellativen Suizidversuche schauen. Im Gegensatz zu den ausgeführten Suiziden haben wir dort hauptsächlich junge Frauen, die appellative Suizidversuche begehen. Deshalb ist es ebenso wichtig, dass auch gerade für diese Gruppe, die eigentlich gar nicht sterben, sondern einfach nur auf ihre Situation hinweisen will, ein sehr niedrigschwelliges Angebot geschaffen wird, damit diese Hilfe bekommt und sich schnell öffnen kann und schnell Hilfe dorthin kommt, wo sie gebraucht wird. Wichtig für alle Gruppen ist eine Entstigmatisierung von Suizid oder Suizidversuchen und Hilfestellungen für das Umfeld, Verwandte, Schule und Arbeitskollegen zu schaffen, damit alle wissen, welche Möglichkeiten man hat, wenn man jemanden hat, von dem man glaubt, dass er einen Suizid begehen möchte oder dass er darüber geredet hat. Es gibt eine Depressionsskala, die sich jeder im Internet anschauen und dann dort die zehn Fragen beantworten kann. Danach wird zusammengerechnet, ob man von einer Depression bedroht ist oder nicht und ob man dann eventuell Hilfe braucht. Wichtig für die endogene Erkrankung ist auch gerade die gemeindenahe Psychiatrie. Das Problem ist nämlich, wenn ein endogen Erkrankter einen Suizidversuch überlebt hat, besteht immer wieder die Gefahr, dass er das noch einmal versucht. Nur 10 % derer versuchen das aber noch einmal, und dort gibt es sehr vielversprechende Ansätze. Die Menschen werden mit Handys versorgt, und es wird fünfmal am Tag abgefragt, wie es ihnen jetzt geht und was gerade passiert, und dann müssen sie in der Tagessituation immer sagen, ob sie die Idee haben, sich umzubringen oder nicht. Dabei hat man gesehen, dass man diesen Menschen durch eine solche Ansprache und eine dauerhafte Begleitung sehr gut helfen kann. (Vizepräsident Matthias Lammert übernimmt den Vorsitz) Suizidprävention ist das Thema. Da hat die deutsche Akademie für Suchtprävention, wie von Bundesgesundheitsminister Lauterbach vorgeschlagen, den Aufbau einer bundesweiten Anlaufstelle für Suizidprävention und die Einführung einer bundesweiten Nummer, nämlich dieser 113, empfohlen. Das finde ich sehr, sehr sinnvoll, damit Menschen, auch wenn sie in Deutschland umziehen oder woanders hinkommen – die Gesellschaft wird immer mobiler –, in ganz Deutschland wissen, wohin sie sich wenden müssen, wenn sie diese Probleme haben. Es gibt bereits sehr, sehr viele Angebote, wie beschrieben. Die Landesregierung erarbeitet momentan eine Einsamkeitsstrategie. Die nimmt strukturelle Ursachen der Einsamkeit und psychische Auswirkungen in den Blick und entwickelt nicht nur für alte Menschen Angebote. Man glaubt immer, Einsamkeit ist ein Problem des Alters, aber man hat zum Beispiel in der Corona-Pandemie gesehen, dass gerade auch Studenten, wenn sie angefangen haben und einsam waren, schwerwiegende psychische Probleme bekommen haben. Weil ein so wichtiges Thema aus unserer Sicht besser einheitlich auf Bundesebene ist – das wird auch momentan von den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten so gesehen, die momentan ihre Bundestagung in Berlin haben –, wollen wir diesen Antrag nicht unterstützen, sondern sehen das mehr auf Bundesebene, und hoffen, dass es auf Bundesebene schnell vorangeht. Es wird momentan daran gearbeitet, ein Suizidpräventionsgesetz zu machen, und es stehen momentan schon 2,5 Millionen Euro dafür zur Verfügung. (Glocke des Präsidenten) Ich glaube, dass das der bessere Weg ist, damit wir für ganz Deutschland und für alle Menschen in Deutschland einen gemeinsamen Weg finden, wie wir den von Suizid Bedrohten und Suiziderkrankten helfen können. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

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