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Patrick Kunz

FREIE WÄHLER 08.11.2023 Sitzungen 18/53

Vielen Dank, Herr Präsident. – Sehr geehrte Damen und Herren! Was pflegende Jugendliche, die sogenannten Young Carer, leisten und leisten müssen, ist zugleich eindrucksvoll und erschreckend. Es ist eindrucksvoll, weil sie die Kraft aufbringen, neben Schule oder Ausbildung die herausfordernde Aufgabe wahrzunehmen, Angehörigen aufgrund einer physischen oder psychischen Krankheit Beistand zu leisten. Es ist erschreckend, weil sie damit in vielen Situationen auf das verzichten müssen, was die Jugend so besonders macht, die Unbeschwertheit. Diese in der Studie der Universität Witten/Herdecke ermittelten 480.000 Jugendlichen in der Bundesrepublik verdienen unseren höchsten Respekt und gleichzeitig unsere andauernde und uneingeschränkte Unterstützung. Nach Angaben des Vereins Young Carers e. V. leben in unserer Landeshauptstadt, hier in Mainz, 1.174 Kinder, die Erwachsene pflegen. Wir hoffen, dass die Dunkelziffer an der Stelle nicht höher ist, die die SPD so gerne ermitteln möchte. Im Antrag der Ampelfraktion, den wir als Fraktion der FREIEN WÄHLER ausdrücklich begrüßen, findet sich die Formulierung, dass diese Jugendlichen oftmals nicht imstande sind, bestehende Rechtsansprüche geltend zu machen, da Standing oder Durchsetzungsvermögen fehlen. Das ist sicherlich richtig, aber es gilt hier, noch einen Aspekt zu ergänzen. Wenn Kinder und Jugendliche neben ihrem Alltag die Pflege von Angehörigen übernehmen, mit allem, was damit zusammenhängt, dann fehlt ihnen in vielen Fällen schlichtweg die Zeit, um sich den Beistand zu holen, der ihnen eigentlich zusteht. Um für die dringend notwendige Entlastung zu sorgen, müssen Zugänge vereinfacht werden; denn eine Grundvoraussetzung dafür besteht darin, dass die existierenden Angebote an Bekanntheit gewinnen. Vor diesem Hintergrund ist es richtig, dass wir uns heute öffentlichkeitswirksam mit diesem Thema beschäftigen; denn neben den beschriebenen Barrieren mag auch Scham für das eigene familiäre Schicksal dem Besuch einer Beratungsstelle im Weg stehen. Umso wichtiger ist es, dieses Phänomen deulicher in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken; denn manchmal erkennt sogar das nähere Umfeld die Belastungen, denen sich junge pflegende Menschen ausgesetzt sehen, nicht oder nicht vollumfänglich. Doch an der Stelle kann der Impuls außerhalb der Familie von entscheidender Bedeutung sein. Wenn Nachbarn, Lehrer oder Eltern von Schulkollegen über die Situation von jungen Pflegenden im Bilde und gleichzeitig über bestehende Angebote in Kenntnis sind, sind diese jungen Menschen nicht länger gänzlich auf sich alleine gestellt. Das hat Frau Müller in ihrer Rede deutlich hervorgehoben. Deswegen unterstützen wir die im Antrag geforderte Studie, die zunächst eine aktuelle Bestandsaufnahme von jungen Pflegenden in der Bundesrepublik ermöglichen soll. Um Unterstützungsmaßnahmen des Landes möglichst zielgerichtet aufsetzen zu können, braucht es eine entsprechende Datenbasis. (Vizepräsidentin Astrid Schmitt übernimmt den Vorsitz) Wir können aber auch auf bereits bestehende Strukturen zurückgreifen. Die Gemeindeschwesterplus gilt zu Recht als Erfolgsmodell. Diese Fachkräfte beraten hochbetagte Menschen, die zwar noch keine Pflege benötigen, aber Unterstützung in der aktuellen Lebenssituation. Herr Minister Schweitzer, mit der entsprechenden Ausstattung der Mittel im Landeshaushalt halte ich es für sinnvoll, deren Wirkungskreis auf die Gruppe der Young Carer auszuweiten, um Jugendlichen eine weitere Anlaufstelle zu bieten, und dies bestenfalls im gewohnten Umfeld, in den eigenen vier Wänden. Meine Damen, meine Herren, es macht mich betroffen, wenn ich über die Schicksale von jungen Menschen und deren Angehörigen lese, die nahezu jegliche Form angemessener Kindheitserfahrungen unmöglich machen. Kinder sollten nicht zu früh in die Rolle von Erwachsenen schlüpfen müssen, also den Weg zur Parentifizierung gehen. Kinder sollten Kinder sein dürfen, mit allem, was dazugehört. In fast jeder Schulklasse sitzt aber ein Kind, das unter anderen Umständen groß wird. Das ist nicht gerecht, aber die Realität. Diese Kinder gehen nicht protestierend auf die Straße. Sie sind in keiner Gewerkschaft organisiert, und Ihnen fehlt zu oft die Plattform, um laut aufzuschreien. Umso wichtiger ist es, dass wir uns als Politik vereint hinter sie stellen und alle betroffenen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen wissen lassen: Ihr seid nicht allein. Abschließend: Der Antrag der CDU ist aus unserer Sicht berechtigt. (Glocke der Präsidentin) – Ich komme zum Schluss. Er ist allerdings thematisch anders angelegt und muss daher im Ausschuss gesondert betrachtet werden. (Beifall des Abg. Dr. Joachim Streit, FREIE WÄHLER) Mit Zustimmung der CDU bitte ich um Ausschussüberweisung ihres Antrags. (Beifall der FREIEN WÄHLER sowie der Abg. Anke Simon, SPD)

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