Helge Schwab
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen! Aktuelle Debatte zum IQB-Bildungstrend 2022, fangen wir mit den positiven Nachrichten an. So macht es übrigens auch die Bildungsministerin in ihrer Pressemitteilung vom 13. Oktober. Ladies and gentlemen, we proudly present: Die Schülerinnen und Schüler deutschlandweit und insbesondere in Rheinland-Pfalz haben im Fach Englisch besonders gut abgeschnitten. Platz 4 im Bundesvergleich, das sei ein positives Signal in einer global vernetzten Welt und wichtig für ein weltoffenes Land wie unser Rheinland-Pfalz. Dem widersprechen wir nicht. Die zentrale Frage, die sich aber doch vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse stellt: Was im Speziellen haben Sie, die Landesregierung, dazu beigetragen, dass die Englischkenntnisse überdurchschnittlich gut sind, oder sind es andere Umstände, fahren Sie gerade Trittbrett? Sind es vor allem die aktuellen Lebensumstände, die zu dem guten Abschneiden der Schülerinnen und Schüler im Englischunterricht beitragen? (Zuruf des Abg. Sven Teuber, SPD) Die sozialen Medien wie Instagram und Tiktok finden fast ausschließlich in englischer Sprache statt. Auch Filme und Serien werden bei StreamingAnbietern meist im Original konsumiert. Dazu hat nicht per se Ihre rheinlandpfälzische Bildungspolitik beigetragen. Vielleicht hat es auch etwas mit der Sprachstruktur des Englischen zu tun. Das Englische ist einfach aufgebaut. Vor dem Prädikat steht das Subjekt, und es gibt nur einen Artikel, um alle Geschlechter zu markieren. (Heiterkeit bei der AfD) Das macht sie besonders unkompliziert und verbindlich. Ich bin ganz ehrlich zu Ihnen, mit dem Englischen wird auch keine Überzeugung und Ideologie transportiert. (Abg. Marco Weber, FDP: Ich hätte gerne einen Beispielsatz!) Für das barrierefreie Lesen und Schreiben ist das ein großer Vorteil. Sollen wir diese IQB-Einzelergebnisse nun aber über den grünen Klee loben und uns darauf ausruhen? – Das können wir nicht; denn Deutsch ist Bildungssprache. Das Deutsch, das glücklicherweise durch den Rat der deutschen Rechtschreibung klar geregelt ist, ist die Sprache, die in der Schule gesprochen wird, (Abg. Michael Frisch, AfD: So ist es!) ist die Sprache, die die Schülerinnen und Schüler brauchen, um dem Unterricht folgen zu können, sich Lernstoff anzueignen und abzuspeichern. Daher sind die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2022 mehr als alarmierend. Im Kompetenzbereich Lesen erreichen die Neuntklässler 28 Punkte weniger als die im Jahr 2015 getesteten Jugendlichen. Umgerechnet entspricht das dem Lernfortschritt von einem ganzen Schuljahr. Insgesamt ist das Platz 5, allerdings von hinten, ein besonders besorgniserregender Trend; denn Deutsch braucht es für alle Fächer. Wenn die IQB-Ergebnisse zeigen, dass die Lesekompetenz deutlich zurückgegangen ist, dann betrifft das auch alle anderen Fächer. Lesen, Schreiben und Zuhören sind die Basis für Leistungsfähigkeit. Bei gesunkenen Deutschkenntnissen und Deutschkompetenzen ist in der Konsequenz damit zu rechnen, dass auch die Leistungen in anderen Fächern abfallen. Das muss uns in diesem Hohen Hause zuallererst bewusst werden. Wie können wir diesem Problem begegnen? Wir haben strukturelle Probleme, die wir nun auf politischer Ebene lösen können: zu wenige und überlastete Lehrkräfte, Lehrkräfte, die fachfremd unterrichten müssen, zu wenige Unterrichtsstunden im Fach Deutsch, zu wenige Ressourcen für Integration. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, das Interesse am Deutschunterricht ist bei fast allen Schülerinnen und Schülern niedriger als am Englischunterricht. An dieser Stelle müssen wir unseren Lehrkräften den Rücken stärken: für innovative Lernformate, beste multimediale Ausstattung und insbesondere Zeit, um Weiterbildungen im Bereich digitales Lernen und Lehren zu besuchen. Vor allem am Letztgenannten, der Zeit für die Weiterbildung, kann es nur mangeln, wenn die Unterrichtsversorgung bei 100 % liegt und damit keine Lehrkraft für die Erfüllung der Stundentafel fehlen darf. Das sind vermeintlich kleine Rädchen, die sich jedoch mit großer Wirkung drehen können, wenn Sie, Frau Dr. Hubig, es für die Basiskompetenzen unserer Kinder und Jugendlichen nur wollen. Zum Schluss noch an Sie, Herr Teuber und Herr Köbler: Für die neunten Klassen, worauf sich diese Studie bezieht, hilft leider keine kommende Maßnahme in der Grundschule. Dafür ist es zu spät. Beim IQB-Bildungstrend, um den es heute geht, geht es um die neunten Klassen. 2021 war die Grundschule dran. Vielen Dank. (Beifall der FREIEN WÄHLER, der AfD und vereinzelt bei der CDU)
