Gerd Schreiner
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit dem Jahr 2007 baut der französische Stromkonzern EDF in der Normandie einen Atomreaktor der neuen Generation. Im Jahr 2012, nach fünf Jahren Bauzeit, sollte er fertig sein, war er aber nicht. Im Jahr 2017, nach zehn Jahren Bauzeit, war er auch nicht fertig. Jetzt soll er im Jahr 2023, nach 15 Jahren, fertig werden. Warten wir es ab. Wissen Sie, ich bin als Diplom-Ingenieur sehr begeisterungsfähig. Ich habe einen Freund, der ist Plasmaphysiker in Princeton, und er führt mich in seinen Kernfusionsreaktor. Er ist begeistert und sagt: Das ist die Energie der Zukunft, wir holen die Sonne auf die Erde. – Ich sage: Super. Wann ist es so weit? – Dann sagt er: In 20 Jahren sind wir marktfähig. – Er sagt: Ich muss ehrlich sein, das mit den 20 Jahren haben wir schon vor 20 Jahren gesagt. – Was lernen wir daraus? – Wer vorgibt, und das geben Sie mit Ihrem Antrag vor, die Strompreise im Jahr 2023 könnten durch Atomstrom gesenkt werden, der macht den Menschen etwas vor. (Beifall der CDU, bei der SPD, bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP) Liebe Kolleginnen und Kolleginnen von der Ampel, das heißt nicht, dass ich am 24. Februar letzten Jahres für die damals noch am Netz befindlichen letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland noch einmal neue Brennelemente bestellt hätte. Sie nicht zu bestellen, war meines Erachtens nach ein Fehler, aber das ist verschüttete Milch. Selbst wenn wir in Deutschland den gesellschaftlichen und politischen Konsens hätten, neue Kernreaktoren zu bauen, würde es – das zeigt der Blick nach Frankreich – Jahrzehnte dauern für die Planung, Genehmigung, den Rechtsweg und anschließend für den Bau. Ich hätte aber gerne hier und heute bezahlbaren Strom. Der Kollege Ehmann hat es angesprochen, wir in Rheinland-Pfalz haben unsere Erfahrung mit den baulichen und rechtlichen Tücken der Atomenergie. In Mülheim-Kärlich steht immer noch die größte Investitionsruine unseres Landes. 5 Milliarden Euro wird es am Ende gekostet haben, weil wir schnell sein wollten. Das hat sich gerächt. Nur 100 Tage war das Kraftwerk am Netz. Sie haben es gesagt. Das ist die teuerste Kilowattstunde Strom, die wir in Rheinland-Pfalz jemals produziert haben. Ich wiederhole mich. Wir hätten gerne hier und jetzt bezahlbaren Strom. Deswegen ist es spannend zu wissen, was kostet dieses neue Atomkraftwerk der neuen Generation, das in der Normandie gebaut wird. Als die EDF damit anfing, sollte es 3,4 Milliarden Euro kosten. Heute sagt selbst die EDF, dass es 12,7 Milliarden Euro kosten würde. Das ist das Vierfache der geplanten Kosten. Wäre die EDF kein französischer Staatskonzern, wäre sie schon längst pleite. Das Schlimme ist, der französische Rechnungshof geht noch weiter. Er schätzt die Kosten des Atomkraftwerks auf mehr als 19 Milliarden Euro, von 3,4 Milliarden auf 19 Milliarden Euro. Das ist viel Geld. Was man mit dem vielen Geld alles hätte machen können, wenn man Windräder gebaut hätte, FreiflächenPhotovoltaik, Biomassekraftwerke oder Wasserkraftwerke. Hätte die EDF das viele Geld, das sie in das Atomkraftwerk gesteckt hat, in Freiflächen-PV investiert – nur als Beispiel –, nicht irgendwo in Südfrankreich mit hohen Erträgen, sondern in der Normandie, dann würde sie mit diesem Solarkraftwerk die vierfache Menge Strom ernten. Die Kosten wären die gleichen. Der Ertrag wäre das Vierfache. Da haben wir nur die Baukosten berücksichtigt, nicht die Betriebskosten, nicht die Rückbaukosten, nicht die Endlagerkosten. Ich frage wieder: Was lernen wir daraus? Das Fraunhofer-Institut rechnet uns vor, die Kosten für eine Kilowattstunde Strom aus Freiflächen-Photovoltaik liegen bei drei Cent. Bei Windstrom etwa das Doppelte. Ich weiß nicht, was Sie zu Hause für den Haushaltsstrom zahlen, aber zwischen drei Cent und dem, was man erwirtschaften kann, ist eine große Gewinnspanne. Wenn ich zu viel Geld hätte, wüsste ich, in welchen Energieträger ich investieren würde. Ich würde in erneuerbare Energien investieren; denn das ist gut für den Klimaschutz, geht schnell und ist gut für unsere Versorgungssicherheit. Es ist nebenbei gut für den Geldbeutel. Vielen Dank. (Beifall der CDU, bei der SPD, bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)
