Helge Schwab
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich vor bzw. versetzen Sie sich zurück in die ersten Wochen und Monate Ihrer eigenen Ausbildung, sei es in einem Betrieb oder der Universität. Stellen Sie sich vor, welche fundamentalen Grundlagen Ihnen in diesen ersten Zeiten vermittelt wurden und wie wichtig die Inhalte zu Beginn waren, um in den darauffolgenden Jahren Kompetenzen aufzubauen und Wissen zu mehren. Was wäre gewesen, wenn Sie an dieser Wissensvermittlung, beispielsweise aufgrund fehlender Sprachkenntnisse, nicht hätten teilnehmen können? Wie soll man das je aufholen? Das entspricht scheinbar der Situation vieler Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz. Ihnen fehlen die notwendigen Kompetenzen, die sie in der Schule brauchen, um dem Schulunterricht zu folgen oder an der Schulgemeinschaft teilnehmen zu können. Diese beschriebene Situation war zuletzt Thema in verschiedenen Sitzungen des Bildungsausschusses. Im Februar haben wir uns mit den hochaktuellen Zahlen des IQB-Bildungstrends beschäftigt. Er zeigte Defizite in den grundlegenden Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens auf. Letzte Woche diskutierten wir im Ausschuss ausführlich über die Situation an der Gräfenauschule in Ludwigshafen. Dort müssen voraussichtlich besagte 40 Schülerinnen und Schüler das erste Schuljahr wiederholen. Ein belastender Zustand für Kinder, Eltern und Lehrkräfte. Es ist klar, wenn es um die basalen Kompetenzen der Kinder geht, müssen wir handeln, eine Trendwende einleiten und uns auf die Bewältigung dieser Herausforderungen konzentrieren. Vor allem die individuellen Sprachkompetenzen der Kinder nehmen eine Schlüsselrolle ein und tragen positiv oder negativ zum Lernerfolg der Chancengerechtigkeit und Integration bei; denn jede Form der schulischen Interaktion, der Wissensvermittlung und des Lernens ist sprachlich gestaltet. Ohne Deutschkenntnisse können Kinder dem Unterricht nicht folgen und die Grundfertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht aufbauen. Ich möchte an dieser Stelle gerne den Matthäus-Effekt „Wer hat, dem wird gegeben“ heranziehen und ihn umkehren: Wer nicht hat, dem wird auch noch genommen. (Beifall der FREIEN WÄHLER) Das bedeutet, dass Kindern ohne Deutschkenntnisse die Chance auf schulische Teilhabe und sozialen Aufstieg verwehrt bleibt. Umfassende Förderungen, eng verbunden mit Diagnostik, sind das Mittel der Wahl, und das so früh wie möglich. Daher sollte aus Sicht der Landtagsfraktion der FREIEN WÄHLER gute Bildung verbindlicher und schon vor der Schule beginnen. Bereits im Kindergarten werden Kernkompetenzen wie sprachliche Bildung und kognitive und motorische Fähigkeiten vermittelt und damit der Grundstein für einen erfolgreichen Einstieg in schulische Laufbahnen gelegt. Eine verpflichtende Schulvorbereitungszeit sollte laut Experten zwölf bis 18 Monate betragen, damit noch ausreichend Zeit für unter anderem eine Sprachstandsdiagnose und entsprechende Förderung bleibt. Schwierige Startbedingungen bestimmen häufig den gesamten Bildungs- und Lebensweg. Lassen Sie uns also gemeinsam dafür eintreten, die Voraussetzungen für einen möglichst frühen und lebenslangen Zugang zu individueller Bildung für jeden zu schaffen. Ich danke Ihnen. (Beifall der FREIEN WÄHLER, vereinzelt bei der SPD sowie des Abg. Carl-Bernhard von Heusinger, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
