Johannes Zehfuß
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir unterhalten uns schon seit vielen Jahren über dieses Thema. Es ist also nicht neu, aber es ist wichtig, sich über diese Dinge zu beraten. Die RHEINPFALZ berichtete in einer ihrer Ausgaben über eine Tortenschlacht mit 50 Torten. Ein Radiosender hatte diese Aktion ausgelobt. Mit Genehmigung des Präsidenten zitiere ich: Natürlich ist das eine Verschwendung, aber es war eine Riesengaudi, so der Kommentar des Radiosprechers. Kritische Kommentare der Redaktion: keine. Welche Ursachen hat es, dass sich gebildete Mitteleuropäer derart schamund hemmungslos an Nahrungsmitteln vergehen? – Dies steht als Beispiel für die Einstellung im Umgang mit Lebensmitteln in weiten Teilen unserer Gesellschaft. Uns ist der Respekt vor der Schöpfung abhanden gekommen. (Beifall der CDU) Anstatt froh und dankbar darüber zu sein, dass wir aufgrund der Ertragssteigerungen durch verbesserte Anbaumethoden und Erfolge in der Pflanzenzüchtung in der Lage sind, unsere Bevölkerung sicher und in einer reichhaltigen Art und Weise zu ernähren, die für unsere Vorfahren nicht vorstellbar war, versündigen wir uns an unseren essenziellen Lebensgrundlagen, unserem täglichen Brot. (Beifall der CDU) Für mich ist es zum heutigen Zeitpunkt unerheblich, ob aufgrund der noch nicht standardisierten Erhebungsmethoden jetzt 50 oder 20 % der Lebensmittel weggeworfen werden. Entscheidend ist, dass jedes weggeworfene Kilo Lebensmittel ein Kilo zu viel ist. Jede Maßnahme, Lebensmittel einer geeigneten Nutzung zuzuführen, ist lobenswert und verdient Unterstützung, selbst wenn es zeitgeistgetriebene Schaufensterdiskussionen sind. Um der Lebensmittelverschwendung in unserem Lande entgegenzuwirken, müssen wir die Gründe für dieses Verhalten, diesen sorglosen, unbedachten und unangemessenen Umgang suchen. Es liegt nur oberflächlich gesehen an zu großen Packungseinheiten oder großvolumigen Sonderangeboten. Diese Argumentation führt nicht zum Kern des Problems; es ist nur ein Ablenkungsmanöver. (Beifall der CDU und bei den FREIEN WÄHLERN) Um der Lebensmittelverschwendung im jetzigen Ausmaß dauerhaft Einhalt zu gebieten, müssen wir uns selbst den Spiegel vorhalten. Gekauft wird nur in der breiten Masse, was optisch makellos ist. Produkte mit geringsten Mängeln – Mängeln in der Größe eines Mückenschisses – werden in der Eingangskontrolle der Supermärkte verweigert, und zwar nicht nur das einzelne Packstück, sondern die ganze Ladung, also bis zu 25 t auf einmal. Der Lebensmitteleinzelhandel bietet aus Grünfärberei Programme an, bei denen Produkte mit geringen Mängeln ins Regal kommen. Die dabei gemachten Umsätze sind im einstelligen Prozentbereich nicht erfassbar. Sie sind zu vernachlässigen. Wie kam es oder wie kommt es zu einer solchen Entwicklung? Warum? – Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten komplett – auch politisch gewollt – von der Nahrungsmittelproduktion und besonders der Essenszubereitung entfremdet, sei es aus Bequemlichkeit oder wegen des eigenen Benefits. Vorausschauendes Einkaufen, Grundfertigkeiten bei der Essenszubereitung aus dem Urprodukt, daraus resultierende Resteverwertung für ein Anschlussessen der nächsten Mahlzeiten, eigene Veredelung und Konservierung würden zu einem signifikanten Rückgang der Lebensmittelverschwendung beitragen. Verhaltensweisen, die in früheren Jahren selbstverständlich waren, (Beifall der CDU, bei den FREIEN WÄHLERN und bei der FDP) opfern wir heute aus mangelnder Bildung – obwohl wir heute viel mehr höhere Schulabschlüsse haben – oder aus persönlicher Bequemlichkeit der Tonne. Wie antwortet die Politik darauf? – Mit Symbolanträgen, anstatt das Problem an der Wurzel zu packen. Ich meine nicht Ihren Antrag, nur dass das nicht falsch verstanden wird, Frau Schellhammer. Dieser ist kein Symbolantrag. (Beifall des Abg. Daniel Köbler, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wie sieht die Realität aus? Wirksame Maßnahmen zur Verbraucherbildung sind kontinuierlich zurückgefahren worden. Wenn man es ernst meint mit dem bewussten Umgang mit Lebensmitteln, dann darf man sich nicht wie in der Vergangenheit und wie es jetzt geschehen ist aus der Verbraucherbildung, und zwar in der Breite, peu à peu zurückziehen, sondern muss massiv in die Bewusstseinsbildung investieren. Höchst produktive Beispiele dazu bieten verschiedene Organisationen, allen voran unsere Landfrauenverbände, die sich ihrer Verantwortung vor der Schöpfung bewusst sind und diese Herkulesaufgabe mit exzellent ausgebildeten und engagierten Referentinnen auf allen Schulungsebenen stillen. (Beifall der CDU und bei den FREIEN WÄHLERN) Stellvertretend möchte ich hier an die aid-Ernährungsführerscheine oder „Köstliches aus Feld und Garten“, ein Angebot mit besonderem Fokus auf pflanzliche Lebensmittel, verweisen. Auch mit der beispielhaften Aktion „Kids an die Knolle“ wurden pädagogisch wertvolle Ergebnisse erzielt. An dieser bundesweiten Aktion der deutschen Kartoffelwirtschaft nahmen dieses Jahr 900 Schulen teil, davon alleine 354 in Rheinland-Pfalz. Die vorgenannten Bemühungen von Verbänden und Privatwirtschaft sind sehr löblich, bilden aber in der Breite nur den berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Es ist eines Staates nicht würdig, Ernährungsbildung zunehmend der Privatwirtschaft oder privaten Engagierten zu überlassen. Hier und da kurzlebige medienwirksame Projekte zu initiieren, ist zu wenig. (Beifall der CDU) Das Weitere folgt in der zweiten Runde. (Beifall der CDU)
