landtag-rlp.de ↗

Helge Schwab

FREIE WÄHLER 24.11.2022 Sitzungen 18/33

Sehr geehrte Frau Präsidentin, werte Kolleginnen und Kollegen! Vor 20 Jahren hat der Ganztagsausbau in Rheinland-Pfalz begonnen. Seitdem wird das Angebot bedarfsgerecht ausgebaut. Dies zeigen die Zahlen der Anlage 1 b der Antwort der Landesregierung. Wir erinnern uns alle daran, zumindest einige, was der Auslöser für diese intensiven Diskussionen über eine Reform unseres Bildungswesens war. 2002 stand das Konzept Ganztagsschule noch unter den Eindrücken der internationalen Leistungsvergleiche wie PISA und TIMSS. Diese gaben Anlass, Förderangebote auszubauen und deutschlandweit Ganztagsschulen einzuführen. Heute wird die Ganztagsschulbetreuung zu Recht mit Chancengerechtigkeit und moderner Familienpolitik in Verbindung gebracht. Der Ganztag muss ein unverzichtbarer Bestandteil des Bildungsangebots sein. (Vereinzelt Beifall bei der SPD) Aber das Modell wie aktuell angeboten genießt nicht die hohe Anerkennung der Eltern, wie es die Landesregierung gerne darstellt. Bei allen Vorteilen und guten Absichten existieren auch Vorbehalte, die berücksichtigt werden müssen. Eltern wollen ein flächendeckendes Nachmittagsangebot, aber es soll flexibel, freiwillig und anpassbar sein. Dazu passen Ganztagsschulen in verpflichtender oder in Angebotsform jedoch leider nicht. Dort gilt, dass sich Schüler verpflichtend für mindestens ein Schuljahr anmelden müssen. Die weiterführenden Schulen in Rheinland-Pfalz setzen fast ausschließlich auf diese Form. Das zeigen die Daten zu Frage 3. Dort steht – ich zitiere –: „Wie haben sich die Zahlen der Ganztagsschulen und die Zahl der Ganztagsschülerinnen und der Ganztagsschüler in den letzten 20 Jahren entwickelt?“ Während es bei der Schulart Realschule plus 141 Ganztagsschulen in Angebotsform gibt, sind es nur noch zwei in offener Form. Bei Gymnasien lautet das Verhältnis 47 : 5. Die IGS setzt ausschließlich auf den Ganztag in Angebotsform. Fakt ist, Ganztag mit Teilnahmeverpflichtung überwiegt. Bei Eltern ruft genau diese Struktur Sorgen hervor. Hier lohnt sich ein Blick darauf, worin diese Sorgen bestehen. So berichten Eltern davon, dass es keine Seltenheit ist, dass Kinder nach dem Ganztag noch Hausaufgaben erledigen müssen. Sie wünschen sich für ihre Kinder Möglichkeiten für persönliche Zeit und Freizeitgestaltung. Wie können zum Beispiel Zeiträume für außerschulische Freundschaften geschaffen werden? Wie lässt sich die Ganztagsschule mit Vereinen in Einklang bringen? Zwar werden die sportlichen und kreativen Freizeitangebote im Ganztag mit großem Engagement gestaltet, aber es fehlt an Professionalität, zum Beispiel Vereine, die dies leisten können. Die Vereine sehen sich aufgrund des Ganztags mit Nachwuchsproblemen konfrontiert. Besonders die Teilnahmepflicht am Ganztag verstärkt diesen Umstand. Einige Vereine suchen bereits die Lösung in der Kooperation mit den Ganztagsschulen, um Nachwuchs zu rekrutieren. Dies ist auch im Sinne der Eltern. Ein Nachmittagsangebot an den Ganztagsschulen zu kreieren, ist für Vereine aber sehr schwierig, weil sie vorwiegend mit ehrenamtlichen Kräften arbeiten, die beruflich voll eingespannt sind. Hier müssen neue Wege beschritten und Lösungen gefunden werden. (Zuruf des Abg. Hans Jürgen Noss, SPD) – Herr Noss, vielleicht können Sie uns teilhaben lassen. Haben Sie eine Lösung? (Zuruf des Abg. Hans Jürgen Noss, SPD) – Aber heute nicht mehr, es ist zu spät. Das ist schade, ehrlich. (Beifall der FREIEN WÄHLER, der AfD und vereinzelt bei der CDU) Der Ganztag an unseren Schulen sollte flexibler werden. Kinder brauchen eine ausgewogene Balance zwischen schulischer Bildung und Förderung. Sie brauchen aber auch Raum für persönliche Zeit und für die Freizeitgestaltung. Deshalb darf Ganztag in der heutigen modernen Zeit nicht als Korsett gedacht werden, sondern sollte ein freiwilliges Angebot darstellen, das Kinder und Familien entlastet und bedarfsgerecht unterstützt. Lassen Sie uns hierfür im Bildungsausschuss gemeinsame Lösungen erarbeiten. Vielen Dank. (Beifall der FREIEN WÄHLER – Zuruf des Abg. Sven Teuber, SPD)

Alle Reden von Helge Schwab Protokoll ↗