Joachim Paul
Liebe Kollegen, sehr verehrtes Präsidium! Ja, es gibt Bemühungen, dem Handwerk bzw. der beruflichen Bildung auf die Sprünge zu helfen. Dazu gehören die Werkstatttage, ein vom Bund gefördertes Berufsorientierungsprogramm, in dessen Rahmen Rheinland-Pfalz rund 3.300 Achtklässler für zwei Wochen Werkstätten besuchen und drei verschiedene Berufsfelder in praktischen Projekten kennenlernen lässt. Erwähnenswert ist auch, dass mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr berufsvorbereitende Handwerkspraktika mit einem Wiederaufbaueinsatz im Ahrtal verbunden werden können. Die Handwerkskammern sind sehr engagiert im Hinblick auf das Beratungsangebot „Handwerk meets Schule“. Fazit: Es gibt begrüßenswerte Initiativen, die aber entweder vom Bund oder den Handwerkskammern ausgehen, allenfalls ist am Rande die Landesregierung eingebunden. Sie setzt andere Schwerpunkte. Leider. Die Landesregierung legt sehr viel Wert auf die Öffnung der Hochschulen. Wissenschaftsminister Clemens Hoch freut sich, dass durch die vergangene Reform des Hochschulgesetzes der Hochschulzugang weiter erleichtert wurde und RheinlandPfalz seinen Aussagen zufolge den prozentual höchsten Anteil an Studenten ohne klassische Zugangsberechtigung hat. Die Landesregierung will also die Studentenzahlen unbedingt konstant hochhalten. Damit möchte sie offenkundig die historischen Tiefstände in der beruflichen Bildung zementieren; denn das eine geht nicht ohne das andere. Im Jahr 2021 wurden nach Angaben des Statistischen Landesamts lediglich 61.977 Auszubildende ermittelt, ein Negativrekord. Neben der Überakademisierung hat die berufliche Bildung mit einem weiteren großen Problem zu kämpfen: die mangelnde Eignung von Bewerbern. Die gescheiterte Realschule plus bringt nämlich immer seltener für den Ausbildungsbetrieb ausreichend qualifiziertes Personal hervor. Was ist also zu tun? – Wenn wir fatale Auswirkungen auf unser Gemeinwesen vermeiden wollen, dann muss sich die Landesregierung doch einmal ehrlich eingestehen, mit der kürzlich unterzeichneten Fachkräftestrategie des Landes Rheinland-Pfalz für den Zeitraum 2022 bis 2026 wird es nicht gelingen, die Kehrtwende zu vollziehen. Wir werden deshalb um eine groß angelegte Schulstrukturreform nicht herumkommen. Wir brauchen eine Bildungswende. Eine solche forderte Ende Juli auch der Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer, den ich hier zitiere: Wir gehen von einer Viertelmillion Fachkräften aus, die im Handwerk fehlen. – Zitat Ende. Die Viertelmillion bezieht sich natürlich auf das gesamte Bundesgebiet. Wollseifer betonte, man müsse sich von der Vorstellung verabschieden – ich zitiere erneut –, dass nur ein Studium beruflichen und persönlichen Erfolg bringen kann. – Zitat Ende. Deshalb forderte der Handwerkspräsident mehr Anerkennung und Wertschätzung für die berufliche Bildung. Die dünnhäutigen Reaktionen vieler Medien auf die aus unserer Sicht sehr gelungene Kampagne des Zentralverbands des Deutschen Handwerks machten deutlich, dass es gerade in linksliberalen Kreisen große Vorbehalte gegenüber Handwerkern gibt. Offenbar auch deshalb, weil sie für die Woke-Bewegung unbrauchbar sind. (Heiterkeit der Staatsministerin Dr. Stefanie Hubig – Zuruf der Abg. Pia Schellhammer, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wie sollen nun aber diese Bildungswende und die damit einhergehende Schulstrukturreform konkret aussehen? – Mit Sicherheit anders als die von der Landesregierung favorisierte sogenannte Schule der Zukunft; denn wir brauchen bestimmt keine – ich zitiere – alternativen Formen der Leistungsbeurteilung – Zitat Ende. Wir von der AfD-Fraktion haben ganz klare Vorstellungen bezüglich einer jetzt notwendigen Schulstrukturreform. Wir wollen: 1. bereits ab der fünften Klasse in der Realschule plus eine klare Differenzierung vornehmen in eine stark grundlagenorientierte Schulform HGS, Handwerks- und Gewerbeschule, und in eine mehr allgemeinbildende Realschule, 2. die angegliederte Oberstufe an der Realschule abschaffen, um eine klare Trennung zum Gymnasium herzustellen, 3. standardisierte Abschlussprüfungen als Motivation und vor allem Lernzielkontrolle nach Klasse neun an der HGS bzw. Klasse zehn sowohl an der Realschule als auch an der integrierten Gesamtschule und 4. nach bayerischem Vorbild eine verbindliche Grundschulempfehlung mit der Möglichkeit, sie durch einen erfolgreich bestandenen Leistungsnachweis in Prüfungsform aufzuheben. Äußerst wichtig ist uns zudem, dass ein Rückgang der Studentenzahlen endlich begrüßt wird, wenn das mit einem Anstieg der Neuzugänge in der beruflichen Bildung einhergeht. (Beifall der AfD) Wir lassen nicht ab von unserer Forderung, die wir seit unserem Einzug in den Landtag konsequent erhoben haben: Meisterausbildung und Aufstiegsfortbildung müssen endlich vollständig kostenfrei sein. Das ist Augenhöhe, die ernsthaft ist und nicht nur in Sonntagsreden vorkommt. Das ist trotz einiger Verbesserungen noch immer nicht der Fall in Rheinland-Pfalz. Es besteht also weiterhin eine große Lücke. Sie muss schnellstens geschlossen werden. Die Begründung für unsere Forderung haben wir ausführlich in unserem Antrag dargelegt. Wir bitten um Zustimmung zum Wohl der beruflichen Bildung und der Zukunft unseres Landes. Vielen Dank. (Beifall der AfD)
