Dr. Oliver Kusch
Sehr geehrte Frau Präsidentin, werte Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste! Der Beruf der Hebamme ist einer der ältesten dokumentierten Frauenberufe. Es gibt bereits ägyptische Tempelmalereien aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, bei denen nachgewiesenermaßen Drillinge von Pharaonen geboren wurden und eine Hebamme anwesend war. Das erste Hebammenlehrbuch wurde im Jahr 117 nach Christus verfasst. 1890 fand der erste Hebammentag in Deutschland statt. Dort waren 900 Hebammen aus Deutschland vertreten, alles Frauen, die viel für die Gesellschaft arbeiteten. Man muss sich vorstellen, diese Frauen durften damals noch nicht einmal wählen, weil nationalkonservative Kreise noch dachten, eine Frau solle und dürfe nicht wählen. Ein wichtiges Thema damals war die Hygiene in den Kreißsälen, was aber von der übrigen Medizin als noch nicht so wichtig erachtet wurde. Über die Jahrhunderte hinweg war die Hebammenwissenschaft ein immerwährendes gesamtgesellschaftliches Thema und fortwährenden Neuerungen und Regeländerungen unterworfen. In den 1950er-Jahren nahmen die Hausgeburten bereits deutlich ab, was sich in den 60ern fortsetzte. Ein wesentlicher Grund für das weitere Abnehmen der Hausgeburten war die Übernahme der Geburtenkosten durch die Krankenkassen 1968. Seither sind und waren Hausgeburten die Ausnahme. Kaiserschnitte haben hingegen deutlich zugenommen. Sie machen mittlerweile ein Drittel aller Geburten aus. Das ist sehr kritisch zu sehen, da eine Kaiserschnittentbindung, die aus nicht medizinischen Gründen gemacht wird, eigentlich nicht zu rechtfertigen und eigentlich auch nicht zulässig ist. Viele Hebammen beschränken sich aus diesen genannten Gründen auf die Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung. Ein weiterer wichtiger Grund für die 727 rheinland-pfälzischen Hebammen für die Aufgabe der Geburtshilfe sind die hohen Kosten für die Berufshaftpflicht. Auch nach der Einführung des Sicherstellungszuschlags, der das etwas nivellieren sollte, muss mit dem Hebammenverband weiter an einer besseren Lösung gearbeitet werden, damit die Kosten dort auf jeden Fall noch weiter rückläufig sind. Nach dem Hebammengesetz leitet eine Hebamme eine regelgerechte Geburt selbstverantwortlich und muss bei einer Geburt dabei sein. Ein Arzt darf nur im Notfall eine Geburt ohne eine Hebamme durchführen. Das Berufsbild der Hebamme in der heutigen Zeit ist äußerst vielfältig. So untersucht und betreut die Hebamme Mutter und Kind. Sie stellt die Lage des Kindes im Mutterleib fest und kann die Geburt durchführen und begleiten. Sie darf nach der Geburt auch die U1 beim Kind ausführen. Sie betreut natürlich die Mutter weiter. Lediglich Ultraschalluntersuchungen darf sie nicht durchführen. Das ist aktuell noch einem Arzt vorbehalten. Auch nach Verlassen des Krankenhauses, der Geburtsstation oder des Geburtshauses begleitet die Hebamme die Eltern, speziell die Gebärende im Wochenbett, und sorgt sich um das Kind. Ganz wichtig ist aber noch, Hebammen mit der Zusatzbezeichnung Familienhebammen können sogar die Familie zu Hause bis zu einem Jahr in der neuen herausfordernden Situation nach der Geburt des Kindes weiterbetreuen, was den jungen Eltern oft viel Kraft und Sicherheit gibt. Es ist auch ein ganz wichtiger Punkt für mich, dass direkt im häuslichen Umfeld eine schnelle Beantwortung von aufkommenden Fragen und Entlastung stattfinden kann und somit Konflikte in dieser neuen Situation vermieden werden können. Seit 2020 nun wurde die Hebammenausbildung vollständig akademisiert. Das zuvor beschlossene Hebammenreformgesetz wird komplett umgesetzt. In Rheinland-Pfalz wurde der duale Bachelorstudiengang an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen etabliert, wobei die Zahl der dortigen Studienplätze in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden soll. Ab dem Wintersemester 2023/2024 wird zudem an der Johannes GutenbergUniversität in Mainz der Studiengang angeboten. Die genauen Zahlen zu den Studienanfängern, geburtshilflichen Stationen und Beleghebammen sind Ihnen bereits aus der Beantwortung bekannt. Eine Zahl finde ich jedoch sehr erstaunlich. Wenn man sieht, dass in RheinlandPfalz 38.647 Geburten im letzten Jahr stattfanden, fanden trotz Corona nur 721 Geburten außerklinisch statt. Da hätte man eigentlich gedacht, dass es mehr sind, weil stationär die Väter nicht dabei sein konnten, aber es waren, wie gesagt, nur 721. Nicht zuletzt haben Untersuchungen gezeigt, dass eine gute Hebammenbetreuung zu weniger Fehlgeburten, weniger medizinischen Eingriffen während der Geburt, zu kürzeren Krankenhausaufenthalten und zu längerem und häufigerem Stillen führt, so der Deutsche Hebammenverband. Daher sieht es die SPD-Fraktion als sehr wichtig an, Hebammenzentralen weiter auszubauen. (Beifall der SPD und bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) In diesen Hebammenzentralen werden an Hebammen auch unterversorgte Schwangere vermittelt. Sie dienen als Anlaufstelle für werdende Eltern, führen telefonische Beratungen durch und vernetzen lokale Akteure auf diesem Gebiet. (Glocke der Präsidentin) Aktuell gibt es drei Hebammenzentralen in Daun, Trier-Saarburg und eine in Mainz, die wir diese Woche besuchen durften. Dort konnten wir uns durch das hervorragend organisierte Leitungsteam davon überzeugen, was Gutes an den Schwangeren und was für die Hebammen getan wird. Zusammen mit dem Hebammenlandesverband wird die SPD-Fraktion die Landesregierung darin unterstützen, die innovativen geburtshilflichen Versorgungskonzepte und weitere Gründungen von Hebammenzentralen voranzutreiben und nachhaltig zu verstetigen, um Schwangere und junge Eltern bestmöglich zu betreuen. (Glocke der Präsidentin) Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall der SPD und des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
