Patrick Kunz
Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren! Es geht ein Gespenst um in Europa, das Gespenst des Wasserstoffs. So könnte man die einleitenden Worte von Karl Marx und Friedrich Engels zum kommunistischen Manifest des 21. Jahrhunderts umformulieren. Kein Plenum verstreicht, ohne dass wir uns hier in diesem Haus mit den Themen der Energiewende oder der Klimakrise beschäftigen, (Abg. Marco Weber, FDP: Oder Kerosin!) und das völlig zu Recht, sodann auch am heutigen Tag auf Antrag der FDP mit dem Titel Wasserstoff ist zukunftsträchtig und problembelastet zugleich. Gleichwohl überwiegen für uns, die Freien Wähler, eindeutig die positiven Aspekte. Lassen Sie mich beide Seiten der Medaille kurz beleuchten. Die bestehende Infrastruktur des Gasnetzes ist gleichzeitig die Grundlage für die Verteilung von Wasserstoff in unserem Energiesystem. Es ist jedoch bekannt, dass dieses Netz im Rahmen einer Ertüchtigung zuvor H2-ready gemacht werden muss. Vor dem Hintergrund eines Gemeinschaftsprojekts des Energieversorgungsunternehmens Avacon und des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches wird aktuell in Sachsen-Anhalt ein Pilotprojekt durchgeführt, das belegen soll, zu welchen Anteilen Wasserstoff in bestehende Gasnetze eingespeist werden kann. In Schritten von 10 %, 15 % und 20 % Wasserstoffanteil soll untersucht werden, welche Auswirkungen die Beimischung von Wasserstoff auf die Gasnetze und Endverbraucher hat. Die bisherigen Ergebnisse sind durchweg positiv, sodass davon auszugehen ist, dass auch eine Beimischung von 20 % – das ist die Endphase des Projekts – zum Jahresende unkritisch ist. Auch hier in Rheinland-Pfalz gibt es aber vielversprechende Projekte, die das Thema „Wasserstoff“ aufgreifen und bemerkenswerte Erfolge erzielen. Das sogenannte SmartQuart in Kaisersesch ist wohl das prominenteste Beispiel. Am dortigen Standort ist die gesamte Wertschöpfungskette von Erzeugung, Transport, Umwandlung, Nutzung bis zur Speicherung intelligent miteinander vernetzt. Der Wasserstoff-Microgrid wird mit Energie aus umliegenden Windund Photovoltaikanlagen versorgt. Durch den Elektrolyseur entsteht aus dem grünen Strom grüner Wasserstoff, der dann dem Betrieb von Wasserstoffbussen dient oder in das Wärmenetz eingespeist wird. Natürlich besteht auch dort die Möglichkeit, Wasserstoff zu speichern und diesen zu verteilen. Kurzum, beide Beispiele belegen, Potenzial ist vorhanden. Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt außerdem, dass die Wasserstoffwirtschaft künftig ein essenzieller entwicklungspolitischer Baustein sein wird. Die Allianz zur Entwicklung des Power-To-X-Sektors mit unserem Reformpartnerland Marokko verdeutlicht, wie wir künftig mit dem afrikanischen Kontinent kooperieren können, um eine Energiewende weltweit zu einem sozialen Erfolgsgaranten zu machen. Die dortige Referenzanlage soll eine Elektrolyseurleistung von 100 MW erreichen und wird somit nicht nur Arbeitsplätze vor Ort schaffen, sondern auch Export von grünem Wasserstoff nach Deutschland ermöglichen. All diese Dinge lassen hoffen, dass Wasserstoff künftig eine exponierte Rolle in unserer Energiewirtschaft einnehmen wird, sei es im Wärmenetz oder im Bereich der Mobilität. Meine Damen und Herren, leider kommen nun wenige Wermutstropfen. Wir müssen massiv investieren, um eine flächendeckende H2-Readiness zu erreichen. Für die Herstellung von Wasserstoffbrennzellen wird der Rohstoff Platin benötigt, der in der Anschaffung wiederum sehr teuer ist. Die Menge an Energie, die zur Elektrolyse benötigt wird, ist unter Umständen größer als die Menge, die aus dem Vorgang genommen werden kann. Besonders kritisch ist dies, wenn für die Elektrolyseure fossile Brennstoffe verwendet werden. Die Speicherkapazitäten und die Transportmittel für Wasserstoff müssen erheblich ausgebaut werden; denn auch wenn Wasserstoff grundsätzlich das am häufigsten vorkommende Element im Universum ist – da haben Sie recht, Frau Dr. Köbberling –, muss es von A nach B gebracht und auch gelagert werden können. Um eine Verkehrswende realistisch mit Wasserstoff planen zu können, muss doch zumindest die dafür notwendige Tankstelleninfrastruktur zur Verfügung gestellt werden. Damit Wasserstoff also nicht das Marx’sche Gespenst bleibt, sondern sich materialisiert, muss noch viel Zeit und viel Geld in Forschung und in Entwicklungsvorhaben investiert werden. Der Haushaltsentwurf für die Jahre 2023 und 2024 wird zeigen, wie ernst die Landesregierung das Thema „Wasserstoff“ nimmt. Abschließend möchte ich noch ein persönliches Wort zur Erstellung der Wasserstoff-Roadmap sagen. Die Damen und Herren, die in diesem Gremium zusammensitzen, leisten wundervolle Arbeit. Sie sind sehr breit gegliedert. Das ist ein exzellenter Job, den die da machen. Ich freue mich total auf den September, wenn die Studie uns allen vorgelegt wird. Ich danke Ihnen. (Beifall der FREIEN WÄHLER)
