Anke Beilstein
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! In Kürze beginnt das dritte Corona-Jahr. Das Hauptaugenmerk der Gesellschaft lag in der Vergangenheit auf den älteren und vorerkrankten Menschen, und das war sicherlich nötig und richtig so, um vulnerable Gruppen zu schützen. Zwischenzeitlich hat das Virus aber mehrfach mutiert. Hinzu kommt als stärkster Helfer die Impfung gegen Corona. Daher ist es jetzt dringend geboten, endlich auch die Bevölkerungsgruppen in den Fokus zu rücken, die bisher mit am meisten zurückstecken mussten, nämlich unsere Kinder und Jugendlichen. Sie haben eine Menge einstecken müssen: von heute auf morgen Schule dicht, keine Freunde mehr treffen, gefangen in den eigenen vier Wänden. Es ist leicht, als Erwachsener zu sagen: Ihr könnt das alles doch noch nachholen. – Das stimmt aber so nicht. Zwei Jahre sind für einen 30-, 50- oder 70-Jährigen nur ein kleiner Abschnitt des Erwachsenenlebens. Aber wissen Sie, wie lange zwei Jahre für einen Sechsjährigen sind oder welche Entwicklungsfortschritte ein Teenager von 14 bis 16 macht? Oder vielleicht erinnern Sie sich auch noch selbst daran, als Sie 16 Jahre alt waren, wie weit die Zeit da noch war bis zum 18. Geburtstag. Ja, unsere Kinder wurden vielfältiger persönlicher Erfahrungen beraubt. Fakt ist aber auch, alle unsere Schulkinder haben zwei Jahre lang keine normale Schulzeit erlebt, und um diesen Bildungsaspekt geht es in unserem Antrag. Hier steht das Land in einer besonderen Handlungspflicht. (Beifall der CDU) Wochenlange Lockdowns, frustrierende Erfahrungen mit Homeschooling und nicht funktionierendem digitalen Unterricht oder vor allen Dingen provisorische Lernumfelder, immer wieder Ausfälle durch Quarantäne, das war schwierig. Ein großer Teil von Schülern, insbesondere ältere Schüler, kamen durchaus damit zurecht, in Teilen jedenfalls, aber insbesondere die jüngeren Kinder hatten schon große Probleme damit, ganz besonders dann, wenn sie zum Beispiel zu Hause auch noch in engen Wohnverhältnissen gelebt haben oder mehrere Geschwisterkinder da waren. (Präsident Hendrik Hering übernimmt den Vorsitz) Glück hatte in einer solchen Situation, wer Mama und Papa hatte, die mitgeholfen haben; aber nicht jedes Kind hatte dieses Glück, und so ist die Bildungsschere in diesen beiden Jahren enorm auseinandergegangen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Bildung ist Ländersache und der Schlüssel zur Chancengleichheit. Es darf auch bzw. ganz besonders in Krisenzeiten wie Corona nicht dem Zufall überlassen bleiben, wer eine gute Grundlage für sein weiteres Schulleben, für Ausbildung oder Studium erhält. Die Jugendstudie „Plan B“ der IG Metall zeigt, wie die Corona-Pandemie die junge Generation beruflich und privat geprägt hat und welcher Handlungsbedarf sich hieraus ergibt. 53 % gehen davon aus, dass sich durch diese Zeit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert haben, und auch vielen Schülern selbst fiel bereits im letzten Sommer, als der Schulbetrieb wieder etwas hochgefahren wurde, auf, dass und wer in dieser Zeit auf der Strecke geblieben ist. Es sind viele Lernrückstände in den Kernfächern und Kernkompetenzen aufgetreten, und das ist besonders dann problematisch, wenn Schulwegentscheidungen anstehen. Die Kinder, die im Sommer in die 3. Klasse kommen, haben ihre Schullaufbahn mit zwei Corona-Jahren begonnen, eigentlich die Jahre, in denen grundlegende Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt werden müssten. Kinder, die im kommenden Sommer in die weiterführende Schule gehen möchten, hatten von den vier Jahren Grundschulzeit nur zwei normale Jahre. Da fragt man sich schon, ist da ein solides Fundament vorhanden? Ich denke auch an diejenigen Kinder, die demnächst eine Ausbildung beginnen möchten oder in die Oberstufe wechseln. Sie alle haben zwei Jahre mit Schulschließungen zu kämpfen gehabt, mit Unterrichtsausfall oder Ausschluss durch Quarantäne. Das bleibt nicht ohne Spuren. Wenn aber fehlende Bildungsgrundlagen für den weiteren Schulweg oder die Ausbildung nicht zum dauerhaften Klotz am Bein werden sollen, dann muss endlich ein ernsthaftes Programm her, um das Aufholen nach Corona zu starten. (Beifall der CDU sowie des Abg. Helge Schwab, FREIE WÄHLER) Der Bund hat unter der alten Bundesregierung ein 2 Milliarden Euro starkes Unterstützungsprogramm aufgelegt, aus dem 63 Millionen Euro nach Rheinland-Pfalz fließen. Jetzt bedarf es einer flächendeckenden Strategie zur Umsetzung, und zwar unterfüttert mit qualifiziertem Lehrpersonal. Meine sehr geehrten Damen und Herren, Wohlfühltitel wie „Chancen@lernen.RLP“ – so heißt es – werden dem jedenfalls nicht gerecht. Ich bin mir sicher, wir werden gleich in blumigen Worten hören, was alles dort hineingepackt wird. Ich sage Ihnen aber, es bedarf mehr als unverbindlicher Ferienschulen, die die Kommunen im Übrigen freiwillig anbieten. Oft erreichen sie auch gerade diejenigen Kinder, die es am notwendigsten hätten, nicht. Es bedarf auch mehr als Kursen, die von Volkshochschulen angeboten werden, und mehr als Familiensommer, Kinder- und Jugendfreizeiten, außerschulischer Sozialarbeit und studentischer Nachhilfen; denn es geht eben nicht nur um das Nachholen von Erlebnissen oder reines Wiederholen und Üben, sondern um echte und tief greifende Wissenslücken. Für den Abbau von Lernrückständen werden ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer benötigt. Das ist unsere feste Überzeugung. Nur so wird es im Schulbetrieb möglich sein, in kleineren Gruppen, mit unterstützenden Maßnahmen und auch durch befähigtes pädagogisches Lehrpersonal Wissenslücken zu schließen. Dann ist im Übrigen auch gewährleistet, dass es alle Kinder, die es brauchen, bekommen. (Zuruf des Abg. Marco Weber, FDP) Deshalb fordern wir zusätzliche Lehrkräfte und keine Lückenfüller, die nebenher über PES für ein paar Stunden eingekauft werden. (Beifall der CDU) Wir wissen dabei sehr wohl, dass die Lehrer nicht einfach von den Bäumen fallen. Deshalb machen wir sehr konkrete Vorschläge, wie dies kurzfristig möglich ist. Wir treten aber auch für eine langfristige Strategie ein, um dauerhaft den Lehrkräfteaufwuchs zu sichern; denn eines steht auch fest: Auch ohne Corona hätten wir sie gebraucht, und jetzt brauchen wir sie zwingender denn je. Entlasten Sie also Lehrkräfte von allen nicht pädagogischen Arbeiten, indem Sie dafür Nichtlehrpersonal einstellen, damit Lehrer vollumfänglich ihrem Lehrauftrag nachkommen können. Akquirieren Sie beispielsweise pensionierte Lehrkräfte, die bereit sind, sich für eine gewisse Zeit noch einmal zu engagieren. Entfristen Sie Vertretungsverträge und binden Sie diese Menschen dauerhaft in feste Planstellen; denn eines steht fest: Wer Qualität in der Bildung will, der muss Geld in die Hand nehmen für Professionalität, für deutlich mehr Lehrkräfte und auch für Planstellen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, vielleicht noch ein letztes Wort zu dem Antrag der FREIEN WÄHLER, der zusätzlich den Blick auf die Kitas lenkt: Mit Ihren Forderungen, insbesondere nach der Sprachstandserhebung, nach den Entwicklungen und nach gezielten Sprachfördermaßnahmen, laufen Sie bei uns offene Türen ein; denn wenn Kitas tatsächlich Bildungseinrichtungen sein sollen, dann muss auch hier gelten, dass ein Aufholen nach Corona stattfindet, ganz besonders bei den Vorschulkindern. (Beifall der CDU und der FREIEN WÄHLER) Meine sehr geehrten Damen und Herren, für beide Bereiche – Schulen und Kitas – gilt gleichermaßen, das Aufholen muss gezielt und professionell erfolgen. Das erledigt sich nicht halbherzig und auch nicht kostengünstig, aber unsere Kinder (Glocke des Präsidenten) müssen uns das wert sein. Vielen Dank. (Beifall der CDU und der FREIEN WÄHLER)
