Patrick Kunz
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die generalistische Pflegeausbildung ist im Januar 2020 gestartet. Im Vorfeld wurde viel darüber geredet. Es gab viele Befürchtungen, aber auch Hoffnungen. Die Erwartung hinsichtlich einer Aufwertung der Pflegeberufe bleibt jedoch heute noch offen. Drei bisher getrennte Ausbildungswege wurden zusammengefasst. Jede Pflegefachfrau und jeder Pflegefachmann soll in Zukunft fit sein, sowohl im Bereich der Altenpflege als auch in der Gesundheits- und Krankenpflege einschließlich der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Die Generalausbildung soll einen späteren Wechsel zwischen den verschiedenen Pflegebereichen erleichtern und die Attraktivität der Pflegeberufe steigern. Dies erfordert, dass die Grundkenntnisse aus den einzelnen Bereichen dem gesamten Pflegepersonal geläufig sind. Laut Sozialministerium handelt es sich bei der Umstellung der Ausbildung hin zu einer generalistischen Pflegeausbildung um die wohl bedeutendste Reform in der beruflichen Bildung der letzten Jahrzehnte. Demnach war und ist ein ungeheurer Kraftakt nötig, um die neue Ausbildungsform auf sichere und gesunde Füße zu stellen. Gerade die Notwendigkeit, ein großes Netz aus Kooperationspartnern zu schaffen, stellt viele Arbeitgeber vor große Herausforderungen. Die Auszubildenden müssen innerhalb von drei Jahren in sieben verschiedenen Stationen praktische Erfahrungen sammeln. Dazu ist eine Vielzahl an Kooperationspartnern notwendig. Viele kleinere Einrichtungen haben aber Probleme, ein ausreichend großes Netz an Kooperationspartnern aufzubauen. Ein Defizit stellt sich dar, wenn Kooperationspartner aus bestimmten Pflegebereichen fehlen und so die Pflegeausbildung nicht mehr angeboten werden kann. Es sollte die vorrangige Aufgabe der Landesregierung sein, Arbeitgeber beim Aufbau der Grundvoraussetzung für die Ausbildung von Pflegefachkräften tatkräftig zu unterstützen. Aus diesem Grund wundere ich mich über die Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der CDU. Anscheinend hat die Landesregierung momentan keine Übersicht, wie viele Lernkooperationen aus den Ausbildungsverbünden derzeit im Land bestehen. Erst nach Abschluss des ersten Ausbildungsjahres will die Landesregierung sich darüber einen Überblick verschaffen. Dazu soll eine kostenintensive Studie durch ein Forschungsinstitut erstellt werden. Wieso gibt es innerhalb der Regierung keine Stelle, die den Überblick hat über sämtliche Kooperationen und Verbünde und deren Schwierigkeiten oder deren Unterstützungsbedarfe? Die Probleme, die die Reform der Pflegeausbildung mit sich bringt, waren doch im Vorfeld längst bekannt. Daher die berechtigte Frage: Warum gibt es nicht schon längst eine Koordinierungsstelle? Doch das ist nicht der einzige Stolperstein auf der Straße der Reform. Sie verweisen in Ihrer Antwort auf ein Projekt zur Unterstützung von Lernkooperationen und Ausbildungsverbünden, Sie nennen Beratungen, Coaching, sektionale Arbeitsgruppen und Workshops. All das können Menschen, die in der Pflegeausbildung beteiligt sind, individuell nutzen. Da mag man rufen: Super! Das ist doch genau das, was die Menschen in einem Transformationsprozess brauchen. Aber auch hier stolpere ich in der Realität über widersprüchliche Zeitfenster. Die Unterstützung gibt es erst seit Juli dieses Jahres, also erst über ein Jahr nach Beginn der neuen Pflegeausbildung. Daher die Frage: Wieso so spät? Erschwerend kommt hinzu, dass genau dieses Unterstützungsangebot auch nur ein halbes Jahr und somit bis Ende Dezember zur Verfügung steht. Die große Frage: Was kommt danach? Das alles klingt für mich nicht nach einem durchdachten, praxisorientierten und zielgerichteten Vorgehen, das alle Beteiligte mitnimmt. Die Werbetrommel für den neuen Ausbildungsweg haben Sie kräftig gerührt, was sogar zu einem leichten Anstieg der Schülerzahlen im neuen Ausbildungsjahr geführt hat. Die Veränderungen zum Vorjahr beziffern Sie mit 5,8 % mehr Auszubildenden. Das klingt erst einmal gut. Die große Frage ist jedoch: Wie viele halten durch? Wie groß wird der Pool der zur Verfügung stehenden Pflegefachpersonen am Ende der Ausbildung sein? Bisher lag die Abbrecherquote bei den Pflegeberufen bei ca. 30 %. Wurden die Gründe, die zum Abbruch geführt haben, angemessen bei der Umstellung der Ausbildung berücksichtigt? Ich habe da noch so meine Zweifel. Das Thema bleibt weiterhin strittig, und erst nach Abschluss der Ausbildung in zwei Jahren können wir ein verlässliches Feedback erstellen. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Wir Freien Wähler sind nicht grundsätzlich gegen die zentralistische Pflegeausbildung, sie muss aber als systemrelevanter Beruf sauber ausgearbeitet und umgesetzt werden. Wir können uns den Luxus nicht leisten, berufsinteressierte junge Menschen auf der Strecke liegen zu lassen. Ich danke Ihnen. (Beifall der FREIEN WÄHLER)
