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Rodion Bakum

SPD 15.10.2026 Sitzungen 18/133

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schauen Sie einmal nach links und dann nach rechts. Von Ihnen drei ist innerhalb eines Jahres statistisch gesehen einer von einer seelischen Erkrankung betroffen. Fast jeder Zweite von uns entwickelt im Laufe seines Lebens eine behandlungsbedürftige seelische Erkrankung. Das sind in Deutschland jährlich rund 18 Millionen erwachsene Menschen. Aber nur etwa jeder Fünfte findet den Weg zu professioneller Hilfe. Wer selbst nicht erkrankt, kennt mit Sicherheit jemanden, der Hilfe braucht – ob in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. Seelische Gesundheit ist also kein Randthema, sondern sie betrifft uns alle. Die diesjährige Woche der Seelischen Gesundheit steht unter dem Motto „Mit-Landtag einander statt nebeneinander“. Das ist ein sehr wichtiger Anspruch. Viele von uns tragen in diesen Tagen die grüne Schleife. Sie ist ein sichtbares Zeichen für seelische Gesundheit. Eine grüne Schleife ersetzt aber keinen Therapieplatz, und Solidarität darf nicht am Revers enden. (Beifall von der SPD, Dr. Werner Pfeil [FDP] und Susanne Schneider [FDP]) Aber was bedeutet Miteinander für einen Menschen, der endlich den Mut findet, sich Hilfe zu suchen, und dann monatelang auf einen Therapieplatz warten muss? Zwischen dem ersten psychotherapeutischen Gespräch und dem tatsächlichen Behandlungsbeginn vergehen durchschnittlich 141 Tage, also fast fünf Monate. Eine Depression wartet aber keine fünf Monate. Eine Angststörung verschwindet nicht, weil der Terminkalender voll ist. Und eine seelische Krise hält sich nicht an Öffnungszeiten. Wer monatelang wartet, verliert nicht nur Zeit. Erkrankungen können sich verschlimmern, Familien geraten unter Druck, und manchmal folgt ein Klinikaufenthalt, den rechtzeitige Hilfe hätte verhindern können. Manche glauben, der „Psycho-Onkel“ sitzt einfach nur da und redet oder schweigt auch häufig. Nach einer erfolgreichen Psychotherapie kann eine Frau aber wieder arbeiten, ein Vater Kraft für seine Kinder finden und ein junger Mensch wieder Hoffnung schöpfen. Das ist keine Plauderstunde, sondern Psychotherapie verändert Leben und rettet manchmal auch Leben. Als Facharzt sage ich Ihnen: Wir wissen, wie wir helfen können, aber wir müssen Hilfe auch allen zugänglich machen. Deshalb müssen wir auch über die aktuelle Debatte in Berlin sprechen. Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz wurde beschlossen, psychotherapeutische Leistungen ab 2027 überwiegend wieder zu budgetieren. Nachbesserungen werden beraten, insbesondere für Kinder und Jugendliche sowie für dringende Fälle. Das ist wichtig, aber es reicht nicht – das sage ich ganz klar –, denn schon heute arbeiten viele Praxen an ihrer Belastungsgrenze. Mehr Therapieplätze entstehen nicht dadurch, dass man ihre Finanzierung deckelt. Ich sage ausdrücklich auch meinen eigenen Kolleginnen und Kollegen im Bund: Wer mehr Therapieplätze will, darf die Behandlung nicht finanziell ausbremsen. (Beifall von der SPD und Arndt Klocke [GRÜNE]) Wir fordern eine verlässliche extrabudgetäre Vergütung und eine angemessene Mindestvergütung je Behandlungsstunde. Nordrhein-Westfalen kann sich nicht hinter Berlin verstecken. Wir brauchen zusätzliche Kassensitze dort, wo sie fehlen. Wir müssen erfassen, wann eine Therapie wirklich beginnt, und nicht nur das Erst-15.10.2026 gespräch. Wir brauchen starke Gemeindepsychiatrische Verbünde und erreichbare Krisenhilfen. Wir haben vor allem einen konkreten Vorschlag: Entwickeln wir doch einfach die Psychiatrischen Institutsambulanzen weiter. Mit multiprofessionellen Teams versorgen diese Ambulanzen bereits heute Menschen mit besonders komplexem Behandlungsbedarf, sogenannte nicht wartezimmerfähige Patienten. Wir wollen sie in Regionen mit erheblichen Versorgungslücken dezentral stärken und durch eine Reform des Bundesrechts gezielt für ambulante Hilfen öffnen – als Ergänzung zu niedergelassenen Praxen und eng verzahnt mit Psychotherapie, Sozialpsychiatrischen Diensten und Hilfe vor Ort –, damit die Menschen eben nicht von Warteliste zu Warteliste geschickt werden, sondern Hilfe endlich bei ihnen ankommt. (Beifall von der SPD und Arndt Klocke [GRÜNE]) Vergessen wir nicht: Seelische Gesundheit entsteht nicht nur in einer Praxis. Arbeitsbedingungen, Einsamkeit, Armut, Klimakrise und digitale Medien beeinflussen all unser Leben. Deshalb ist das eine Aufgabe für die gesamte Politik. Lange Wartezeiten und unterfinanzierte Praxen sind kein Schicksal und kein Naturgesetz, sondern sie folgen politischen Entscheidungen. Deshalb können wir sie auch politisch verändern. Machen wir aus „Miteinander statt nebeneinander“ endlich gelebte Solidarität. Wir alle sind betroffen, und wir alle tragen Verantwortung. Bleiben Sie gesund! (Beifall von der SPD und der FDP)

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