Julia Eisentraut
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg*innen der demokratischen Fraktionen! Wir sind uns alle einig: Weiterbildung und berufliche Orientierung sind wichtig; denn die Zeiten verändern sich, Berufe und Anforderungen verändern sich. Menschen müssen die Chance haben, sich im Laufe ihres Berufslebens neue Kompetenzen 14.10.2026 anzueignen, sich weiterzubilden und ganz neue berufliche Perspektiven einzunehmen. Gerade angesichts der zunehmenden Digitalisierung brauchen wir gute Weiterbildungsangebote und offene Zugänge zu neuen Berufsfeldern. Ja, wir haben auch einen Fachkräftemangel in der IT. Gleichzeitig muss man sagen, hat sich in den letzten Jahren – auch laut Bitkom – die Zahl der unbesetzten Stellen deutlich reduziert. Wir sind also auf dem Weg, die Stellen zu besetzen. Bei drei Aspekten läuft mir der Antrag zu kurz und auch in die falsche Richtung. Das Erste ist: Wir haben viele gut ausgewältigte Fachkräfte. Viele davon arbeiten in Teilzeit oder in anderen Berufen. Da muss man sich einmal fragen, warum. Es liegt viel Potenzial bei Eltern und bei Teilzeitkräften, weil Arbeitszeiten nicht flexibel genug sind. Gerade in der IT – ich bin selbst Informatikerin – funktioniert das herausragend gut. Es gibt einen Fachkräftepool, gerade auch von Menschen mit Behinderung und von qualifizierten Eltern, der nicht gehoben wird. Darüber müssen wir dringend reden, um die Fachkräfte, die jetzt schon da sind, in ihren Berufen zu halten und ihnen dort Möglichkeiten zu bieten. Das Zweite, was in dem Antrag zu kurz kommt, ist die Frage nach guten Arbeitsbedingungen. Wenn wir jetzt den Quereinstieg systematisch ermöglichen sollten, dann muss auch klar sein, dass die Menschen dort lange eine Perspektive, sichere, unbefristete Jobs und auch gute Bezahlung haben. Auch das kommt in dem Antrag nicht vor. Der dritte Punkt, der mir nicht aus dem Kopf geht, ist das, was gerade viele Studienabgänger*innen berichten. Gerade in der IT schwinden immer mehr Einstiegsstellen, sprich: man schließt ein Studium ab, man schließt gerade eine duale Ausbildung ab und findet dann nicht die Juniorposition, die man eigentlich braucht, um sich weiterzubilden. Noch sind sich noch nicht alle ganz sicher, ob das gerade eine konjunkturelle Phase ist, oder ob es auch mit dem Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz zur Programmierung zusammenhängt. Fakt ist aber: Die Arbeitslosenzahlen von studierten und von ausgebildeten Informatiker*innen steigen gerade. Auch das lässt der Antrag komplett weg. Diese Gruppe ist aber da. Sie hat das Fachwissen, und wir müssen schauen, dass sie in den Arbeitsmarkt kommt. Noch ein Wort zur Frauenförderung: Ich habe selbst Informatik studiert, und es ist vielleicht von einer Informatikerin im Plenarsaal ein bisschen ein ironischer Hinweis. Die Frage lautet aber doch: Wie halten wir Frauen eigentlich in diesen Berufen? Wir haben an anderer Stelle schon einmal darüber gesprochen, wie wichtig es ist, Arbeitsbedingungen Landtag und Arbeitsumfelder zu schaffen, die für Frauen in der IT angenehm sind. Ich selbst – das habe ich damals auch erzählt – habe genug Diskriminierung aufgrund meines Geschlechtes im Beruf erfahren, und aus diesen Feldern gehen gut ausgebildete Frauen eben auch raus, weil sie sich den Job dann aussuchen können. Wenn wir wirklich wollen, dass Fachkräfte in der Informatik bleiben, wenn Frauen IT-Berufe ergreifen, dann ist die Frage der Arbeitsumfeldkultur total wichtig. (Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU) Zum Abschluss: Wir wollen Weiterbildung stärken und wir wollen Menschen beim beruflichen Wechseln unterstützen und lebenslanges Lernen möglich lassen. Eine Fachkräftepolitik, die sich auf einzelne Branchen und auf Quereinsteiger fokussiert, spielt aber verschiedene Berufsgruppen gegeneinander aus und schaut sich nicht das Bild als Gesamtes an. Vor allem stellt sie nicht den Mensch in den Fokus, sondern – das wundert bei der FDP jetzt, ehrlich gesagt, nicht – die Bedürfnisse der Unternehmen. (Franziska Müller-Rech [FDP]: Oh! Oh!) Deshalb reicht es nicht, einfach mehr Quereinsteiger*innen zu fordern. (Weitere Zurufe von Franziska Müller-Rech [FDP]) – Ich sehe, ich habe getroffen. Dass Unternehmen im Fokus der FDP-Politik stehen, ist schon wichtig. (Beifall von den GRÜNEN – Zurufe von Fran- ziska Müller-Rech [FDP] und Tim Achter- meyer [GRÜNE]) Also, der Antrag stellt die Frage nach Fachkräften für Unternehmen in den Mittelpunkt und nicht die Frage, ob Menschen lebenslang die Chance haben, sich neu zu entwickeln und damit gute Stellen zu finden. Das ist eine Feststellung. (Beifall von den GRÜNEN) Damit können sie leben oder auch nicht. Ich lese den Antrag auf jeden Fall so. Wir müssen schauen, dass Menschen in diesen Zeiten Anschlussbeschäftigungen finden. Dafür hilft es nicht, sich einzelne Branchen und Quereinsteiger*innen alleine anzuschauen. Deshalb lehnen wir den Antrag ab. – Vielen Dank. (Beifall von den GRÜNEN)
