Jochen Ott
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Im Oktober des letzten Jahres erhielt der Musiker Ozan Ata Canani den Holger Czukay Preis für Popmusik der Stadt Köln. Auf der Preisverleihung sagte er einen denkwürdigen Satz, nachdem er viel Applaus für sein Lebenswerk erhalten hatte. Er sagte – sichtlich gerührt –: Danke, dass ich heute zum Stadtbild gehören darf. Das saß. Das ging unter die Haut. Ich habe nur gedacht: Ich bin froh, dass du zum Stadtbild gehörst. Ich bin dankbar, dass du zu uns gehörst. Dieses Land wäre ohne Ozan Ata Canani ärmer. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Sein Lebensweg steht stellvertretend für den Lebensweg von Millionen anderer Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Bis 1973 kamen rund 14 Millionen Menschen aus ganz Europa nach Deutschland, um zu arbeiten, um anzupacken, weil bei uns die Hände fehlten. 3 Millionen Menschen blieben. Sie machten Deutschland zu ihrer Heimat. Sie arbeiteten unter Tage, in der Stahlproduktion und in vielen anderen Wirtschaftsbranchen. Nicht wenige wurden ausgebeutet, zu viele diskriminiert. Ihre Kinder haben wir oft nicht so gefördert, wie wir es hätten tun müssen. Bildungsaufstieg wäre häufiger möglich gewesen. Das war ungerecht, und es war ein Fehler zu unser aller Lasten. Das tut mir sehr leid. (Beifall von der SPD und Gönül Eğlence [GRÜNE]) Und doch haben es viele ihrer Kinder und Enkel geschafft. Auf der Musikmeile von Bocklemünd in meinem Wahlkreis traf ich am vergangenen Samstag den deutsch-türkischen Musiker Muhabbet. Er trat dort auf und sagte auf der Bühne: Das Bürgerhaus hier vor Ort hat mich gerettet. Vor über 20 Jahren begann er dort als Murat in einer von vermeintlich rot-grünen Sozialarbeitern geleiteten Musik-AG. Heute ist er ein Musikstar mit über 3 Milliarden Streams und in ganz Europa bekannt. Das nenne ich eine deutsche Aufstiegsgeschichte. (Beifall von der SPD, Matthias Kerkhoff [CDU] und Josefine Paul [GRÜNE]) Es zeigt übrigens auch, wie wichtig soziokulturelle Zentren, Jugendzentren, OTs und Bürgerzentren vor Ort sind, um Aufstieg in diesem Land zu ermöglichen. Es gibt Millionen andere Beispiele. Die Kinder und Enkelkinder der Zuwanderer sind heute geachtete Kolleginnen und Kollegen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ärzte, Unternehmerinnen, Facharbeiter, Abgeordnete und Ministerpräsidenten. Auch das sagt viel über unser Land aus. Darauf können wir stolz sein. Landtag (Beifall von der SPD, Gönül Eğlence [GRÜNE] und Josefine Paul [GRÜNE]) Ein Punkt ist mir besonders wichtig: Wenn wir über die erste Generation sprechen, dann denken wir oft an Männer. Es kamen aber auch viele Frauen, um zu arbeiten. Sie wurden oft schlechter bezahlt – so, wie die griechischen, türkischen, jugoslawischen, italienischen Frauen bei der Firma Pierburg in Neuss. Sie kämpften erfolgreich gegen eine diskriminierende Bezahlung in der Leichtlohngruppe 2. Dies galt und gilt als Initialzündung für das politische Selbstbewusstsein von Migrantinnen in Deutschland. Genauso wichtig waren aber die Frauen, die sich um die Familie und den Haushalt kümmerten. Sie kamen in ein fremdes Land mit fremder Sprache und Kultur. Sie haben vieles aufgegeben, vieles ertragen und ihre Familien zusammengehalten. Wir dürfen sie nicht vergessen. Wir dürfen diese Frauen nicht vergessen! (Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Heute gibt es Nationalisten und Rechtsradikale, die die Verdienste dieser Einwanderergeneration gegen die Wiederaufbauleistung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ausspielen wollen. Dazu will ich einiges sehr klar sagen. Erstens. Es waren Nationalisten und Rechtsextremisten, die Deutschland in Schutt und Asche gelegt haben. Ohne ihren Krieg wäre gar kein Wiederaufbau nötig gewesen. Die Rechtsextremisten von heute wollen das vergessen machen, aber das werden wir nicht zulassen. Wir werden daran immer wieder erinnern. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von der CDU, den GRÜNEN und der FDP) Zweitens. Ohne die Zuwanderer hätte sich das Wirtschaftswunder der 60er-Jahre nicht fortgesetzt. Dank ihnen konnte die Wirtschaft wachsen. Sie haben Deutschland reicher gemacht. Sie haben in diesem Land Wohlstand geschaffen. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von der CDU, den GRÜNEN und der FDP – Beifall von Hendrik Schmitz [CDU]) Deshalb sind sie Teil unserer Geschichte und unserer Zukunft. Ihren Kindern und Enkeln, die Teil unserer Zukunft sind, möchte ich heute zurufen: Her şey için teşekkür ederim! Mille grazie! Muchas gracias! Muito obrigado! Dziękuję za wszystko! Danke euch für alles! (Beifall von der SPD, Jens Kamieth [CDU], Gönül Eğlence [GRÜNE] und Dr. Werner Pfeil [FDP]) Kollegin Paul hat darauf hingewiesen, dass es gut ist, dass es DOMiD gibt, weil es ein Erinnerungsort und 14.10.2026 eine Gedenkstätte, ein Museum für Einwanderung sein wird. Ich möchte Ihnen heute vorschlagen, einen Gedenkund Würdigungstag für die erste Einwanderergeneration in Nordrhein-Westfalen zu verankern. Gewürdigt werden sollten Menschen aus allen früheren Anwerberländern. Es soll kein Feiertag, aber ein sichtbarer, landesweiter Erinnerungstag mit einer würdevollen Veranstaltung des Landes sein. Als Zeichen der Anerkennung und der Dankbarkeit sollten an diesem Tag alle Gebäude öffentlich beflaggt werden. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN) Ein solcher Gedenktag würde auch zeigen, was für ein Land Nordrhein-Westfalen ist: das Land der Arbeit, ein Land der Freiheit. Wir sind sozial und weltoffen, tolerant und vielfältig. So soll Nordrhein-Westfalen bleiben. – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD und Matthias Kerkhoff [CDU] – Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)
