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Josefine Paul

GRÜNE 14.10.2026 Sitzungen 18/132

Vielen Dank. – Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Am 30. Oktober 1961 wurde in Bonn das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterschrieben – nur zwei Seiten Papier, die die Geschichte beider Länder nachhaltig prägen sollten und die das Leben so vieler Menschen prägten. Der Bedarf an Arbeitskräften in der noch jungen Bundesrepublik stieg mit dem wirtschaftlichen Aufschwung. Das Land brauchte Arbeitskräfte, und es fand diese nicht zuletzt im Ausland. Deshalb steht das Anwerbeabkommen mit der Türkei in einer Reihe mit ähnlichen Abkommen, unter anderem mit Italien, Spanien, Griechenland, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und dem damaligen Jugoslawien. Deutschland war auf Arbeitskräfte angewiesen. Aber war das Land auch auf die Menschen vorbereitet, die damals kamen? Vom Autor Max Frisch stammt das berühmte Zitat: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Beide Seiten dachten damals zunächst nur an einen Aufenthalt auf Zeit. Für viele wurden daraus aber eine Zukunft und eine neue Heimat. Politik und Ver-14.10.2026 waltung waren zunächst aber nicht darauf eingestellt, Menschen beim Ankommen und bei der Teilhabe zu unterstützen. Es fehlten Strukturen für Integration und Teilhabe. Es sind auch die Erfahrungen dieser Menschen, die damals unter anderem über die Anwerbeabkommen zu uns nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind, die dazu beigetragen haben, dass wir heute diese einzigartige Integrationsinfrastruktur in Nordrhein-Westfalen haben. (Beifall von den GRÜNEN und Thorsten Klute [SPD] – Vereinzelt Beifall von der CDU) So ist die Geschichte der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die zu einem Teil unserer Gesellschaft wurden, einerseits eine Geschichte des Gelingens und des Zusammenwachsens – das ist etwas, was wir viel deutlicher betonen müssen –, aber auch eine Geschichte von enttäuschten Hoffnungen, zerplatzten Träumen, Einsamkeit, Heimweh und Entbehrungen. Nordrhein-Westfalen ist ein Einwanderungsland. Das ist eine historische Tatsache, und das ist unsere Alltagsrealität. Mit dieser Erkenntnis hat sich Deutschland aber lange schwergetan. Die Menschen, die als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Nordrhein-Westfalen kamen, haben einen wesentlichen Anteil am Wohlstand und an der Kultur unseres Landes. Die Lebensleistung dieser Menschen verdient unseren Respekt und unseren Dank. Ihr Beitrag zu unserer Gesellschaft verdient Anerkennung und Sichtbarkeit. Diese Vielfalt und diese Menschen prägen unser Land bis heute. Sie machen uns aus, und sie machen uns stärker. (Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU und der SPD) Rund 1 Million Menschen in Nordrhein-Westfalen haben biografische Wurzeln in der Türkei. Sie sind heute Teil unserer Gesellschaft. Sie gestalten unser Land mit. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte erleben aber bis heute Vorurteile, Rassismus und Ausgrenzung. Sie haben das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören, nicht von allen als selbstverständlicher Teil anerkannt zu werden. Viele Menschen treibt heute wieder die Angst um, dass Zugehörigkeit wieder infrage gestellt wird – nicht zuletzt, weil politische Kräfte auch in diesem Haus die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben. (Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU und der SPD) Deshalb ist die Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte gleichzeitig ein Aufruf an uns alle zur Verantwortung für unsere offene und vielfältige Gesellschaft und eine Mahnung, dass Vielfalt und Offenheit geschützt werden müssen. Landtag Nicht zuletzt deshalb ist das neue Landesantidiskriminierungsgesetz ein wichtiges Zeichen dafür, dass Menschen in unserem Land Schutz vor Diskriminierung erfahren und wir eine gemeinsame Kultur des Respekts und der Solidarität in unserem Land leben. (Beifall von den GRÜNEN und Lisa-Kristin Kapteinat [SPD] – Vereinzelt Beifall von der CDU) Die Geschichte von Migration und Zusammenwachsen ist aus der Geschichte NRWs gar nicht wegzudenken, aber auch hier fehlte lange das Bewusstsein für die Geschichten und die Erinnerungen von Menschen mit Migrationshintergrund. Bereits Ende der 1980er-Jahre fanden sich engagierte Menschen mit biografischem Türkeibezug zusammen, um die Geschichte und die Geschichten der Eingewanderten zu bewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus diesen kleinen Anfängen, damals noch in einer kleinen Essener Garage, wurde das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland – kurz: DOMiD –; ein einzigartiges Projekt für die Erinnerungskultur der Migrationsgesellschaft. Nun soll mit dem Museum Selma endlich ein zentrales Migrationsmuseum für Deutschland entstehen – aufbauend auf den Anfängen einer Migrantenselbstorganisation in einer kleinen Garage in Essen, hin zu einem Ort der Begegnung für unsere vielfältige Gesellschaft. (Beifall von den GRÜNEN und Matthias Kerk- hoff [CDU]) Das Anwerbeabkommen von 1961 hat Nordrhein-Westfalen und die Türkei nachhaltig geprägt. Viele Menschen mit biografischem Türkeibezug haben in NRW eine Heimat gefunden und stärken bis heute die Beziehung unserer Länder in menschlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Zu unserer Partnerschaft mit der Türkei gehört dabei selbstverständlich auch ein offener Dialog über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. (Beifall von den GRÜNEN) Die Beziehungen zur Türkei sind nicht zuletzt von der Geschichte geprägt, die vielleicht nicht damit angefangen, aber einen wichtigen Bezugspunkt zu den zwei Seiten eines Anwerbeabkommens hat. Deshalb ist es wichtig, diese Geschichte zu würdigen und diese Beziehungen in der Gegenwart weiterzuentwickeln. (Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU und der SPD)

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