Lena Zingsheim-Zobel
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleg*innen! Was wir hier gerade von Dr. Blex von der AfD gehört haben, sind rassistische Aussagen und Diskriminierungen vom Feinsten. (Beifall von den GRÜNEN, der CDU, der SPD und der FDP) IQ hat nichts, aber auch rein gar nichts mit der Herkunft zu tun. Aber vielleicht sind Sie dafür auch einfach … – ich weiß nicht. (Beifall von den GRÜNEN, der CDU, der SPD und der FDP – Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD]) Was denken sich Eltern, wenn sie in diesen Tagen medial die Debatte über die PISA-Studie und den Bildungsmonitor verfolgen? Wie fühlen sich Schüler*innen in unserem Land, wenn sie die Ergebnisse ihrer Generation lesen? Was für ein Gefühl bekommen unsere Lehrkräfte, wenn ihnen unterstellt wird, zu faul zu sein, obwohl sie tagtäglich an ihre Grenzen kommen? Die PISA-Studien sind schlecht. Daran ist nichts schönzureden. Und auch der Bildungsmonitor belegt ein Bild, das wir seit Jahren aus Forschung und Praxis kennen: Die Bildungschancen unserer Kinder sind immer noch viel zu sehr vom sozioökonomischen Status ihrer Eltern abhängig. Und in der Lage kommen dann Aussagen von der Bundesbildungsministerin Karin Prien über Eltern, denen Bildung nicht mehr so wichtig wäre. Zur gleichen Zeit wird bei Alleinerziehenden, leistungsempfangenden und einkommensschwachen Familien gekürzt. Das ist doch absoluter Wahnsinn. (Beifall von den GRÜNEN) Ich sage Ihnen das nicht nur als Bildungspolitikerin, sondern ganz persönlich auch als Mama von drei Kindern, eines davon seit zwei Wochen selbst Schulkind. Wie viel Bildschirmzeit ich selbst in den letzten zwei Wochen mit Kita- und Schul-Apps verbracht habe, wie viele Kilometer ich durch die Innenstadt gemacht habe, um Material zusammenzubekommen, und dafür Hunderte Euro ausgegeben habe, wie viel ich meine Kids in diesem neuen Lebensabschnitt 17.09.2026 begleitet habe, ist kaum zu fassen. Viele Mütter und Väter verbringen in diesen Tagen mindestens einen Elternabend in der Schule. Und jetzt kommt's: Ich bin studierte Sonderpädagogin, ich bin verdammt privilegiert, und ich weiß, wie ich mich im Schulsystem bewegen muss. Es geht hier nicht um die Frage, ob Eltern Bildung nicht mehr so wichtig finden. Es geht darum, Eltern zu bestärken und zu befähigen, dass sie es schaffen, ihre Kinder zu unterstützen. (Beifall von den GRÜNEN und Matthias Kerk- hoff [CDU]) Es geht darum, gute Bildungspartnerschaften zwischen Schule und Eltern aufzubauen. Es geht hier um Mut und Machbarkeit. Eltern wie Lehrkräfte und alle an Schulen Arbeitenden wollen unseren Kindern die besten Chancen ermöglichen. Und trotzdem: Fast ein Fünftel aller Schüler*innen verlässt die Schule ohne einen Abschluss. Hinter diesen Zahlen stehen Schüler*innen, die Gefahr laufen, die Schule ohne die Kompetenzen zu verlassen, die sie für ihr weiteres Leben brauchen, für den weiteren Bildungsweg, den Beruf und, ja, auch für die gesellschaftliche Teilhabe. Klassenwiederholungen und Schulabbrüche können wir uns alle miteinander schlicht nicht mehr leisten. Wir haben also Handlungsbedarf. So weit die Ausgangslage. Jetzt schauen wir doch einmal, was wir in Nordrhein-Westfalen darauf antworten. Wir setzen in NRW bereits mehrere Handlungsempfehlungen um, die der Bildungsmonitor empfiehlt: Erstens: frühkindliche Bildung und Sprachförderung. Das haben wir vor der Sommerpause – also noch ganz frisch – beschlossen. Wir investieren 50 Millionen Euro mehr für Sprachförderung in unseren Kitas, und mit über 200 Millionen Euro jährlich bringen wir mehr Verbindlichkeit durch die ABC-Klassen in die Sprachförderung. (Beifall von den GRÜNEN) Zweitens: Ressourcensteuerung nach Sozialindex. Den Sozialindex haben wir in Nordrhein-Westfalen, und das bundesweite Startchancen-Programm wurde genau daran angelegt. 923 Schulen profitieren in herausfordernden Lagen, doch angesichts der Studienlage müssen wir da vielleicht auch noch einmal gucken, ob das ausreicht. Drittens: Infrastruktur und Schulentwicklung. Gemeint sind hier Ganztagsplätze, multiprofessionelle Teams und datenbasierte Steuerung. Ganztagsplätze sind in Nordrhein-Westfalen vorhanden. Mit dem Schulkompass NRW 2030 bringen wir mehr Lernstandserhebungen ins Land und befragen unsere Schüler*innen zu ihrer Haltung in der Schule. Landtag Das sind drei Beispiele, die zeigen, dass wir dran sind. Nein, niemand kann heute versprechen, dass all diese Maßnahmen ausreichen werden. Wir müssen ihre Wirkung überprüfen und nachsteuern, wenn etwas nicht funktioniert. Aber wir sollten auch nicht so tun, als könnten Maßnahmen, die gerade erst anlaufen oder beschlossen wurden, die Ergebnisse von heute bereits verändert haben. Das, was wir hier anlegen, sind neue strukturelle Veränderungen, vor denen Sie, liebe FDP – da gucke ich einmal auf den Antrag –, wirklich Angst zu haben scheinen. Strukturellen Benachteiligungen können wir nur mit strukturellen Veränderungen begegnen. (Beifall von den GRÜNEN – Jochen Ott [SPD]: Dann wäre es doch schön, wenn Sie damit an- fangen würden!) Wenn Sie also auch den Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildungsungerechtigkeit beerdigen wollen, dann dürfen Sie sich auch nicht vor der Frage scheuen, inwiefern das gegliederte System und die frühe Entscheidung über Bildungsbiografien nach vier Schuljahren ihren Teil dazu beitragen. (Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) Wer Chancengleichheit ernst meint, muss doch dafür sorgen, dass Kinder möglichst lange die Chance haben, sich zu entwickeln, und nicht möglichst früh entscheiden müssen, in welche Schublade sie gehören. (Beifall von den GRÜNEN – Zuruf von Fran- ziska Müller-Rech [FDP]) Natürlich ist unser Schulsystem durchlässig, es ist aber doch auch offensichtlich, dass wir mit den Ergebnissen von PISA und vom Bildungsmonitor attestiert bekommen haben, dass es eher absteigend als aufsteigend ist. Ein einmal eingeschlagener Bildungsweg prägt Erwartungen, Freundeskreise, Lernumfelder, Selbstbewusstsein und weitere Chancen. Wir legen in Nordrhein-Westfalen gerade richtig wichtige Bausteine dafür, dass unsere Jüngsten einen gelingenden Bildungsweg starten können. Er darf sehr gerne sehr individuell und auf die Stärken unserer Kinder ausgelegt sein. Denn in Nordrhein-Westfalen zählt nicht one-size-fits-all, sondern es ist sehr individuell und von Vielfalt geprägt. Ein Blick in den internationalen Vergleich lässt vermuten, dass wir mit mehr Verbindlichkeit, mehr datengestützter Unterrichtsentwicklung und dem Sozialindex auf dem richtigen Weg sind. Ich kann nur dazu einladen, das alles jetzt nicht schon klein zu machen oder abzustreiten. Denn was ist denn, wenn es gut wird? – Vielen Dank. (Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU) 17.09.2026
