Jochen Ott
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Ergebnisse von PISA 2025 markieren einen historischen Tiefpunkt. Noch nie haben Jugendliche in Deutschland in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften schlechter abgeschnitten. Rund ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt die Mindeststandards – ein Befund, der nicht nur 17.09.2026 individuelle Bildungsbiografien, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe, demokratische Handlungsfähigkeit und die wirtschaftliche Zukunft Nordrhein-Westfalens gefährdet. Der eigentliche Skandal ist jedoch die soziale Ungleichheit. Während andere OECD-Staaten den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg verringern konnten, ist er in Deutschland so groß wie nie zuvor. Die soziale Lage der Familien ist der entscheidende Faktor und weit bedeutsamer als die Frage nach Migration. Entscheidend ist nicht, woher ein Kind kommt, sondern, unter welchen Bedingungen es aufwächst und welche Chancen unser Bildungssystem eröffnet. Nordrhein-Westfalen kann sich nicht hinter dem Bund verstecken. Der IQB-Bildungstrend zeigt für NRW ähnlich alarmierende Werte. In Klasse 4 verfehlen rund 26 % die Mindeststandards in Deutsch, in Klasse 9 sogar über 40 % in Mathematik. Der Bildungsmonitor bestätigt: Die Basiskompetenzen sinken, die Gruppe der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler wächst, und die soziale Herkunft entscheidet weiterhin viel zu stark über den Bildungserfolg. Diese Entwicklung ist nicht nur eine pädagogische Krise, sondern auch eine wirtschaftliche Krise. Schon jetzt vergeht kein Gespräch mit Handwerkskammern und Industrie- und Handelskammern, in dem diese nicht darauf hinweisen, dass sie einen Kompetenzverlust bei jungen Leuten sehen. Aber das – das muss man ihnen zurufen – ist erst der Anfang, weil die gerade Getesteten erst noch auf den Arbeitsmarkt kommen werden. Bildungsökonom Ludger Wößmann zeigt, dass der Kompetenzverlust der letzten Jahre langfristig einem Rückgang des Erwerbseinkommens von 3 bis 4 % entspricht. Im Vergleich: Zur Zeit vor der Pandemie waren es sogar 9 bis 10 %. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung beziffert das Potenzial besserer Bildungsleistungen in Nordrhein-Westfalen auf im Schnitt 600 Milliarden Euro. Dazu müssten wir die Zahl der Schüler, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, um 50 % senken. Wir müssten 20 % mehr im Regelbereich und 30 % mehr in der Spitzengruppe erreichen. Das ist absolut möglich. Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir müssen nur endlich damit anfangen! (Beifall von der SPD) Wer heute an Bildung spart, der vernichtet morgen Einkommen, Fachkräfte, Innovationskraft und Wohlstand. Trotz dieser dramatischen Befunde setzt die Landesregierung auf ein Weiter-so: Schulkompass, neue Tests, Zielvereinbarungen, ABC-Klassen – ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen, aber keine Strate-Landtag gie. Tests fördern kein Kind. Diagnosen ersetzen keine Förderstunde. Zielvereinbarungen stellen keine Lehrkraft ein. Testen ist kein Fördern. Die Realität in den Schulen ist mehr als bitter. 52 % der Schülerinnen und Schüler besuchen Schulen, an denen fehlende Lehrkräfte zu schlechteren Leistungen führen. Das System ist überlastet. Grundlegende Reformen sind notwendig und überflüssig. Aber sie kommen für die Jugendlichen, die heute in der 7., 8. oder 9. Klasse sind, zu spät. Deshalb brauchen wir in NRW ein Sofortprogramm, das jetzt und nicht erst 2030 wirkt – ein Programm, das an den bestehenden Strukturen von „Ankommen und Aufholen nach Corona“ anknüpft; ein Programm, das schnell, unbürokratisch und gezielt bei den Jugendlichen ankommt; ein Programm für 1.865 Schulen mit Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen. Dieses Sofortprogramm muss aus vier klar definierten Bausteinen bestehen. Erstens: Extra-Geld. Schulen und Schulträger erhalten eigene Budgets für zusätzliche Förderung. Lernförderung und Hausaufgabenhilfe müssen kostenlos sein. Der Geldbeutel der Eltern darf nicht länger über Bildungschancen entscheiden. Bildungsgutscheine und schulische Förderangebote sollen Lernrückstände gezielt abbauen. Zweitens: Extra-Personal. Für zusätzliche Förderstunden in Deutsch und Mathematik braucht es mehr Menschen. Bauen Sie alle Hürden ab, damit pensionierte Lehrkräfte endlich unterstützen können. Machen Sie es wie in Hamburg, und stellen Sie kurzfristig Lehramtsstudierende ein – für ein Gehalt, das über dem liegt, was Studierende durchschnittlich verdienen. Erste praktische Berufserfahrungen wären da noch ein zusätzlicher Effekt. Sie ersetzen keinen regulären Unterricht. Aber sie können Nachhilfe geben und fördern. Das würde unsere Lehrerinnen und Lehrer entlasten und unterstützen. Drittens: Extra-Zeit. Jugendliche mit Lernrückständen brauchen mehr Lerngelegenheiten, nicht einfach mehr vom gleichen Unterricht. Ferien- und Wochenendangebote sollten mit Lernen, Sport, Kultur und Gemeinschaft verbunden sein. Schulen sollten Freiräume erhalten, um Unterrichtszeit gezielt auf Lesen, Schreiben und Mathematik auszurichten, verbunden mit klaren Förderzielen und transparenter Überprüfung. Viertens: ein Extra-Blick auf jedes Kind. Eine fundierte Diagnose des Sprach- und Lernstands sowie der psychosozialen Situation ist nötig. Aber keine zusätzlichen Tests ohne eine zusätzliche Förderung! (Beifall von der SPD) Diagnostik ist nur sinnvoll, wenn für die festgestellten Schwächen dann auch Unterstützung folgt. 17.09.2026 Über dieses Sofortprogramm müssen wir jährlich 100 Millionen Euro über fünf Jahre bereitstellen. Das dürfte schon über den Etat für den Bereich „Bildung“ in Höhe von 44,4 Milliarden Euro zu finanzieren sein. Da Sie am Ende wieder über 8.000 Stellen nicht besetzen werden, stünde bereits genügend Geld im System zur Verfügung. Oder nehmen Sie es von den 2,5 Milliarden Euro, die Sie für eine mögliche Pandemie vorgesehen haben. Denn diese Bildungskrise ist real, und sie muss endlich bekämpft werden. (Beifall von der SPD) Das ist auch kein Luxus, sondern eine Investition in die Zukunft unseres Landes. Das Sofortprogramm – das sage ich deutlich – ersetzt keine langfristigen Reformen. Aber es ist jetzt das notwendige Rettungsseil für eine ganze Schülergeneration, die von der Landesregierung derzeit einfach im Stich gelassen wird. Gleichzeitig brauchen wir eine große Bildungsreform. Es muss früher angesetzt werden – mit starken Kitas, einem Chancenjahr statt ABC-Klassen, multiprofessionellen Teams, einer sozialindexbasierten Ressourcenverteilung und einem Ganztag, der Lernzeit, Förderzeit und Lebensraum ist. Leistung und Chancengleichheit sind keine Gegensätze. Aber wir werden nur besser, wenn wir unsere Kinder endlich stark machen. PISA verlangt eine verlässliche Bildungsstrategie und ein Sofortprogramm, das jetzt sofort hilft. – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD)
